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Schauspieler Carsten Stahl motiviert Schüler zum Kampf gegen Gewalt

Schauspieler Carsten Stahl motiviert Schüler zum Kampf gegen Gewalt und seelische Demütigung

»Germany’s Next Topmodel ist Mobbing pur«: Carsten Stahl wettert gegen seinen früheren Arbeitgeber.  FOTO: WURSTER
»Germany’s Next Topmodel ist Mobbing pur«: Carsten Stahl wettert gegen seinen früheren Arbeitgeber. Foto: Steffen Wurster
»Germany’s Next Topmodel ist Mobbing pur«: Carsten Stahl wettert gegen seinen früheren Arbeitgeber.
Foto: Steffen Wurster

REUTLINGEN. »Ihr denkt, das ist laut? Das geht noch viel lauter«, Carsten Stahl ist kein Mann der leisen Töne. Ein Kerl wie ein Schrank, alles Muskeln und Tattoos, sein Logo ist eine stählerne Variante des Superman-Zeichens. Am Mittwoch war der Mobbing-Experte zu Gast in der Wing Tsun Academy, einer Selbstverteidigungsschule in Reutlingen. Gewaltprävention und Probleme auf dem Schulhof sind Themen, die schon länger auf der Agenda von Academy-Leiter Mohammed Inse stehen. Da bot es sich an, den Promi zu einem Seminar einzuladen.

Stahl ist bekannt aus Doku-Soaps. Bei RTL 2 gab er jahrelang den harten Privatdetektiv. Seine Bekanntheit nutzt er nun für den Kampf gegen physische und psychische Gewalt auf Schulhöfen. »Kinder hören auf Kinder und mich akzeptieren sie«, meint der immerhin schon 45-Jährige, der sich viel jugendliche Begeisterungsfähigkeit erhalten hat. Die etwa 120 Kinder im Publikum folgen seinem engagierten Vortrag gebannt.

»Das Thema Mobbing wird totgeschwiegen«

Er selbst sei als Schüler gemobbt worden, wurde später Täter und auch sein Sohn sei Mobbingopfer. Der Mann ist in Neukölln aufgewachsen, der Berliner Kiez hat seit den Vorfällen an der Rütlischule einen entsprechenden Ruf. Sein Kind wurde aber nicht in Neukölln gemobbt, die Familie hatte es in ein gutbürgerliches Viertel gezogen – »mit viel Grün«. Schon am zweiten Grundschultag sei Sohn Nicolai trotzdem mit einer blutigen Lippe nach Hause gekommen.

Hier wird der Papa richtig laut. Er kann tatsächlich noch ein paar Dezibel zulegen. Nicolais Verletzung war sein entscheidendes Erlebnis. Seit vier Jahren hat sich Stahl nun ganz dem Kampf gegen Gewalt an Schulen verschrieben. Für den 45-Jährigen ist klar: »Mobbing gibt es an jeder Schule, die größte Lüge ist es, wenn ein Lehrer sagt ›Das gibt es bei uns nicht‹«.

Es sei im Gegenteil ein Massenphänomen. 500 000 bis zu einer Million Schüler würden jede Woche gemobbt. Was stimmen könnte. In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt über zehn Millionen Schüler. Studien schätzen, dass jeder sechste 15-Jährige schon gemobbt wurde, und die Attacken ziehen sich über Wochen und Monate. Bei der Frage an seine Zuhörer, wer schon selbst Mobbing-Zielscheibe gewesen sei, gehen fast alle Hände nach oben.

Selbstmord, erfahren die Zuhörer, ist in der Gruppe der 15- bis 20-Jährigen die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen. Auch Amokläufe an Schulen führt Stahl auf Mobbing zurück. Die Bildungseinrichtungen setzen sich nach Stahls Meinung mit dem Thema nicht offen auseinander: »Keine Schule will das Etikett Problemschule tragen. Mobbing wird totgeschwiegen.« Und die Politik nehme das Phänomen nicht ernst. »Mobbing steht ganz unten in den Parteiprogrammen, oder gar nicht.«

Vom Privatfernsehen, seinem früheren Brötchengeber, distanziert er sich heute deutlich. »Germanys Next Topmodell und Dschungelcamp sind Mobbing pur«, kritisiert er die Masche, mit Demütigung Quote zu machen. »Mobbing ist kein Problem der Schulen, es ist ein gesellschaftliches Problem.« Die Kids lernen in seinen Seminaren nicht, wie man einem Schläger in die Weichteile tritt, was man von einem Martial-Arts-Kampfsportler vielleicht erwarten könnte. Er fordert sie auf, zu allererst den Mut zu haben, zu erzählen, was ihnen angetan wurde und Unterstützung zu suchen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Opfer.

Was konnten die Kinder aus dem Seminar mitnehmen? Zunächst die Erkenntnis, nicht alleine zu sein. Auch ganz große, starke Männer hat es schon erwischt. »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, zitiert Stahl das Grundgesetz. Und dafür müsse man einstehen – an der Schule, auch als Kind.

Mohammed Inse will jetzt in der Wörthstraße einen Camp-Stahl-Stützpunkt gründen. Dort können sich Gewaltopfer an Stahl wenden. Und der ruft den Kids zu: »Ich werde kämpfen, kämpfen, kämpfen.« Da bricht der alte Kampfsportler durch. Schulhof-Bullies und träge Lehrer sollten sich warm anziehen. (GEA)