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Roman Mangold, ein Reutlinger Liedermacher »mit kleinem Migrationshintergrund«

Schwäbische Bescheidenheit ist eine Zier - aber für Künstler auch zwiespältig. Der Reutlinger Mundart-Liedermacher Roman Mangold hat eine originelle Lösung aus dem Dilemma gefunden. Denn zu loben gibt es an ihm allerhand.

Der schwäbische Liedermacher Roman Mangold (69) beim Proben in seinem »Büro« in der Reutlinger Römerschanze.
Der schwäbische Liedermacher Roman Mangold (69) beim Proben in seinem »Büro« in der Reutlinger Römerschanze. Foto: fop
Der schwäbische Liedermacher Roman Mangold (69) beim Proben in seinem »Büro« in der Reutlinger Römerschanze.
Foto: fop

REUTLINGEN. Eigenlob fällt Schwaben schwer. Deshalb klingt die Selbsteinschätzung von Roman Mangold zurückhaltend: »Ich bin ein bescheidener Gitarrist und habe keine gute Gesangsstimme«, sagt der 69-Jährige, der seit 16 Jahren mit seiner Frau in Reutlingen lebt. Aber: »Ich habe etwas zu sagen und gute Texte.« Das bestätigen Besucher von Veranstaltungen, bei denen er als schwäbischer Liedermacher jüngst verstärkt auftritt - und gefällt: Weil der gebürtige Friedrichshafener durchaus beachtliche Musikalität zeigt, am Mikro und an der Akustikgitarre. Dazu legt er Hirn und Wortwitz an den Tag. Vor allem bei seinen Hits aus den frühen 1980er-Jahren - "Schnôkaliad" und "und "Schpiegelei" auf die Melodie von "Yesterday" der Beatles. "Dô lachad dia sich he", das registriert natürlich auch der dreifache Vater.

Mangolds Musikalität hat ihre Wurzeln in der Kindheit: Ganz klassisch hat er als Bub mit der Blockflöte angefangen, lernte dann Geige und Gitarre, für den Spielmannszug beim »Seehasenfest« blies er die Querpfeife, war Teil einer Irish-Folk-Band und trommelte später in diversen Rockbands. Bis es ihm zu brachial wurde, als sich einmal im Publikum der ausverkauften Halle Rocker prügelten. Danach war er Teil einer Irish-Folk-Band, sang als schwäbischer Liedermacher und gründete ein Klezmer-Duo. Im Bach-Chor gesungen hat er auch mal.

Ein Dulcimer, viele Gitarren und andere Instrumente

Diese Vielfalt spiegelt sein »Büro« im Haus an der Römerschanze: Neben dem Klavier, das einer der Söhne zurückließ, stehen da eine selbstgebaute Bassgeige, Gitarren, Banjo, Mandoline, Mini-Ukulele und Saz, dazu etliche Congas und andere Percussion-Instrumente. Auf Tischchen finden sich ein Schellenkranz, Glockenspiel, Tin Whistle, Kazoo sowie Mundharmonika und ein Dulcimer - das hierzulande seltene Volksinstrument der Appalachen -, von denen er viele auch immer wieder bei Konzerten einsetzt.

Sein Berufsleben hat er - trotz eines »verkrachten Abiturs« - an Schulen zugebracht: An der Bodenseeschule war er Deutsch- und Musiklehrer. Dann bat ihn die Diözese Augsburg, dort mit seiner Frau, ebenfalls Lehrerin, eine katholische Grund- und Hauptschule nach dem Konzept des Marchtaler Plans aufzubauen. 2008 wechselte er als Schulamtsdirektor im Kirchendienst nach Rottenburg, und da seine Frau an der St. Wolfgang-Schule eine Lehrerstelle übernahm, zog die Familie nach Reutlingen. »Das Schöne ist, dass ich als Lehrer so viel machen konnte, was auch mein Hobby ist.« Dazu gehören auch Holzschneiderei, Theaterspiel und Tanz.

Liedtexte über eigene Schwächen

Heute schreibt und singt Mangold wieder in seiner Sprache, auf Schwäbisch. Mal ernst, mal heiter, das Repertoire passt er ans Publikum an. Wie beim Salatdressing gilt: »Ohne Essig isch's fad, aber bloß Essig gôhd au ed.« Aus aktuell 57 Stücken kann er wählen, 2024 kamen schon wieder elf neue dazu. Muss ein Liedermacher reifen, wie ein guter Balsamico? »Ich bin differenzierter geworden«, meint der Wahl-Reutlinger. Als Mittzwanziger waren seine Texte vielfach »appellartig«, jetzt singt er lieber über eigene Schwächen, schildert Beobachtungen und hofft darauf, »dass ich jemanden damit berühre«. Dem Publikum beim 1. Reutlinger »Offana Miggro« des Vereins Mund.art im »Rebstöckle«, im Metzinger Kulturforum und beim Sondelfinger Seniorenkreis gefiel jüngst etwa im Stück »Kloine Kadaschdrofa« die Zeile »wenn durch Reidlenga a Strôß mit zwoi Fahrschbura fihrt ond auf oira isch's Fahra verboda«. Auch wenn er seinem Vater, der jahrzehntelang als Feuerwehrmann anderen Menschen geholfen hat, »en dr Reddungsgass' da rode Debbich« ausrollt, spricht das Vielen aus dem Herzen.

"I glaub' i spinn'' auf Beethovens Fünfte

Musikalisch covert er - Santanas »Oye Como Va« mit dem eingeschwäbelten Ausruf »Oje!« scheint wie gemacht fürs Thema »Shoppen« aus der Perspektive des Ehegatten - und schreibt eigene Melodien. Zwischen Volkslied, Kinderlied, Rock 'n' Roll, Blues, Pop und Schlager - dem Lied »I glaub' i spinn« unterlegt er gar Beethovens 5. Sinfonie.

Als Vorbilder nennt er die frühe Nürnberger Krautrockband Ihre Kinder, Bob Dylan, Kriwanek, Wecker, aber auch Mordechaj Gebirtig. Doch Roman Mangold bleibt bescheiden: »I bin halt Amateur.« Fürs Selbstlob-Dilemma der Schwaben hat der drahtige Mann mit kurzem grauem Haar und Dreitagebart zumindest für sich übrigens einen Ausweg gefunden: Man kann sich morgens vor dem Spiegel doch sagen, »Herr, Du hôsch mi scho ganz guad nôgriagd«. Klingt bescheiden, und man lobt sich nicht mal selbst, sondern verweist auf den lieben Gott als übergeordnete Instanz. (GEA)

Nächster Auftritt bei »Kraut ond Riaba« im M59

Da der Reutlinger Liedermacher Roman Mangold als frischgebackener Rentner zwischen 2020 und 2022 durch Corona »von 100 auf 0 herabgebremst« wurde, nahm er Kontakt mit Mundart-Kollegin Friedel Kehrer auf. Die Zusage für einen kleinen Auftritt in der Reutlinger Vesperkirche beflügelte ihn so, dass er endlich eine belastende Schreibblockade überwinden konnte.

Bei »Kraut ond Riaba«, einem »schwäbischen Abend mit Wortwitz und Musik« in der Reutlinger Biosphären-Manufaktur M59, tritt er nun mit drei Mundartkünstlern aus der Region zusammen auf: Friedel Kehrer-Schreiber und Sonja Schneider aus Bronnweiler sowie Matthias Flad aus Dettingen/Erms. Am Donnerstag, 13. Juni, 20 Uhr, in der Metzgerstraße 59. Neben Liedern, Geschichten, Gedichten und Sprüchen gibt es dabei auch zu essen. Eintritt frei, die Veranstalter bitten um Spenden. (dia)