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Reutlingerin seit 30 Jahren für Menschen ohne Obdach da

Sylvia Bird ist eine humorvolle Frau, eine Schafferin mit Herz, die im Auftrag der Stadt Reutlingen seit 30 Jahren die Notunterkunft Glaserstraße in Schuss hält. Auch im nächtlichen Präsenzdienst der AWO bringt sich die 65-Jährige ein. Warum sie das tut und was sie in drei Dekaden Obdachlosen-Betreuung erlebt hat.

Ist seit 30 Jahren als »Herbergs-Mutter« in der städtischen Notunterkunft Glaserstraße tätig: Sylvia Bird (hier im Frühstücksrau
Ist seit 30 Jahren als »Herbergs-Mutter« in der städtischen Notunterkunft Glaserstraße tätig: Sylvia Bird (hier im Frühstücksraum sitzend) bezeichnet sich als »hart aber herzlich«. Man nimmt's ihr sofort ab - vor allem die Herzlichkeit. Foto: Frank Pieth
Ist seit 30 Jahren als »Herbergs-Mutter« in der städtischen Notunterkunft Glaserstraße tätig: Sylvia Bird (hier im Frühstücksraum sitzend) bezeichnet sich als »hart aber herzlich«. Man nimmt's ihr sofort ab - vor allem die Herzlichkeit.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Für Maria und Josef war's zweifellos eine höchst unerquickliche Erfahrung: diese Obdachlosigkeit in Betlehem. Sich als werdende Eltern des Heilands mit einem miefigen Stall bescheiden zu müssen, ist ja schließlich alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Wiewohl die beiden immerhin die Gewissheit hatten, ihre schäbige Notunterkunft alsbald wieder verlassen zu können. Verfügte das Paar in Nazareth doch über eine feste Bleibe.

So gesehen und etwas flapsig formuliert: Maria und Josef hatten Glück im Unglück. Existenzbedrohlich war ihre Lage jedenfalls nicht. Im Gegensatz zu der etlicher anderer Menschen im Hier und Jetzt, die längerfristig oder sogar dauerhaft auf der Straße leben müssen und mit ihren Habseligkeiten von Behelfsquartier zu Behelfsquartier ziehen.

Eine dieser Anlaufstellen mit Übernachtungsmöglichkeit befindet sich in der Reutlinger Glaserstraße. Es ist ein altes, renovierungsbedürftiges Haus mit steilen Stiegen, das Schlafgelegenheiten für maximal sechzehn Personen bietet: separat für vier Frauen und zwölf Männer, die sich eine einzige Dusche teilen müssen. Kärglich möbliert sind die Mehrbettzimmer, Platz für geselliges Miteinander gibt’s im ebenfalls nüchtern eingerichteten Frühstücks- und im Fernsehraum.

»Mein Vorteil war sicherlich, dass ich keine Berührungsängste hatte«

Komfort sucht man überall vergebens. Gemütlichkeit auch. Jedoch: Wohn-, Schlaf- und Sanitärbereich sind supersauber. In Schuss gehalten werden sie von Sylvia Bird, die sich seit nunmehr dreißig Jahren um Menschen kümmert, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Ob unverschuldet oder selbstverschuldet spielt dabei keine Rolle. Denn persönliche Verfehlungen sind in der Glaserstraße kein Thema. Niemand muss sich rechtfertigen. Aber alle müssen sich an die Hausregeln halten.

Sylvia Bird lächelt. Sie gehört zu jenen Zeitgenossen, die mit reichlich Humor gesegnet sind. Sich selbst charakterisiert die 65-Jährige als »hart, aber herzlich«. Was Grundvoraussetzung für ihren »Hausmeisterinnen-Job« sei, der danach verlange, auch mal resolut durchzugreifen, wenn es in der Glaserstraße allzu sehr menschelt: etwa, weil sich »Klienten« übers TV-Programm zoffen, weil sie futterneidisch reagieren oder die Nacht zum Tag machen wollen. In derlei Fällen, so die gebürtige Britin, muss ein Machtwort gesprochen werden. Und wenn das nicht fruchtet? Dann droht der Rauswurf. Im Worst Case wird die Polizei alarmiert.

Das alte Haus (beigefarbene Fassade) in der Glaserstraße beherbergt Menschen, die (vorübergehend) obdachlos sind.
Das alte Haus (beigefarbene Fassade) in der Glaserstraße beherbergt Menschen, die (vorübergehend) obdachlos sind. Foto: Frank Pieth
Das alte Haus (beigefarbene Fassade) in der Glaserstraße beherbergt Menschen, die (vorübergehend) obdachlos sind.
Foto: Frank Pieth

Das jedoch kommt vergleichsweise selten vor. »Die Leute respektieren mich, weil ich die Leute respektiere«, sagt Sylvia Bird, die sich binnen der zurückliegenden drei Dekaden zur souveränen »Herbergs-Mutter« gemausert hat, die mit Problemen umzugehen weiß. Was durchaus ein Lernprozess war. Denn anfangs, also anno 1995, »wagte ich nicht zu beurteilen, ob ich dem hier wirklich gewachsen bin«.

Ehrenamtlich hatte sich Bird zwar schon zuvor in der Glaserstraße engagiert. Aber eben nur gelegentlich und ohne volle Verantwortung schultern zu müssen. Denn die trug damals Birds Mutter.

»Sie war meine Vorgängerin und mein Vorbild.« Allerdings eines, dem die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung machte. Als feststand, »dass Mama nicht mehr arbeiten kann, habe ich mich beworben«. Hinzu kam, dass Bird zu diesem Zeitpunkt selbst jobsuchend war. Ihr Brötchengeber hatte ihr wegen Geschäftsaufgabe gekündigt.

AWO sucht ehrenamtliche Helfer

Die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe kann neben dem Hauptamt nur mit vielen engagierten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aufrechterhalten werden. Altersbedingt scheiden immer mehr Freiwillige aus. Deshalb ist die AWO dringend auf engagierten Nachwuchs in verschiedenen Bereichen angewiesen und freut sich über Menschen, die Freizeit oder Geld spenden. Gerne vereinbart die Wohnungslosenhilfe einen Termin für ein persönliches Gespräch, um Interessen auszuloten und Bedarfe abzuklären. Wer sich ein Ehrenamt bei der AWO vorstellen kann, ist gebeten sich entweder per Mail oder telefonisch zu melden: e.sutter@awo-reutlingen.org oder 071213590550. Geldspenden können über ein auf der Homepage eingestelltes Formular www.awo-reutlingen.org/spenden/ oder per Überweisung auf IBAN: DE23 6405 0000 0000 0625 43 – KSK Reutlingen getätigt werden. (GEA)

Bei der Stadt als Eigentümerin der Obdachlosenunterkunft wurde die damals 35-Jährige mit offenen Armen empfangen. Sie galt als Idealbesetzung. »Mein Vorteil war sicherlich, dass ich keine Berührungsängste hatte«, dafür aber umso mehr Motivation. Und die anfänglichen (Selbst-)Zweifel? Die entpuppten sich als unbegründet.

»Ich liebe meine Aufgabe«, sagt Sylvia Bird. Obschon sie streng genommen von Aufgaben im Plural sprechen müsste. Zumal die Reutlingerin seit circa zehn Jahren neben ihrer von der Stadt entlohnten Haushüterinnen-Tätigkeit zusätzlich für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) am Start ist: im nächtlichen Präsenzdienst und dortselbst im Wechsel mit elf weiteren AWO-Kräften.

»Früher waren es fast ausschließlich ältere Männer, die hier her kamen«

Los gehen diese Dienste um 18 Uhr, wenn sich die Tür in der Glaserstraße für Obdachlose öffnet. Bis 22 Uhr haben »Klienten« dann Gelegenheit, einzuchecken. Danach gibt’s keinen Zutritt mehr. Und um 22.30 Uhr (freitags und samstags um 23.30 Uhr) ist Bettruhe angesagt: mit Rücksicht auf jene Übernachtungsgäste, die zwar keine feste Bleibe, aber trotzdem einen Arbeitsplatz haben. »Die müssen am nächsten Morgen fit sein. Die brauchen ihren Schlaf.«

Erwerbstätig und trotzdem obdachlos? Das, so Sylvia Bird, sei bedauerliche Realität und in Zeiten explodierender Mieten längst keine Ausnahme der Regel mehr. Überhaupt habe sich die soziale Zusammensetzung in der Glaserstraße seit 1995 verändert. »Früher waren es fast ausschließlich ältere Männer, die hier her kamen.« Jetzt reicht das Altersspektrum vom Zwanzigjährigen bis hin zum Senior, geben sich einstmals betuchte und von Geburt an sozial benachteiligte Menschen die Klinke in die Hand. Auch der Frauenanteil ist deutlich gestiegen.

Die einen sind alkohol-, andere drogenabhängig und wieder andere psychisch krank. Manche wurden von den Eltern rausgeschmissen, einige sind durch Scheidung beziehungsweise Trennung wohnsitzlos geworden. Oder durch Arbeitsplatzverlust. Traurig, das alles. Jedoch: Es gibt auch Glücksmomente in der Glaserstraße. Kleine, wenn friedliche Geselligkeit bei Gesellschaftsspielen gepflegt wird. Große, wenn plötzlich ehemalige »Klienten« vor der Tür stehen, die die Kurve gekriegt haben.

»Es können nicht alle gerettet werden. Manche sind elendig zugrunde gegangen«

Dann geht in Sylvias Birds Herzen die Sonne auf. »Manche besuchen mich und stellen mir ihre Kinder vor. Manche wollen danke sagen, weil ihnen der Absprung gelungen ist« Darunter eine 24-Jährige, »der ich einmal gründlich den Kopf gewaschen habe«. Eine Standpauke, die ankam. »Sie hat daraufhin tatsächlich eine Therapie begonnen und erfolgreich abgeschlossen. Heute steht sie mit beiden Beinen fest im Leben!«

Wobei, da dürfe man sich nichts vormachen, »nicht alle gerettet werden können«. Bird hat Menschen kennengelernt, die »elendig zugrunde gegangen sind. Denen war einfach nicht zu helfen. Das muss man akzeptieren«. Überhaupt sei professionelle Distanz das Nonplusultra. »Man darf sich die Schicksale Dritter nicht zu Eigen machen, sonst läuft's schief.«

Nun, bei Sylvia Bird ist diesbezüglich nichts schief gelaufen. Sie empfindet ihre Berufstätigkeit auch nach 30 Jahren noch als »sinnvoll, abwechslungsreich und erfüllend«. Mit Blick auf Weihnachten erzählt sie, dass an Heiligabend in der Glaserstraße ein Festmahl aufgetischt wird. Dank einer großzügigen Spende dürfen sich - übrigens zum wiederholten Mal - »Klienten« und Nachtdienst über Spanferkel mit Rotkraut und Knödel freuen.

Die Advents- und Weihnachtszeit sei für die Glaserstraße ohnedies ein kulinarisches Highlight: weil es bemerkenswert viele Lebensmittelspenden gibt. »Eine Frau kocht sogar regelmäßig für uns und bringt die Speisen vorbei«. Kein Zweifel: Der Geist der Weihnacht beseelt und erhöht die Spendenbereitschaft. »Dafür sind wir sehr dankbar.« (GEA)