REUTLINGEN/MONTREUX. Fabienne Cevey-Schlegel lebte, bevor sie nach Reutlingen zog, den Teenager-Traum: Im Casino ihrer Heimatstadt Montreux gaben sich die größten Jazz- und Popmusiker ihrer Zeit die Klinke in die Hand: Sie ging zu Konzerten von Joan Baez, Pink Floyd und Canned Heat. »Ich habe mehrmals Santana gesehen. Und meinen über alles geliebten Cat Stevens!« Sie war auch im Konzert von Frank Zappa, als das Casino am 4. Dezember 1971 in Flammen aufging. Der Brand inspirierte Deep Purple zu ihrem Lied »Smoke on the Water«.
Es war eine aufregende Zeit: Als sich Cat Stevens während eines Santana-Konzerts einmal unter das Publikum mischte, ging sie mit einer Freundin zu ihm hin. Die Mädchen trugen Hot Pants und »Stiefel bis oben«, erzählt die gebürtige Schweizerin: »Man war damals geschminkt, auch in der Schule. Man trug Ketten, Ringe und weite Blusen, wie sie auch von Hippies getragen wurden.« Den Vorschlag des Sängers, nach dem Konzert gemeinsam etwas trinken zu gehen, lehnte Fabienne Cevey-Schlegel allerdings ab. Sie sagte: »Das würde meinem Vater nicht gefallen.« Dieser, Jean-Jacques Cevey, war damals Bürgermeister der Stadt. Ihm verdankte sie, dass sie nahezu jedes Konzert umsonst besuchen konnte, das sie sehen wollte.
Einladung von Cat Stevens abgelehnt
Ihr erstes war eins der Soulsängerin Roberta Flack. Da ging ihr Vater mit. Später durfte sie immer eine Freundin mitnehmen. »Mein Vater liebte Jazz und klassische Musik«, sagt Fabienne Cevey-Schlegel. Beide Elternteile seien musikalisch gewesen. »Die konnten super tanzen!« Sie selbst, das Einzelkind, »musste Klavier lernen« und bekam Gesangsstunden. Ihr Herz schlug bald für die Popmusik.
Aufgrund seiner besonderen kulturellen Veranstaltungen nahm Montreux eine Sonderstellung in der konservativen Schweiz ein. Es gab das Film-Festival »Rose d’Or«, zu dem Hollywoodstars anreisten. Noch berühmter wurde das noch heute jährlich veranstaltete Jazz-Festival. Dessen Veranstalter luden ab Mitte/Ende der 1960er-Jahre vermehrt Künstler aus dem Bereich der Popmusik ein. Für deren Engagement war ein junger Mann zuständig, der Claude Nobs hieß. Heute ist der Boulevard vor dem Casino Montreux nach ihm benannt.
Mit 16 beim Zappa-Konzert
»Er ging bei uns zu Hause ein und aus«, erzählt Fabienne Cevey-Schlegel. »Claude Nobs running in and out« lautet auch eine Zeile des Hardrock-Klassikers »Smoke on the Water« von Deep Purple. Im Dezember 1971 war die Band im Städtchen am Genfer See, um dort eine neue Schallplatte aufzunehmen. »Smoke on the Water« wurde ihr Hit, auch weil sich der Text von Sänger Ian Gillan direkt auf ein Ereignis bezog, das alle mitbekamen, die sich damals in Montreux und seiner näheren Umgebung aufhielten: Das Casino brannte ab.
Fabienne Cevey-Schlegel, damals 16 Jahre jung, war dabei: Gemeinsam mit ihrem damaligen Freund und Freundinnen von der Schule besuchte sie das Konzert von Frank Zappa. Mittendrin schoss jemand eine Leuchtfeuerpistole ab. Das Dach fing Feuer. Als Zappa »Fire!« rief, habe sie gedacht, er kündige das nächste Lied an. Doch dann begann er, mit seiner Gitarre Fensterscheiben einzuschlagen, um zu helfen. Es war ernst: »Die Zwischendecke war aus Rattan. Das brannte sofort. Wenn ich denke, dass ich da drin war, wird mir heute noch mulmig.«

Zwischendecke aus Rattan brannte sofort
Nachdem sie von der Feuerwehr aus dem Gebäude gerettet worden war, stellte Fabienne Cevey-Schlegel fest, wie viele Menschen sich vor dem Casino befanden: »Die Menge wollte nicht weg. Alle schauten zu, wie das Ding abbrannte.« Dann erst sei die Angst in ihr aufgestiegen. In Erinnerung an den Brand einer Disco in Frankreich wenige Wochen zuvor. Dort hatte es Tote gegeben. In Montreux gab es »nur« Beinbrüche von Menschen, die vom Balkon aus nach unten gesprungen waren.
Ihr Vater betrieb den Wiederaufbau des Casinos. Die Tochter verschlug es wenige Jahre später in die Region Neckar-Alb: Fabienne Cevey-Schlegel lernte dort ihren ersten Ehemann kennen. Sie kam zum Studium nach Tübingen und wollte Lehrerin werden. Ein Referendariat durfte sie als Ausländerin allerdings nicht machen, »weil ich meine schweizerische Staatsbürgerschaft auch nach der Heirat nicht verlieren wollte«.
Kontakte nach Montreux blieben
Stattdessen unterrichtete sie an der Volkshochschule, betreute Frauen der französischen Soldaten und wurde Mutter. Nach der Heirat mit ihrem heutigen Ehemann zog sie zu ihm nach Reutlingen, zwei weitere Kinder folgten. Irgendwann stellte Fabienne Cevey-Schlegel fest: »Die Welt brennt!« Vor sechs Jahren gehörte sie zu den Gründerinnen der Parents4Future, sie gehört dem Bundesvorstand an.
Der Kontakt nach Montreux, zu ihrem Freundeskreis und, bis zu deren Tod, zu ihren Eltern, hielt Fabienne Cevey-Schlegel stets aufrecht. Im Vorort Clarens besitze sie eine kleine Wohnung, nur durch eine Straße vom Strand am Genfer See getrennt. »Ich versuche, alle sechs Wochen hinzufahren. Das ist mein Hafen.« (GEA)


