REUTLINGEN . Wohngemeinschaften - das kennen die meisten aus den Lehr- oder Studienjahren. Unter anderem bedeutet es, auf kleiner Fläche mit teilweise gemeinsam genutzten Räumen zu leben. Zunehmend werden solche Wohnformen aber auch für Ältere diskutiert, denn sie bieten einen Weg der drohenden Vereinsamung zu entgehen. Wahre Pionierinnen in der Umsetzung eines solchen Projektes sind die Gesellschafterinnen der Wigwam-GmbH (»Wohnen in Gemeinschaft, wertschätzendes, achtsames Miteinander«), deren Wohnprojekt in der Hans-Reyhing-Straße kürzlich den 10. Geburtstag gefeiert hat.
Wie ist die Bilanz der Bewohnerinnen nach dieser Dekade Gemeinsamkeit? Rundum positiv, wie vier von ihnen bei einem Besuch des GEA glücklich berichten. Der größte Vorteil dieser Wohnform sei, da sind sich alle einig: »Man ist nie allein«. Habe man Lust auf einen Kaffee, finde sich schnell jemand, der ein Tässchen mittrinkt. Gehe es einem nicht so gut, übernehmen die anderen den Einkauf mit. Einmal im Monat gibt es eine Hausversammlung, in der wichtige Dinge besprochen werden, zudem locken gemeinsame Unternehmungen oder Treffen im großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss - vom Maultaschen- oder »Semmelnknödeln« machen (»da sind wir zwischenzeitlich Expertinnen«) bis hin zu Lesungen. »Einsamkeit ist ja oft für Ältere ein Problem«, sagt Heide Hildebrand, vor allem, wenn man allein in einem eigenen Haus lebe. Ein Problem, das in Wigwam nicht existiert.
»Einsamkeit ist ja oft für Ältere ein Problem«
Aber kann diese Nähe nicht auch einengen? »Natürlich ist im Lauf der Jahre eine gewisse Intimität entstanden,« sagt Ulrike Droll. Die Damen sprechen gerne von »Wahlverwandtschaften« - also einer Art selbstgewählte Familie. Allerdings steht es jedem und jeder frei, sich zu beteiligen - oder eben auch nicht. »Wenn ich meine Ruhe haben will, schließe ich einfach die Tür«, sagt Kirsten Levene. Und sie muss es wissen: Sie ist nämlich eine von zwei Wigwam-Bewohnerinnen, die in einer »echten« WG wohnt - sie teilt sich mit einer Mitbewohnerin Küche und Bad, hat jedoch eine separate Eingangstür und zwei eigene Zimmer.
Die anderen acht Bewohner haben jeweils eine komplette Wohnung für sich, mit einer Größe zwischen 40 bis 55 Quadratmetern. Alle Wohnungen sind barrierefrei, es gibt einen Außenaufzug und die Türen sind extra breit, damit man mit dem Rollstuhl oder Rollator durchpasst. Das Haus wurde in Modulbauweise erstellt, dadurch sind auch unterschiedliche Aufteilungen möglich. So gab es in früheren Jahren schon mal eine größere WG mit zwei gemeinsamen Bädern und Küchen, Studenten bewohnten die Zimmer, und auch Ehepaare haben schon im Wohnprojekt gelebt. Allerdings sind nach wie vor Frauen die bevorzugten Adressatinnen, einfach, weil sie sich auf dem Wohnungsmarkt oft schwerer tun. Zudem sind sie meist aufgeschlossener und flexibler als Männer, deshalb eher bereit, sich auf ein solches Wagnis einzulassen. Ein Senior habe sich mal vorgestellt und darauf gehofft, von den Damen bekocht und betütelt zu werden. Der bekam die freie Wohnung nicht, erzählen die Frauen lachend. Wobei sie nicht dogmatisch seien, wie sie betonen, es gab und gibt durchaus männliche Bewohner - die müssen nur »frauenfreundlich und selbständig« sein, dann klappe das bestens.
Aber zurück zu den Anfängen: Begonnen hat das Abenteuer Wigwam nämlich etliche Jahre vor der Gründung der GmbH. Die Idee dazu entstand in der Initiative »Frauen am Werk«, die sich seit Mitte der 90er-Jahre auf die Fahnen geschrieben hat, Lebens-, Arbeits- und Wohnprojekte speziell für Frauen zu realisieren. »Wir haben im Nepomuk einen Infoabend angeboten, indem es um ein Wohnprojekt für Frauen ging«, blickt Ulrike Droll zurück, »die Bude war brechend voll.« Aus dem Kreis dieser ersten Interessentinnen entstand eine Arbeitsgruppe, die mit den Planungen begann. Das Vorhaben zog sich länger als erwartet hin. Einige Mitstreiterinnen sprangen ab, neue kamen hinzu. Nach fünf Jahren war dann klar: »Es muss was passieren«, erzählt Droll. Jetzt oder nie.
»Es war eine Entscheidung, für die ich alles riskiert habe«
Die Gruppe machte sich mit Nachdruck auf die Suche nach einem Grundstück. Erste Planungen ein Gebäude der Ypernkaserne umzubauen, zerschlugen sich jedoch. Stattdessen bot die Stadt einen Bauplatz in der Nähe an. 2010 schlossen sich dann fünf Frauen in der Wigwam-GbmH zusammen. Sie engagierten einen Architekten, kalkulierten die Kosten und machten sich auf die Suche nach einer Finanzierung. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, vor allem, da die Baukosten zu der Zeit bereits zu steigen begannen. Letzten Endes kostete das Haus 2,1 Millionen Euro und lag damit weit über den ersten Planungen. Die meisten Banken winkten angesichts der Kredithöhe ab, nur eine bewilligte ihn. Allerdings mussten einige Wohnungen verkauft werden, um das Eigenkapital stemmen zu können und auch die Gesellschafterinnen selbst zahlen Miete, um den Kredit zu tilgen.
Ulrike Droll denkt an viele schlaflose Nächte in dieser Zeit zurück. »Es war eine Entscheidung, für die ich alles riskiert habe«, erinnert sie sich. Sie hat ihr Elternhaus verkauft, und plante, mit ihrer pflegebedürftigen Mutter in das gemeinsame Wohnprojekt einzuziehen. Mut, der sich letzten Endes auszahlte. »Heute sind wir über den Berg, wir haben es geschafft«, sagt Droll voll Stolz. Und auch ihre Mutter konnte ihre letzten Lebensjahre im Wigwam verbringen, gemeinsam mit einer weiteren betagten Dame wurde sie verköstigt und umsorgt.
Für Marlene Schlegel glich der Einzug ins Wigwam »einem Sprung ins kalte Wasser«, berichtet sie. Ihr Mann war kurz zuvor gestorben, sie selbst hatte als Kind in Reutlingen gelebt, kannte aber niemanden mehr in der Stadt. »Meine drei Kinder leben weiter entfernt«, erzählt die Seniorin, denen wollte sie nicht nur Last fallen. Also bewarb sie sich im Wigwam - und bekam den ersehnten Zuschlag. Sie ist stolz, dass sie auf eigenen Beinen stehen und in den eigenen vier Wänden leben kann. »Und meine Kinder sind erleichtert, dass ich nicht allein lebe«, betont Schlegel. Etwas, das auch Kirsten Levene von ihrer Tochter immer wieder zu hören bekommt.
Auch was externe Veranstaltungen angeht, sind die Damen und der aktuell eine Herr, der dort lebt, offen: Es gab schon Lesungen, Konzerte und einmal im Monat findet das Repair-Café statt. Auch hier gilt: Wer möchte, darf kommen, aber keiner muss sich gezwungen fühlen.
Das eigene Haus verlassen oder die liebgewonnene Wohnung kündigen, um in der zweiten Lebenshälfte nochmals neu beginnen? Es war ein Abenteuer, dessen Ausgang am Anfang ungewiss war - doch nun, nach zehn Jahren, ist klar, dass es goldrichtig war, es zu wagen. (GEA)

