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Reutlinger Weihnachtsmarkt: Beschicker bangen

Schausteller des Reutlinger Weihnachtsmarkts haben einen Brandbrief an die Stadtverwaltung geschickt. Sie fürchten um ihre Standplätze, wenn die Organisation des Budenzaubers an die Familie Högerle geht.

Glühweinpyramiden-Besitzer Hermann Zimmermann fürchtet um seine Existenz.
Glühweinpyramiden-Besitzer Hermann Zimmermann fürchtet um seine Existenz. Foto: Frank Pieth
Glühweinpyramiden-Besitzer Hermann Zimmermann fürchtet um seine Existenz.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Wird der Reutlinger Weihnachtsmarkt im kommenden Jahr von der Familie Högerle organisiert? Noch sind die Vertragsverhandlungen laut Finanzbürgermeister Roland Wintzen nicht abgeschlossen. Nachdem die Stadt beschlossen hatte, die Marktorganisation ab 2026 nicht gewohnheitsmäßig der Reutlinger »Marktwerkstadt« zu überlassen, hat man eine Ausschreibung gestartet, die nicht die erhoffte reiche Auswahl brachte. Von drei Interessierten blieb wie berichtet eine übrig: Jacqueline Högerle.

Und bereits jetzt grassiert Unruhe bei Marktbeschickern. Der Grund: Jacqueline Högerle gehört einer traditionsreichen und verzweigten Schaustellerfamilie an. Das Unternehmen aus Rottweil schwenkt nicht nur landauf landab auf Jahrmärkten Besucher in Karussells durch die Luft, sondern betreibt auch Gastrostände.

»Die neue Ausrichtung führe dazu, dass durch einen einzelnen Bewerber die Vielfalt und der besondere Charme des Marktes gefährdet werden«

Bei den Reutlinger Betreibern geht nun die Angst um ihre Stellplätze um. Hermann Zimmermann, dem die beiden Glühweinpyramiden auf dem hiesigen Weihnachtsmarkt gehören, ist Mitinitiator des Aufbegehrens gegen die potenziellen Neuorganisatoren. »Sie werden vor allem für Ausschank, Imbiss und Süßigkeiten die eigenen Beschicker mitbringen«, mutmaßt er mit 20 anderen Besorgten, die sich in einem Schreiben an Oberbürgermeister Thomas Keck und Finanzbürgermeister Roland Wintzen gewandt haben.

Das Konzept des neuen Betreibers habe zur Folge, dass »rund 65 Prozent der bisherigen Beschicker (einige davon haben mehrere Marktstände) benachteiligt oder ausgeschlossen würden«, heißt es im Schreiben. Die neue »Ausrichtung« führe dazu, dass durch einen einzelnen Bewerber »die Vielfalt und der besondere Charme des Marktes gefährdet werden«. Sie fordern auch künftig »eine faire, vielfältige und ausgewogene Vergabe der Standplätze.«

Der Umzug auf einen anderen Markt würde sich laut Zimmermann schwierig gestalten: Während es an Handwerksständen auf den Weihnachtsmärkten mangelt, gebe es Gastroanbieter zuhauf. Und: Das Weihnachtsmarktgeschäft sei für viele Schausteller die tragende Säule des Jahresumsatzes. Bei dem Schausteller aus Niederkirchen in Oberbayern macht es fast die Hälfte aus.

Manche Budenbetreiber haben viel investiert für den Markt. Zimmermann selbst hat für seine beiden Glühweinpyramiden am Marktplatz und neben der Marienkirche fast 190.000 Euro aufgebracht. Die Stände mal eben so anderswo auf einen anderen Markt stellen, sei schwierig. Auch gilt es offensichtlich als unschicklich unter den Ausstellern, andere von angestammten Plätzen zu vertreiben. Fällt der Reutlinger Standort weg, fürchtet Hermann Zimmermann um seine Existenz: »Ich bin pleite.« Die Beschicker versuchen zu bewirken, dass der Reutlinger Markt neu ausgeschrieben wird. Auch dass die Reutlinger Familie Vohrer mit der Marktwerkstatt wieder das Zepter übernehmen, dagegen habe man nichts.

»Wir können gut nachvollziehen, dass die Neuvergabe zu Verunsicherung führen kann«

Bürgermeister Wintzen bedankt sich in seinem Antwortschreiben für die Rückmeldungen, äußert Verständnis für die »Verunsicherung« vieler langjährig Beteiligter durch die Neuvergabe. Es verspricht auch, dass unabhängig davon, wer den Zuschlag für die Durchführung des Weihnachtsmarkts erhält, jeder Beschicker weiterhin die Möglichkeit habe, sich auf einen Standplatz zu bewerben. Wintzen verweist aber auch darauf, dass die Ausschreibung der Organisation für alle offen war - auch für die bisherigen Schausteller.

Was das konkret bedeutet? Auf GEA-Nachfrage beteuert Wintzen, er nehme die Sorgen der Beschicker ernst. Es ist uns wichtig, Arrivierte nicht vor den Kopf zu stoßen. Wir bringen das in den Vertragsverhandlungen zur Sprache." Dass die Högerles Veränderungen auch bei der Standvergabe vornehmen, könne man aber "letztlich nicht verhindern". Anfang des neuen Jahres sollen die Verhandlungen zum Ende kommen.

Sind die Sorgen der Beschicker gerechtfertigt? Gerne hätte der GEA Jacqueline Högerle selbst gefragt. Doch sie war nach dem Verstreichen eines vereinbarten Gesprächstermins nicht mehr zu erreichen. (GEA)