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Reutlinger Ukrainer: »Nicht wegen Geld gekommen«

Die Statistiken der Jobcenter im Landkreis Reutlingen und was Betroffene zur Diskussion um Bürgergeld für Flüchtlinge aus der Ukraine aussagen.

Anna Savostianova flüchtete mit ihren Kindern. Sie spricht mittlerweile gut Deutsch und sucht Arbeit.
Anna Savostianova flüchtete mit ihren Kindern. Sie spricht mittlerweile gut Deutsch und sucht Arbeit. Foto: Stephan Zenke
Anna Savostianova flüchtete mit ihren Kindern. Sie spricht mittlerweile gut Deutsch und sucht Arbeit.
Foto: Stephan Zenke

REUTLINGEN. Während heute in Alaska die Präsidenten Putin und Trump in Abwesenheit von Wolodymyr Selenskyi über ein Ende des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine verhandeln, hat die Diskussion über das Ende des Bürgergeldes für Ukraineflüchtlinge in Deutschland merklich an Fahrt verloren. Nachdem die auch vom bayerischen Ministerpräsidenten durchs politische Dorf getriebene Sau wieder im Stall ist, lohnt ein sachlicher Blick auf die Fakten in der Region Reutlingen. Wie sehen die Statistiken des Jobcenters im Landkreis aus und was sagen Betroffene selbst zum Thema Bürgergeld.

In Zahlen ausgedrückt gibt es Stand April 2025 im Landkreis Reutlingen insgesamt 12.547 Menschen, die Bürgergeld beziehen. 8.901 Personen sind erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Der Anteil von Ukraineflüchtlingen beträgt insgesamt 2.470, wovon 1.723 Erwerbsfähige in der Statistik stehen. »Die Zahl der Ukrainer ist mit einem Anteil von rund 20 Prozent an den erwerbsfähigen Leistungsberechtigten etwa so groß wie zusammengerechnet die Zahl der Berechtigten aus den acht Herkunftsländern mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit: Afghanistan, Pakistan, Syrien, Somalia, Iran, Irak, Eritrea und Nigeria«, erklärt Markus Dick als Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Reutlingen.

»Menschen, die Bürgergeld beziehen, können wir betreuen«

Ukrainer sind innerhalb der Bürgergeldbezieher damit die größte Einzelgruppe. Wäre es folglich für den deutschen Staat eine habhafte Ersparnis, wenn diese Menschen nur noch nach den niedrigeren Sätzen des Asylbewerber-Leistungsgesetzes Geld bekommen würden? »Nein«, sagt Markus Dick. Denn so wie die aktuell kursierenden Referentenentwürfe aussehen, wohlgemerkt lauter Pläne, würden alle vor dem 1. April 2025 eingereisten Ukrainer ohnehin im Bürgergeld bleiben. Auch für andere schon im Land befindliche Ukrainer könnte laut Dicks Informationen »eine Übergangsregelung gelten«.

Selbst, wenn in Zukunft Flüchtlinge aus der Ukraine kein Bürgergeld mehr beziehen würden, rechnet Dick mit überschaubaren Kosteneinsparungen. Klar bekämen Asylbewerber weniger, bei einer Einzelperson spricht der Fachmann vom Jobcenter von rund 120 Euro monatlich, aber die andere Einstufung hätte Folgen. »Was für uns wichtig ist: Menschen, die Bürgergeld beziehen, können wir betreuen und letztlich vermitteln«. Das bedeute Sprachkurse, Integrationskurse, Qualifikation und Arbeitsangebote.

Wer nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz eingestuft ist, taucht erst dann beim Jobcenter als Kunde auf, wenn er einen entsprechenden Aufenthaltstitel plus Arbeitserlaubnis hat – das kann dauern. Wer arbeiten will, könnte es vorher rechtlich nicht. Mit dem Bürgergeld sind laut Dick bessere Chancen auf ein selbstständiges Leben mit weniger oder keinen Sozialleistungen verbunden.

Liudmyla Luzanova hat als ukrainische Integrationsmanagerin der Stadt Bad Urach Kontakt zu vielen Flüchtlingen.
Liudmyla Luzanova hat als ukrainische Integrationsmanagerin der Stadt Bad Urach Kontakt zu vielen Flüchtlingen. Foto: Stephan Zenke
Liudmyla Luzanova hat als ukrainische Integrationsmanagerin der Stadt Bad Urach Kontakt zu vielen Flüchtlingen.
Foto: Stephan Zenke

»Die Integrationsquote von Menschen, die aus dem Bürgergeld heraus eine Arbeit annehmen, ist bei Flüchtlingen seit vielen Jahren höher als bei Nicht-Geflüchteten«, sagt der Geschäftsführer mit Blick auf die acht Herkunftsländern mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit. Dabei würden die Ukrainer eine besonders hohe Integrationsquote zeigen.

Fakt ist, dass auch die Vermittlung von Menschen aus dem von Russland überfallenen Land oft länger dauert, als allen lieb ist. »Integrationskurse, Sprachkurse und vieles mehr brauchen Zeit«, erklärt Dick. Oft müsse seine Behörde auch darauf hinweisen, »dass veraltete Qualifikationen nicht zu einer Beschäftigung führen« oder »in vielen Fällen Umwege bis ans Ziel nötig sind«. Das Jobcenter bemühe sich um qualifizierte Arbeitsplätze, denn das sei langfristig nachhaltiger.

»Die Menschen kamen nicht wegen des Geldes. Sie suchten Sicherheit«

Als Liudmyla Luzanova kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges ihre Heimatstadt Ismajil in der Ukraine verlassen hat, »wusste ich nicht, was Bürgergeld ist«. Was ihr aber bewusst war: »Odessa in der Nähe wurde sehr stark angegriffen. Die Gefahr war groß«. Also packte die Deutsch-Dozentin und Prodekanin der Universität von Ismajil ihre beiden Kinder und ein paar Sachen ins Auto mit Fahrtziel Ermstal. »Ich bin nach Bad Urach geflohen, weil mich Freunde von dort angerufen haben und ihre Türen öffneten«, erinnert sie sich. Denn es gab einen regen Austausch zwischen Ermstälern und ihrer Universität. »Die Menschen kamen nicht wegen des Geldes, sondern weil sie Sicherheit suchten«, betont sie im Gespräch mit einem Hintergrund, den nur wenige Ukraineflüchtlinge haben. Liudmyla Luzanova arbeitet als Integrationsmanagerin der Stadt Bad Urach, kennt folglich viele Landsleute und ihre Geschichten. Praktisch, um diverse Vorurteile abzuarbeiten.

»Der Prozess der Integration läuft nicht so schnell wie man will«

Warum fahren manche Ukrainer so dicke Automobile? »Bei uns haben viele Menschen gut gelebt«, sagt Luzanova: »Ja, die sind mit einem großen Wagen gekommen – aber in der Ukraine haben sie alles verloren«. Zum Thema Flüchtlinge, die nur wegen Sozialleistungen anreisen, hat sie eine klare Meinung: »Ich denke, das sind wenige Prozente. Sie können weder Ukrainisch noch Russisch. Es sind Analphabeten, aber sie können gut rechnen«, weist sie auf eine auch in ihrem Heimatland am Rand lebende Bevölkerungsgruppe hin.

Die Zahl der Flüchtlinge aus der Ukraine, die in den Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Ihr Anteil an allen erwerbsfähigen Bürgergeld-Berechtigten beträgt im Landkreis Reutlingen rund zwanzig Prozent. GRAFIK: JOBCENTER

Ganz allgemein hat die Integrationsmanagerin durchaus Verständnis für Deutsche, denen der Einstieg von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt zu lange dauert. »Ich verstehe ganz gut, warum sich einige Deutsche ärgern. Der Prozess der Integration läuft nicht so schnell wie man will«. Die erste Arbeitsstelle zu bekommen, sei schwierig – oft wegen Sprachkenntnissen. Und: »Nicht alle sind bereit, als Reinigungskraft zu arbeiten. Denn sie waren Managerin, Verkäuferin, hatten einen höher qualifizierten Beruf.«

Anna Savostianova ließ im März 2022, kurz nach Beginn der russischen Invasion, ihr bisherige Existenz hinter sich, weil ihre Heimatstadt Charkiw unter Beschuss lag – was sie bis heute ist. »Ich möchte, dass meine Kinder ruhig leben. Die Schule besuchen können. Ohne Bomben«, erklärt sie. Vor ihrer Flucht hatte sie keine Ahnung, was Bürgergeld ist. Eigentlich wollte sie auch nur kurz in Deutschland bleiben. »Ich dachte, der Krieg ist schnell zu Ende«, seufzt sie. In der Ukraine war sie zuerst Ingenieurin bei der Eisenbahngesellschaft, später Lohnbuchhalterin – mithin eine Frau mit gutem Job und vielen Qualifikationen. 

Bürgergeldbeziehende Menschen im Landkreis Reutlingen: in Hellblau der Stand April 2024, in Dunkelblau der April 2025. Rechts (UKR) aus der Ukraine sortiert in Regelleistungsberechtigte (RLB) und erwerbsfähige Leistungsberechtigte (eLB). GRAFIK: JOBCENTER

Über eine gastfreundliche Familie in Betzingen landete sie schließlich in Gönningen. »Ich suche einen Arbeitsplatz«, meint sie. Warum das bis jetzt noch nicht geklappt habe? »Schauen Sie meine Situation an: Ich kann nicht gleichzeitig lernen, die Kinder betreuen und Vollzeit arbeiten gehen«, beschreibt Anna Savostianova die typischen Probleme alleinerziehender Mütter ganz gleich welcher Nationalität. Jedoch habe sie sich sehr bemüht. Ihre Deutschkenntnisse sind hörbar gut. Dennoch hat sie jüngst einen bemerkenswerten Rückschlag erlebt, den Hans-Peter-Häußermann vom »Arbeitskreis Flucht und Asyl« in Reutlingen folgendermaßen beschreibt: »Der ganze Deutschkurs ist bei der B2-Prüfung durchgefallen. Das gibt mir zu denken. Da hat irgendwas in der Qualitätskontrolle des Kurses nicht funktioniert«.

Häußermann kennt durchaus auch problematische Flüchtlinge – nach seinen Worten im einstelligen Prozentbereich. »Familien, die schon in der Ukraine Probleme hatten. Die durch die Tatsache, viele Kinder zu haben, auch mit Mann ausreisen dürfen«. Die bedürften einer intensiveren Betreuung damit ihre Integration gelinge. Aber die überwiegende Mehrheit sei bemüht, hier anzukommen. (GEA)