REUTLINGEN. Der Verein »Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg« hat bei der Staatsanwaltschaft Tübingen einen Strafbefehl gegen den Mitarbeiter einer Schädlingsbekämpfungsfirma erwirkt. Es geht dabei um Vorgänge im März 2024 im Zusammenhang mit der Taubenvergrämung unter der Eisenbahnbrücke beim Reutlinger Bahnhof. Gegen den Strafbefehl hat der Angeklagte Einspruch eingelegt. Der Strafrichter am Amtsgericht Reutlingen hat daraufhin das Verfahren auf den 2. Oktober 2025 terminiert.
In einer Pressemitteilung beklagt der Verein das aus seiner Sicht »tierschutzwidrige Vorgehen der städtischen Bediensteten und der beauftragten Vergrämungsfirma«. Wörtlich heißt es: »Am Sonntag, den 24.03.2024, wurde unter der Bahnbrücke Unter den Linden ein helles, quasi-transparentes Netz zur Vergrämung von Tauben montiert, um die in dem Bereich lebenden Tauben von dem Gebäude fernzuhalten. Das Netz wurde gespannt, obwohl für jedermann ersichtlich Tauben und teils bebrütete Eier sich an der Brücke befanden, die dann mit dem Netz eingesperrt wurden.«
Lange Vorgeschichte
Ob sich der dem Strafbefehl zugrunde liegende Sachverhalt bestätigt, wird die Hauptverhandlung zeigen. »Obwohl der Strafbefehl erlassen wurde, gilt bis zu einer etwaigen Verurteilung die Unschuldsvermutung. So wird der Angeklagte vor Erlass des Strafbefehls vom Gericht nicht angehört; auch etwaige Zeugen werden vor Erlass des Strafbefehls nicht durch das Gericht vernommen«, erklärt Dr. Christian Wollmann als Direktor des Amtsgerichtes Reutlingen die juristischen Hintergründe.
Das Kapitel Taubenvertreibung an der Eisenbahnbrücke hat eine lange Vorgeschichte. Bereits 2022 hatte der Gemeinderat die Vergrämung offiziell beschlossen – es passierte aber zunächst ein Jahr fast nichts. Nägel und Spikes wurden installiert, brachten aber nicht das erhoffte Ergebnis: Die Tauben ließen sich nicht stören, brüteten und lebten weiterhin unter der Brücke. 2023 wurde dann, nach einem erneuten Beschluss, ein Stahlnetz an der Brücke angebracht. Nach nur einem Tag musste die Feuerwehr es entfernen, weil Tauben darunter gefangen waren. Tierschützer protestierten, warfen der Stadt vor, die Umsiedlung nicht gut genug geplant zu haben. Im März 2024 dann der nächste Versuch: Erneut wurde ein Netz angebracht, das wenig später einem Sabotageakt von Taubenfreunden zum Opfer fiel.
Neues Domizil für Tauben
Im Mai 2024 waren die Tauben unter der Eisenbahnbrücke beim Bahnhof wieder zurück. Denn das Schutznetz, das die Vögel eigentlich aus dem verwinkelten Unterschlupf heraushalten soll, fehlte an mehreren Abschnitten und war teilweise beschädigt. Um Tauben zu retten, öffnete die Feuerwehr das Schutznetz an einigen Stellen bewusst. Später wurde das Netz unter Vollsperrung der Straße Unter den Linden repariert.
Die Stadt hat ein neues Domizil für die Tauben errichtet. Auf dem Dach der Briefpost, das Gebäude ist im Eigentum der GWG, wurde ein Taubenhaus aufgebaut, versehen mit einer Unterkonstruktion und ausgestattet mit mehreren Öffnungen, die für Lüftung sorgen. Wichtig war, dass das Taubenhaus nicht allzu weit entfernt ist vom bisherigen Standort der Tauben. (GEA)

