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Reutlinger Suchtberatung: Wo sparen richtig teuer wird

Die Reutlinger Jugend- und Drogenberatung bietet präventive und begleitende Hilfen an. Eines ihrer niederschwelligen Angebote ist das Kontakt-Café Panto. Doch diese Anlaufstelle leidet an chronischer Unterfinanzierung. Was das für die Achalmstadt bedeutet.

Immer öfter experimentieren Teenager mit aufputschenden Substanzen wie Crack. Die Drogenberater sind davon überzeugt, dass eine frühzeitige professionelle Hilfe dringend angeraten ist. Foto: Boris Roessler/dpa
Immer öfter experimentieren Teenager mit aufputschenden Substanzen wie Crack. Die Drogenberater sind davon überzeugt, dass eine frühzeitige professionelle Hilfe dringend angeraten ist.
Foto: Boris Roessler/dpa

REUTLINGEN. Und immer wieder das Bahnhofsentrée. Für die einen ist der Park mit seinen schattenspendenden und regenabschirmenden Bäumen Treffpunkt, für andere Drogenumschlagplatz und für wieder andere ein angstbesetzter Ort, den es tunlichst zu meiden gilt. Viele, und beileibe nicht nur Frauen, machen - vor allem mit Einbruch der Dunkelheit - einen weiten Bogen um den Listplatz. Denn sie fürchten, verbal oder tätlich angegangen zu werden: Von Leuten, die dort schon vormittags Schnaps und Bier konsumieren, kiffen, randalieren und sich zuweilen auch Spritzen setzen.

Als der GEA im Sommer dieses Jahres am Saum des sozialen Brennpunkts zum Lokaltermin gebeten hatte, beklagten einige Passanten die auf dem Listplatz »herumlungernden zwielichtigen Gestalten«. Eine Bezeichnung, die Nathalie Dennenmoser, Leiterin der Reutlinger Jugend- und Drogenberatung, »sehr berührt hat«. Weil es für sie nämlich keinesfalls Gestalten sind, die das Grüne Lüngle beim Bahnhof mit Beschlag belegen, sondern Menschen.

»Früher, also vor Corona, waren die Gegebenheiten andere«

Etliche von ihnen kennt Dennenmoser persönlich. Die 41-Jährige weiß um deren Schicksale und teils multiple Problemlagen, weiß auch, dass der Listplatz für sie ein Ort sozialer Begegnung ist und oft genug die einzige Chance, um noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Wiewohl sich die Gemengelage zwischen Karlstraße und Bahnhof binnen der zurückliegenden Jahre verändert hat. »Früher, also vor Corona«, so die Diplom-Pädagogin und Sozialwirtschaftlerin, »waren die Gegebenheiten andere«.

Damals hat Nathalie Dennenmoser in ihrer Funktion als Streetworkerin voneinander separierte Grüppchen aufgesucht. Hier standen Drogenabhängige beieinander, dort Obdachlose, hüben Problem-Jugendliche und drüben psychisch Kranke. Heute sind diese Milieus zusammengerückt. Woran das liegt? »Da bin ich überfragt.«

Wobei die 41-Jährige mit Sorge beobachtet, dass die personelle Durchmischung mit einem veränderten Konsumverhalten einhergeht: Immer öfter werden jetzt Alkohol und harte Drogen oder Psychopharmaka kombiniert, immer öfter experimentieren Teenager mit berauschenden oder aufputschenden Substanzen wie beispielsweise Crack, die sehr schnell sehr abhängig machen. Weshalb aus Dennenmosers Sicht frühzeitige professionelle Intervention zwingend geboten ist.

»Angebot und Nachfrage stehen in keinem Verhältnis«

Die Beratungsstellen-Chefin denkt in diesem Zusammenhang konkret an aufsuchende, niederschwellige Sozialarbeit. Dazu gehören Gesprächsangebote, vor allem aber offene Ohren. »Einfach bloß mal zuhören« sei durchaus zielführend. Umso mehr, wenn dieses Zuhören in geschütztem Rahmen stattfinden kann. Weshalb die Reutlinger Jugend- und Drogenberatung mit Sitz in der Albstraße seit einigen Jahren auch das Kontakt-Café Panto in der Metzgerstraße betreibt, das im Übrigen gut angenommen wird. Allein: Dieser Schutzraum kränkelt an Personal- und Geldknappheit. Geführt wird es mit »nur 40 Prozent Fachkraftstellen-Anteil« und kann darob seine Türen viel zu selten öffnen: lediglich zwei Mal wöchentlich für die Dauer von jeweils drei Stunden.

Die Leiterin der Reutlinger Jugend- und Drogenberatung setzt auf Prävention und niederschwellige Unterstützung. Broschüren mit H
Die Leiterin der Reutlinger Jugend- und Drogenberatung setzt auf Prävention und niederschwellige Unterstützung. Broschüren mit Hilfsangeboten sind nicht genug, weiß die 41-Jährige, die neben ihrer Bürotätigkeit auch als Streetworkerin und Betreiberin des Kontakt-Cafés Panto engagiert ist. Foto: Frank Pieth
Die Leiterin der Reutlinger Jugend- und Drogenberatung setzt auf Prävention und niederschwellige Unterstützung. Broschüren mit Hilfsangeboten sind nicht genug, weiß die 41-Jährige, die neben ihrer Bürotätigkeit auch als Streetworkerin und Betreiberin des Kontakt-Cafés Panto engagiert ist.
Foto: Frank Pieth

Während dieser zwei Zeitfensterchen leert sich der Listplatz. Nicht komplett, aber doch sichtbar. Was dafür spricht, dass es nicht etwa die Lauschigkeit der Grünanlage ist, die Menschen vom Rand der Gesellschaft anzieht, sondern der Mangel an Alternativen.

Für die Altersgruppe U21 gibt es Jugendhäuser, für ältere Semester hingegen wenig mehr als besagtes Kontakt-Café. »Angebot und Nachfrage stehen da in keinem Verhältnis«, so Dennenmoser, die den heutigen bundesweiten »Aktionstag Suchtberatung« nutzt, um ihrer Hoffnung auf eine gesicherte Finanzierung ambulanter Hilfen Ausdruck zu verleihen. Denn: »Wo Mittel gekürzt werden, drohen Klienten durchs Raster zu fallen.« Und dann, so die Fachfrau sinngemäß, werde es für die Gesellschaft so richtig teuer.

»Unter meinen Klienten befinden sich ehemalige Manager und Spitzensportler«

Prävention und rechtzeitiges Gegensteuern, erklärt die 41-Jährige, spare Land, Kreis und Stadt bares Geld. Finanziell herausfordernd werde es nämlich erst dann, wenn nicht rechtzeitig interveniert wird, wenn Sucht oder psychische Belastungen zu Job- und Wohnungsverlust, wenn Gewaltdelikte und Beschaffungskriminalität ins Gefängnis führen. Oder anders ausgedrückt: Knast statt Integration ist keine Lösung.

»Sucht betrifft uns alle - Hilfe auch«, zitiert Nathalie Dennenmoser das Motto des heutigen Aktionstags. Und tatsächlich berührt das Thema den Querschnitt der Gesellschaft. Unter Dennenmosers Klienten befinden sich ehemalige »Manager, Spitzensportler und Porschefahrer« ebenso wie Teenager, Handwerker und, und, und. Deutschlandweit leiden laut Dennenmoser fast zehn Millionen Männer, Frauen und Jugendliche an einer Abhängigkeitserkrankung. Allein in Baden-Württemberg wurden im vergangenen Jahr 61.000 Beratungsfälle dokumentiert. »Bei mehr als zwei Drittel davon konnte eine Verbesserung oder Stabilisierung des Suchtverhaltens erreicht werden.«

»Deutschlandweit leiden fast zehn Millionen Menschen an einer Abhängigkeitserkrankung«

Wobei die ersten Schritte zur (Re-)Integration oft in niederschwelligen Einrichtungen wie dem Kontakt-Café Panto vollzogen werden. Doch ausgerechnet diese Anlaufstelle ist chronisch unterfinanziert. Was sich im direkten Vergleich mit der monetären und personellen Ausstattung in anderen baden-württembergischen Städten zeigt. Während sich Reutlingen gerade mal 0,4 Vollzeitstellen verteilt auf die beiden Sozialarbeiter Dennenmoser und Matthias Günzler leistet, finanziert Tübingen zwei, Pforzheim zweieinhalb und Freiburg sogar dreieinhalb Vollzeitstellen. Obwohl die Bedarfe in den genannten Kommunen mit denen in der Achalmstadt »vergleichbar oder sogar geringer sind«. (GEA)