KREIS REUTLINGEN. Die Zahl der Hilfesuchenden bei Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen im Landkreis Reutlingen nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Von 563 Fällen im Jahr 2014 stieg die Zahl auf 713 Fälle im Jahr 2024 an. Die wichtigsten Fragen über die Gründe und zu Vorsorgemöglichkeiten beantwortet das Reutlinger Landratsamt.
Wieso geraten Menschen in finanzielle Schwierigkeiten?
Der Hauptgrund für Beratungen wegen finanzieller Schwierigkeiten im Landkreis Reutlingen sind familiäre Probleme, wie Trennung oder Scheidung. In diesen Fällen werden oft plötzlich höhere Ausgaben getätigt. Beispielsweise für Unterhaltszahlungen oder das Stemmen der Miete, die man zuvor zu zweit gezahlt hat. Auch Krankheiten, Unfälle oder Suchterkrankungen können zu Zahlungsschwierigkeiten führen, ebenso wie Arbeitslosigkeit. Ein Mangel an Finanzkompetenz kann einen Kontrollverlust über die eigenen finanziellen Mittel zur Folge haben.
Haben sich die Ursachen in den letzten Jahren verändert?
Ein Problem macht sich laut Martina Eberle von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Landratsamts Reutlingen immer mehr bemerkbar: der leichte Zugang zu Käufen im Internet. Das unendliche Angebot an Online-Shopping, verbunden mit verzögerten Zahlungsmöglichkeiten nach dem »buy now, pay later«-Prinzip, macht es einfach, Geld auszugeben. Die Inflation und die schwächelnde Wirtschaft kommen verschärfend hinzu. Die Zahl von Menschen mit geringem Einkommen nimmt zu, und die Schere zwischen Armen und Reichen werde größer, so Eberle.
Wie läuft ein erstes Beratungsgespräch in der Regel ab?
Zuerst verschaffen sich die Mitarbeiter der Beratungsstelle einen Überblick über die finanzielle Situation des Betroffenen. Die Einnahmen, meistens niedrig, und die Ausgaben, oft hoch, werden gegenübergestellt. Dann wird zuerst Wert auf die Existenzsicherung gelegt. Das heißt: Die Zahlung der Miete, des Stroms oder von möglichen Strafen haben Vorrang. Bei vielen Schuldnern stimme die Priorisierung nämlich nicht, meint Eberle. Diese würden beispielsweise erst die Raten bei Banken zahlen wollen und hoffen auf Verständnis des Mieters oder des Stromanbieters. Im nächsten Schritt werden die Schulden genauer unter die Lupe genommen. Wie sind sie entstanden, seit wann bestehen sie, wie gefährlich sind sie? Wer bereits verschuldet ist, sollte es vermeiden, weitere Schulden aufzunehmen. Sonst läuft man Gefahr, wegen Betrugs angezeigt zu werden. Martina Eberle und ihre Kollegen versuchen, den Klienten im Beratungsgespräch Wege aus den Schulden aufzuzeigen. Dabei gibt es verschiedene Varianten - von Pfändungsschutz bis hin zu einem Insolvenzverfahren. Das ist bei hohen Schuldensummen unvermeidlich. Bis alle Voraussetzungen für ein solches Insolvenzverfahren erfüllt sind, ist aber ein weiter Weg. Dafür braucht es laut Eberle mehrere Gespräche.
Welche Tipps gibt es für Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind?
Wer bereits in Geldnöte geraten ist, sollte sich frühzeitig Hilfe suchen. »Viele warten zu lange. Einige schämen sich auch, weil es immer noch ein Tabuthema ist. Aber es kann jedem passieren«, sagt Eberle. Sie hat auch praktische Tipps parat. Mithilfe eines Haushaltsbuchs oder entsprechender Apps lassen sich die Ausgaben überwachen. Außerdem könne man darüber nachdenken, wie das Einkommen etwas aufgebessert werden kann. Beispielsweise durch einen zusätzlichen Job oder durch Anträge auf Zuschüsse wie Wohngeld oder Kinderzuschlag. Auf der anderen Seite sollten die Ausgaben möglichst verringert werden, etwa durch günstige Einkaufsmöglichkeiten wie Secondhand-Läden. Einzelne Kredite durch einen Umschuldungskredit zu einem zusammenzufassen, empfiehlt Eberle nicht. Dabei nimmt man einen einzelnen Kredit auf, um mehrere bestehende Kredite abzubezahlen. Dann müsse man aber häufig höhere Zinsen zahlen.
Welche Tipps gibt es zur Vorsorge?
Das Thema Geld sollte nicht tabu sein. »'Über Geld spricht man nicht' ist ein völlig falscher Spruch. Man sollte offen damit umgehen«, meint Eberle. Besonders innerhalb der Familie sei es wichtig zu wissen, wie die finanzielle Situation aussieht. Denn Schulden zu erben, kann schnell zu einem großen Problem werden. Ein weiterer Tipp ist die Vermeidung von Abhängigkeiten von anderen. Beispielsweise das Bürgen für einen Freund. Am besten sollte auch kein Geld von Freunden oder Familie geliehen werden. Denn auch Privatschulden zählen zur Verschuldung dazu. Zu guter Letzt sollten Menschen, die bereits Mahnungen oder Briefe von Inkassodiensten erhalten, nicht den Kopf in den Sand stecken und diese ignorieren. »Solche Briefe sollen ja auch Angst machen und Druck erzeugen, indem sie zum Beispiel mit Vollstreckungsmaßnahmen drohen. Manchmal kommen Leute mit Tragetaschen voller ungeöffneter Briefe zu uns in die Beratung«, sagt Eberle.
Ab wann braucht man professionelle Unterstützung?
Wenn das Geld nicht mehr bis zum Monatsende reicht, bei Geldsorgen oder wenn in Beziehungen darüber gestritten wird, sind das erste Anzeichen, die professionelle Hilfe ratsam machen können. Auch bei Ereignissen wie lange Krankheit, die Geburt von Kindern oder die Trennung von einem Partner, kann Unterstützung notwendig sein. Bei typischen Fällen, wie dem Empfang von Mahnungen, Kündigung der Wohnung oder Stromsperrung, sollte ebenfalls professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. »Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Leute sich schämen und sich nicht öffnen wollen. Aber je früher man sich helfen lässt, desto besser kann geholfen werden«, weiß Eberle. (GEA)

