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Aktuell Reutlingen

Reutlinger Reichsstadt-Bewusstsein

REUTLINGEN. Ihre Maultaschen sind Legende. Die Trollinger-Würstchen mit Württemberger Rotwein, die sie vor 15 Jahren erfunden und patentiert haben, ebenso. Der Kartoffelsalat. Die Schwarzwurst. Die Schützenwurst. Der Schinken. Die Pasteten. Auch die Horizont-Erweiterung Sylt-Reutlingen-Sylt, die sie mit ihrer persönlichen Insel-Leidenschaft hergestellt haben. Mit ihrem Flirt mit dem italienischen Pistoia haben sie den Schwäbischen Markt dort bereichert.

Doch mit allem ist jetzt Schluss. Annette und Wolfgang Göbel beenden Anfang Oktober ihre Handwerks-Tradition, schließen ihr Geschäft in der Reutlinger Wilhelmstraße und damit Deutschlands älteste Metzgerei, die seit 419 Jahren in Familienhand war. Herausgestellt hat sich der Altersrekord, als ein norddeutscher Berufskollege das Superlativ im Auge hatte, nachforschte und seitdem Platz zwei in dieser Republik belegt.

»Ich konzentriere mich jetzt bewusst auf Kommunalpolitik«

Ein veritables Stück Reutlingen - ein Stück Reichsstadt-Reutlingen sogar mit fundierter Handwerks-Geschichte. Denn einschließlich der Metzger hat ein Dutzend Zünfte, in denen alle ihre Bürger organisiert waren, diese nur dem Kaiser verpflichtete, sich selbst regierende freie Stadt viele Jahrhunderte beherrscht und ihre Bürgermeister gestellt. Bis sie 1806 mit der Neuordnung Europas unter dem Franzosenkaiser Napoleon Bonaparte ihre Unabhängigkeit verloren und unter dem neuen Regime Württembergs schmerzhafte Unfreiheit erfahren hat.

Reutlinger Reichsstadt-Bewusstsein hat Wolfgang Göbel, 62, sichtbar und spürbar an den Tag gelegt. Nicht allein im Traditions-Verständnis seiner Familie, die seit dem Urahn Johann Jakob Göbel 1590 mit Reutlinger Stolz ihre Metzgerei bis heute geführt hat. Sondern als einer, der mit vollem Engagement politische Aufgaben übernommen hat.

Dazu war der Geschäftsnachfolger in der 17. Generation der etablierten Metzger-Dynastie bereit, als er das Alter erreicht hatte, in dem Schwaben angeblich gescheit werden: Als 42-Jähriger hat Wolfgang Göbel sich auf christdemokratischen Listen um Sitz und Stimme im Reutlinger Gemeinderat und im Reutlinger Kreistag beworben und von Wahl zu Wahl sein Ziel erreicht: Handwerksmeister wie er haben in dieser Stadt und ihrem Umkreis hohen politischen Stellenwert, Bonus und Ansehen. Kommunalpolitik - eine Aufgabe, auf die er sich jetzt »freut und ganz bewusst konzentriert«, wenn Göbel, seit zehn Jahren Obermeister der Fleischer-Innung Reutlingen, sich aus Handwerk, Metzgerei und Feinkostgeschäft zurückzieht.

»Stammkunden haben Verständnis dafür, dass wir aufhören«

Annette, 61, die Blonde an seiner Seite, mit der er »seit vierzig Jahren in Krieg und Frieden lebt«, wie sie lachend sagt, Ehefrau Annette hätte mit diesem Rückzug gut und gern noch einige Jahre gewartet auf die nächste Metzger-Göbel-Generation. Doch der erste Enkel, Noah Leander, ist ein Dreivierteljahr alt.

Den jung gebliebenen Göbels, mittendrin im Reutlinger Leben auch mit Ideen wie »Wolfes Wurstbude« beim Weihnachtsmarkt, war das dann doch zu lang. Fraglich, ob dieser Sohn ihrer älteren Tochter Mirjam, 36, die in Tübingen in der Intensiv-Kardiologie als Kinderkrankenschwester arbeitet, das Handwerk hätte fortsetzen wollen.

Konstanze, 25, die zweite Tochter, ist nach dreieinhalbjähriger Ausbildung in Berlin als Ergotherapeutin gleichfalls »glücklich in ihrem Beruf«, seit Jahresbeginn 2009 im schweizerischen Schinznach in der Nähe der Reutlinger Partnerstadt Aarau. »Wenn ein Metzgermeister ihr Traummann gewesen wäre, hätte ihn Mirjam geheiratet«, scherzt Annette Göbel über das Traditionsbewusstsein in dieser Familie, die ungern aufgibt, was 419 Jahre gehalten hat. Wenigstens dies: »Unsere Stammkunden haben viel Verständnis dafür, dass wir beide aufhören und noch etwas anderes machen.«

Für den am 10. April 1947 geborenen Wolfgang Göbel kam nie etwas anderes als der Metzgerberuf in Frage. Als vierzehnjähriger Bub ist er mit Vater Walter Göbel, der im Zweiten Weltkrieg im Russlandfeldzug ein Bein verloren hatte, »mittwochs auf die Alb gefahren« zum Viehkaufen in Bernloch, Oberstetten, Meidelstetten, saß schon auch mal eine kurze Strecke am Steuer. Beim Vater ging der 16-Jährige nach der Mittleren Reife am »Kepi« in die Lehre. In Stuttgart und Eningen war er drei Jahre in der Gesellen-Praxis. 1969 machte er die Meisterprüfung, heiratete Annette Anstett, die er als IKG-Schülerin im Tanzkurs kennengelernt hatte, sie 14, er 15, und stieg in der Nachfolge von Vater Walter und des mit 50 im Krieg gestorbenen Großvaters Alfred ins Geschäft ein. Seit der EU-Veordnung 1992 war Reutlingens Schlachthof geschlossen. Göbels haben noch zwölf Jahre in Metzingen selbst geschlachtet und seitdem Schweine und Großvieh bei Möhrle, jetzt Färber in Mengen gekauft. Die letzten Landjäger für Reutlingen und Pistoia werden demnächst fabriziert. (GEA)