REUTLINGEN. Viele mit betrübten Gesichtern, aber auch eine große Anzahl fröhlich Windrädle schwenkender Bürger strömten am Dienstagabend aus dem großen Sitzungssaal des Reutlinger Rathauses. Ganz so haarscharf wie prognostiziert, war das Abstimmungsergebnis dann doch nicht ausgefallen: Mit 22 zu 18 Stimmen hat der Reutlinger Gemeinderat der Verpachtung von städtischen Flächen im Südraum an die Schöller SI Erneuerbare zugestimmt. Damit ebnet er den Weg für die Errichtung zweier Windräder im Reutlinger Süden. Zusammen mit zwei weiteren Windkraftanlagen auf Pfullinger Gemarkung will der Projektierer dort den »Windpark Käpfle« errichten.
Die Windpark soll Strom für über 27.000 Menschen generieren. Mit über 260 Metern Höhe wären die Windräder markante Leuchttürme einer Veränderung, die deutlich wahrnehmbar auch in Reutlingen ankommen würde: der Energiewende.
»Der Standort ist falsch «
CDU, AfD, FWV (mit Ausnahme von Jenny Winter-Stojanovic) und WiR-Rat Jürgen Straub stimmten gegen den Standort. Die CDU-Fraktionsvorsitzende Gabriele Gaiser beteuerte, ihre Fraktion sei »generell pro Windkraft«. Dennoch hat das eindeutige Votum der drei Bezirksgemeinden die Christdemokraten nun zum Neinsagen bewegt.
Für die FWV sprach Friedel Kehrer-Schreiber, die in Personalunion auch Bezirksbürgermeisterin von Bronnweiler ist, das Epizentrum des Widerstandes gegen den Standort. Von Anbeginn sei das Käpfle-Gebiet von Gutachtern als »sehr konfliktbehaftet« gehandelt worden. Das Flächenziel des Landes für Windkraft sei erreicht. Die Landesumweltministerin habe unlängst von über 1.200 Rädern im Antragsverfahren berichtet. Da hätte man nach Kehrer-Schreibers Auffassung ruhig auf die zwei Räder auf Reutlinger Gemarkung verzichten können. Denn: »Der Standort ist falsch.«
Der AfD-Fraktionsvorsitzende Hansjörg Schrade hielt sich nicht mit Lokalpolitischem auf, sondern stellte einmal mehr die Sinnhaftigkeit des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren Energien in Abrede.
Warum soll man ein Wohn- und Naherholungsgebiet belasten, wenn es auf der Alb so viel mehr Platz und Wind gibt: Das ist die Argumentation von Jürgen Straub, der als einziger der WiR-Fraktion gegen die Verpachtung stimmte.
Auch die Ja-Sager waren sehr bemüht darzulegen, wie ernst man die Nöte und Bedenken der Anwohner nimmt. Die Furcht, dass sich mancher Standortgegner bei der nächsten Kommunalwahl ans Votum erinnert, mag so manchen umtreiben.
»Die wohl wichtigste Entscheidung der Wahlperiode«
Dr. Karsten Amann sprach für die Grünen und Unabhängigen von »der wohl wichtigsten Entscheidung der Wahlperiode«. Das Projekt sei auch ein Signal für die Außenwirkung, mit dem die Stadt ihre »Offenheit für Klimaschutz, moderne Technik und Zukunftsinvestitionen« zeige. Amann unterstellte auch, dass die Voten in den drei Bezirksgremien nicht das breit gefächerte Meinungsbild widerspiegelten, das sich den Grünen in ihren Gesprächen vor Ort geboten habe. Von Oberbürgermeister Thomas Keck habe er sich ein »offensiveres Werben für das Projekt gewünscht«.
Der Vorsitzende der SPD, Helmut Treutlein, holte aus: Energiegewinnung sei wichtig für die Gesellschaft, ihr Fortkommen und ihren Wohlstand, und sie habe immer schon Landschaft verändert. Windkraftanlagen seien ein Beitrag zu »einer lebenswerten Heimat für eine spätere Generation«. Der Klimawandel bedrohe weltweit die Lebensgrundlagen von Menschen, vor allem in armen Regionen. »Wir müssen in Reutlingen das Mögliche für die Energiewende tun. Jede Kilowattstunde zählt.«
Das sieht man auch in der Fraktionsgemeinschaft Linke/Partei so: »Wollen wir«, so schmetterte Timo Widmaier dem Gremium entgegen, »Verantwortung für die Zukunft unserer Energiegewinnung übernehmen?« Der Klimawandel werde Natur, Umwelt, Mensch und Tier weit mehr belasten als die Windräder, um die jetzt an vielen Orten so gestritten werde. Und: »Die Klimakrise ist nicht abschaltbar.«
Nach »langem Ringen« hat sich auch die FDP-Fraktion für ein Ja zum Standort entschieden, weil die Vorteile laut Hagen Kluck überwiegen. »Wir müssen was tun in Sachen Erneuerbare Energien«, findet er, »und wir müssen hier in Reutlingen unseren Beitrag leisten.«
»Jede Kilowattstunde zählt«
Zuvor hatten die Bezirksbürgermeisterinnen noch das Wort: Claudia Gumpper, die sich wie die Mehrheit ihres Gremiums in Gönningen jüngst gegen den Standort ausgesprochen hatte, kritisierte den geplanten Eingriff in »gesunden Mischwald und ein wertvolles Naherholungsgebiet«. Sie kritisierte unter anderem »mangelnde Transparenz«. Es fehlten fundierte Zahlen und Fakten. Es könne nicht angehen, dass Details erst nach Unterzeichnung des Pachtvertrags bekannt würden – und Präzisierungen wie Bautyp und Höhe der Räder nicht im Vertrag festgehalten seien.
Auch Andrea Fähnle, Bezirksbürgermeisterin in Ohmenhausen, sieht einen »intransparenten Pachtvertrag« und warnte: »Neue Anlagen können bis 365 Meter hoch sein.« Der Standort Käpfle spalte die Bevölkerung, sei »ökologisch, fachlich und sozial« nicht tragbar.
Oberbürgermeister Keck betonte nochmals, wie sehr Projektierer Schöller auf die Sorgen der Bürger eingegangen sei. Im Interessenbekundungsverfahren habe es Bewerber gegeben, die bis zu sieben Windkraftanlagen auf der Pachtfläche errichten wollten. Keck versprach auch, dass man die Bürger wieder einbeziehen werde, wenn die Ergebnisse weiterer für die Errichtung der Räder relevanter Gutachten vorlägen.
Stadtplaner Stefan Dvorak betonte auch, dass Schöller mit der Entscheidung, nur zwei statt drei Räder zu errichten, den Stadtbezirken deutlich entgegengekommen sei. Die Stadtverwaltung sei unterdessen außerdem erfolgreich aufs Landratsamt zugegangen, damit dieses den nördlichen Ortsrand von Bronnweiler nicht mehr als Misch-, sondern als allgemeines Wohngebiet behandelt. Damit gelten strengere Lärmgrenzen. Die vom Bronnweiler Bezirksgemeinderat geforderten 35 dB(A) nachts würden allerdings nicht im Pachtvertrag festgeschrieben. »Wir können nur maximal 40 dB(A) zusagen.« Dem Bronnweiler Wunsch, die erlaubte Radiusverschiebung der beiden Räder im Pachtvertrag auf 20 Meter einzugrenzen, kam die Stadt nach.
Die Gegner kämpften bis zuletzt. In der Sitzung überreichte Nadja Jetter 2.112 Unterschriften gegen den Standort, die die »Bürgerinitiative Windkraft Bronnweiler« gegen den Standort gesammelt hat.

Die Befürworter, die »Initiative pro Windkraft Reutlingen«, hatte ihre 2.080 Prostimmen im Gepäck. Florian Klebs überreichte sie an OB Keck mit dem Hinweils an die Räte, sie mögen doch ihr Votum in einen Umschlag packen, der in 20 Jahren geöffnet wird, um nachzuschauen, wie der Betroffene abgestimmt hat.
Dass der Standort Käpfle (in der Suchraumkarte des Regionalverbands die Vorrangfläche RT-TÜ01) bei der Suche des Regionalverbands ins Visier geraten würde (und als einziger übrig blieb), war absehbar. Bereits im Jahr 2012, als das Thema Windräder schon einmal kräftig aufploppte, hatte sich die Firma Schöller für das Gebiet am Käpfle interessiert.
»Der Standort spaltet die Bevölkerung«
Nachdem im April dieses Jahres der neuerliche Anlauf aufs Areal bekannt wurde, formierte sich rasch Widerstand aus den umliegenden Stadtteilen Gönningen und Ohmenhausen, insbesondere in Bronnweiler. Die »Bürgerinitiative Windkraft Bronnweiler« rührte die Werbetrommel gegen den Standort ebenso wie der örtliche Bezirksgemeinderat. Auch in den jüngsten Abstimmungen in den Dorfrathäusern in Gönningen und Ohmenhausen sprachen sich die Räte fast einstimmig dagegen aus: Gönningen und Bronnweiler forderten den Regionalverband auf, einen Alternativstandort zu suchen. Die AfD startete im Juli presseöffentlich ein Bürgerbegehren, von dem bis dato nichts mehr zu hören war.
Neben den landläufig von Windkraftgegnern vorgebrachten Argumenten, von Rotorenabrieb bis Infraschall, ist es vor allem die Angst vor Lärmbelästigung, die insbesondere in Bronnweiler umgeht. Rund 1.000 Meter Abstand zur nächsten Wohnbebauung seien zu wenig, fürchten Anwohner, und dass Topografie und die Lage des Dorfes zu den Rädern Schallentwicklungen hervorrufen, die erst mit der Inbetriebnahme zu ermessen sind.
Die Kritiker beklagen auch die Zerstörung eines beliebten Naherholungsgebiets und wertvoller Waldflächen. Dass die Stadt auf Kosten der Dorfbewohner vor allem Reibach machen wolle, ist ebenfalls ein oft zitiertes Argument. Die Ausführungen der Verwaltung zu den Einnahmen legen dies nicht nahe: Danach beträgt der Zufluss in die Stadtkasse (bei zwei Windrädern) aus Verpachtung, finanzieller Beteiligung und Gewerbesteuer über die Vertragsdauer gemittelt überschaubare 300.000 bis 400.000 Euro jährlich.
In zahlreichen Informationsveranstaltungen versuchte man, Ängste durch Information zu lindern. Im August verkündete Willi Schöller dann bei einer dieser Infoveranstaltungen in der proppenvollen Bronnweiler Turnhalle, dass er statt drei nur zwei Räder auf Reutlinger Gemarkung stellen will und so die Abstände zur Wohnbebauung vergrößert.
Die Messe ist derweil längst nicht gelesen. Der Projektierer muss weitere Untersuchungen und Gutachten in Auftrag geben, die zentral für die Genehmigung der Bauwerke sind. Zudem wird er vor der Investition noch in vertiefte Windmessungen einsteigen. (GEA)

