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Reutlinger OB Keck: Lieber Barbershop als Leerstand

In Reutlingen gibt es viele Friseure, Dönerbuden, Handyläden und Nagelstudios. »Wir haben sicherlich Unwuchten«, sagt Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck. Kann und würde er die Vielfalt der Geschäfte beeinflussen, um die Attraktivität der Innenstadt zu erhöhen?

Das Laden-Angebot in Reutlingen ist an gewissen Orten nicht unbedingt vielfältig. »Es gibt Unwuchten«, sagt Reutlingens Oberbürg
Das Laden-Angebot in Reutlingen ist an gewissen Orten nicht unbedingt vielfältig. »Es gibt Unwuchten«, sagt Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck dem GEA. Foto: Steffen Schanz
Das Laden-Angebot in Reutlingen ist an gewissen Orten nicht unbedingt vielfältig. »Es gibt Unwuchten«, sagt Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck dem GEA.
Foto: Steffen Schanz

REUTLINGEN. Die Reutlinger Innenstadt steckt in der Klemme. Immer mehr inhabergeführte Geschäfte machen dicht, auch viele Einzelhandelsketten ziehen sich zurück. Übrig bleibt vielerorts Leerstand und eine große Zahl von Friseuren, Dönerbuden, Nagelstudios und Handyläden. Das monotone Angebot wiederum senkt die Attraktivität von Fußgängerzone und Nebenstraßen, um welche sich die Verwaltung eigentlich so sehr bemüht. In Heilbronn sieht es ähnlich aus. Dort soll die Stadt nach Willen der CDU ein Konzept erarbeiten, um Gastronomie- und Dienstleistungsangebote steuern zu können. Oberbürgermeister Thomas Keck erklärt im Interview, ob er sich das auch für Reutlingen vorstellen könnte.

GEA: Finden Sie, dass die Reutlinger Innenstadt ein ausgewogenes Angebot an Geschäften hat?

Thomas Keck: Nein, wir haben sicherlich Unwuchten. Eine Zeit lang hatte man den Eindruck, dass wir Schuhhauptstadt der Nation sind. Doch das hat nachgelassen. Heute gibt es stattdessen einen Haufen Friseure.

»Im Zweifelsfall hätte man Leerstand. Dann lieber Dönerbude und Barbershop«

In der Altstadt sind es etwa 20.

Keck: Das ist natürlich eine ganze Menge. Die Frage ist, sind das zu viele und was wäre die Alternative?

Die Stadt könnte versuchen, das Angebot zu steuern. Das fordert beispielsweise die CDU in Heilbronn, weil es dort wie in Reutlingen viele Dönerbuden, Friseure, Handyläden und Nagelstudios gibt.

Keck: Das ist wieder mal ein Fall, wo man nicht zu Ende gedacht hat. Sicher kann man auch bei uns von Massierungen von Dönerbuden, Friseuren und so weiter reden. Die Frage ist nur, wenn die nicht da wären, was wäre dann? Man kann nicht implizieren, wenn die nicht da wären, dann wäre da etwas anderes. Im Zweifelsfall hätte man Leerstand. Und da muss ich sagen, dann lieber Dönerbude und Barbershop. Dass es nicht besonders reizvoll ist, auf kurzer Distanz viele ähnliche Geschäfte zu haben, ist auch klar.

Wenn sich Friseur an Handyladen und Dönerbude reiht, zieht das auch andere Kunden an, als wenn da beispielsweise eine Luxus-Boutique neben der anderen stehen würde.

Keck: Das ist völlig klar. Ich glaube, Reutlingen ist eine Stadt, die die Breite bedienen muss. Super Luxus-Schuppen laufen hier erfahrungsgemäß nicht. Hier wird sich auch kein Sternerestaurant halten. Es gibt durchaus reiche Reutlinger, die geben selten ihr Geld hier aus.

»Viele Migranten halten sich in der Innenstadt auf. Da laufen bei mir Beschwerden ein, dass die auffällig und laut seien«

Von vielen aus der bürgerlichen Mitte hören wir, dass sie nicht mehr in der Reutlinger Innenstadt einkaufen, weil sie sich unter den vielen ausländisch stämmigen Männern, die in Gruppen unterwegs sind, nicht wohlfühlen.

Keck: Da sind wir schnell in einer Diskussion, die ungut ist.

Warum?

Keck: Reutlingen hat einen Prozentsatz an Menschen mit Migrationshintergrund, der nicht signifikant höher ist als in anderen Städten. Viele der Migranten halten sich in der Innenstadt auf. Da laufen bei mir auch Beschwerden ein, dass die auffällig und laut seien. Das verstehe ich einerseits, andererseits müssen wir auch sehen, dass sich die Bevölkerungsstruktur ändert. Das haben wir nicht in der Hand.

Die Vielfalt der Geschäfte könnte die Stadt aber beeinflussen, oder?

Keck: Wenn ich da als Stadt einschreiten wollte, dann würde das theoretisch über das Bauplanungsrecht gehen. Das wirklich zu reglementieren, wird als sehr schwierig eingestuft. Die vorhandenen Altstadtbebauungspläne geben das nicht her, danach sind Betriebe wie Dönerbuden, Handyläden und Friseure allgemein zulässig. Außerdem ist es ein grundgesetzlich geschütztes Recht, ein Gewerbe zu betreiben. Wenn ein Eigentümer sein Geschäft an jemand vermietet, dann geht das den Staat erstmal nichts an. Wegen des Gleichheitsprinzips kann man auch nicht erklären, warum sich ein Bekleidungsgeschäft anmelden darf und ein Nagelstudio nicht.

»Wir können nur Rahmenbedingungen schaffen. Mit Ausschlusskatalogen geht’s nicht.«

Angenommen, in Reutlingen gäbe es einen Antrag wie in Heilbronn und er wäre umsetzbar, wären Sie dann dabei?

Keck: Das kommt auf den Nutzen für die Stadt an. Wenn ich es schaffe, dadurch die Aufenthaltsqualität der Innenstadt nachhaltig zu erhöhen, dann kann ich mir das vorstellen. Wir können aber nur Rahmenbedingungen schaffen. Mit Ausschlusskatalogen geht’s nicht.

Die bräuchte man doch gar nicht. Die Stadt könnte stattdessen gezielt die Geschäfte ansiedeln, die sie haben will.

Keck: Dann müsste ich mit Eigentümern sprechen, an wen sie ihre Immobilie vermieten, vielleicht sogar Prämien für gewisse Gewerbeansiedlungen zahlen. Das geht eindeutig zu weit und kann nicht Auftrag der Stadt sein. Außerdem bin ich auch kein »Wettbewerbskommissar«.

Von welchen Geschäften bräuchte die Innenstadt Ihrer Meinung nach mehr?

Keck: Wünschenswert wären aus meiner Sicht kleine, inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte. Wenn man für den täglichen Bedarf alles in der Innenstadt bekommt, das wäre toll. Ich habe ja noch die Zeit erlebt, in der es in Reutlingen viele dieser Geschäfte vom Laden für Haushaltswaren bis zum Herrenausstatter gab. Aber das alte Reutlingen von damals wird nicht mehr zurückkommen. Da darf man sich nichts vormachen. (GEA)