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Reutlinger Kitas: Erzieherinnen schlagen Alarm

Die Stadt will bei der Kinderbetreuung mehr ungelernte Fachkräfte einstellen. Einige Erzieherinnen sind besorgt – sie fürchten eine sinkende Qualität und den Weggang gelernter Kolleginnen.

Kitas im Südwesten brauchen mehr Fachkräfte
Erzieherinnen und Erzieher werden in Deutschland händeringend gesucht. Foto: Uwe Anspach/DPA
Erzieherinnen und Erzieher werden in Deutschland händeringend gesucht.
Foto: Uwe Anspach/DPA

REUTLINGEN. Wartelisten, Schließtage, unzufriedene Eltern – der Fachkräftemangel in Kindergärten und Kitas stellt Kommunen vor immense Herausforderungen. Auch Reutlingen bleibt davon nicht verschont: Rund 15 Prozent der Stellen sind vakant, 29 Prozent der Einrichtungen mussten im vergangenen Jahr die Öffnungszeiten reduzieren, weitere 37 Prozent waren von einer Schließung oder Teilschließung betroffen, zudem gibt es Aufnahmestopps in 17 Einrichtungen.

Um dieses Problem zu beheben, plant die Stadt, verstärkt auf ungelernte Fachkräfte und Direkteinsteiger zu setzen – und diese sogar im Betreuungsschlüssel anzurechnen. Es habe kaum Widerstand gegen diese Pläne gegeben, berichtete Sozialamtsleiter Joachim Haas in einer Sitzung des Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschusses. Er habe mit mehr Gegenwind gerechnet.

Resignation macht sich breit

Nach Artikeln im GEA hat sich jedoch eine Gruppe von Erzieherinnen in der Redaktion gemeldet, die von vielen Ängsten umgetrieben werden angesichts der städtischen Vorhaben. Sie wollen anonym bleiben, da die Stadt ihr Arbeitgeber ist, haben sich aber mit der GEA-Redakteurin zu einem ausführlichen Gespräch getroffen und ihre Bedenken auch schriftlich festgehalten.

Dass es so wenig Gegenwind gegeben habe, erklären sie damit, dass viele erst aus der Zeitung von den Plänen erfahren haben, dass der Anteil der Quer- und Seiteneinsteiger zunehmen soll. Zudem mache sich Resignation breit, denn es sei öfter so, »dass die Träger etwas beschließen und die Einrichtungen es dann umsetzen müssen«. Sie haben sich im Kolleginnen-Kreis umgehört, berichten sie. Die Rückmeldungen, die sie erhalten haben, seien fast nur kritisch.

Eine Sorge gilt der Qualität der Kitas – diese werde abnehmen, wenn immer mehr Nicht-Pädagogen eingesetzt werden. »Irgendwann sind wir nur noch zur Betreuung und Aufbewahrung da«, so die Sorge der Erzieherinnen. Das gehe zu Lasten der Fachkräfte, die noch mehr gefordert sind und in der Verantwortung stehen. »Da werden sich sicherlich einige beruflich umorientieren«, warnen sie.

So könnte eine Spirale in Gang gesetzt werden: »Durch die Fluktuation der qualifizierten Fachkräfte sind weniger Fachkräfte da, die die Quereinsteiger anleiten können. Dies hat eine Mehrbelastung für das gesamte pädagogische Team zur Folge.« Und eventuell eine weitere Fluktuation.

Ausbildung im Schnelldurchgang

Für einen Quereinstieg ist theoretisch jeder geeignet, der bereits einen Beruf erlernt hat – egal, welchen. Dass es viele Bewerber gibt, liege oft an der Finanzierung und den Auflagen des Arbeitsamtes, sind die Erzieherinnen überzeugt. Denn bereits in der Ausbildung verdienen die Quereinsteiger so viel wie ausgelernte sozialpädagogische Assistenten, inklusive tariflicher Zulagen und Sonderregelungen. Innerhalb von zwei Jahren werden sie zu Erzieherinnen ausgebildet, davon die Hälfte der Zeit in der Einrichtung. Diese Ausbildung im Eiltempo (die normale Erzieherausbildung dauert drei bis vier Jahre) führe wegen fehlender pädagogischer Grundkenntnisse oft zu einer Überlastung, die sich in vielen Fehltagen widerspiegeln.

Der Bildungsauftrag, aber auch Dinge wie Sprachförderkonzepte könnten auf der Strecke bleiben. Hinzu komme, dass der Betreuungsbedarf für Kinder immer anspruchsvoller werde. Galt die Arbeit mit den Kleinen in Kitas früher als »familienergänzend« sollten die Erzieherinnen heute in vielen Belangen die Familie ersetzen. Auch eine Beratung der Eltern dürfen die Direkt- und Quereinsteiger nicht übernehmen. »Wir Fachkräfte können nicht alles machen.« Prinzipiell seien sie nicht gegen Quereinsteiger, betonen sie – »aber nicht als Fachkräfte, sondern als Zusatzkräfte, ohne Anrechnung auf den Personalschlüssel«.

Anreiz zur Ausbildung fällt weg

Von der versprochenen Entlastung durch diese Arbeitskräfte sei wenig zu spüren, bedauern die Erzieherinnen. Wobei es durchaus engagierte und motivierte Mitarbeiterinnen unter ihnen gebe, »aber es fehlt oft schon am Basiswissen«. Die Anforderungen für die Quereinsteiger seien beispielsweise geringer als für klassische Auszubildende im Erzieher-Beruf. »Es wird vermittelt, dass eigentlich jeder in der Kindertagesbetreuung arbeiten kann«. Sie fürchten, dass so auch der Anreiz für junge Menschen entfällt, diesen Beruf von der Pike auf zu lernen. »Uns stellt sich die Frage: Können wir Erzieherinnen dann auch als Quereinsteiger bei der Stadt arbeiten?«, fragen sie nicht ohne Ironie, »vielleicht sogar als Sozialamtsleiter?« (GEA)