REUTLINGEN. Es war der 29. September im Jahr 2018, ein Tag, der das Leben von Maritta Krehl schlagartig verändert hat. Die damals Schwangere bekam Blutungen und musste sofort ins Krankenhaus. »Kurz davor wollten wir nichts ahnend sogar wegfahren«, erinnert sich die Reutlingerin, die als Model und Influencerin tätig ist. Wie sich schnell herausstellte, waren sowohl sie als auch ihr Baby in Lebensgefahr. Zuvor war in Krehls Ultraschall eine Zwillingsanlage zu sehen. Es waren zwar zwei Fruchtsäcke sichtbar, doch nur in einem hatte sich ein Embryo entwickelt. Der eigentliche Entbindungstermin war für den 5. Januar 2019 vorgesehen.
In der Reutlinger Klinik angekommen, ging es Schlag auf Schlag. Sie bekam einen Notkaiserschnitt. Sohn Lauri kam in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt. Er wog nur 940 Gramm und war 35 Zentimeter groß. »Ich wäre fast verblutet und hatte schon den Vater meines Kindes darum gebeten, auf unseren Sohn aufzupassen, falls ich die Geburt nicht überleben würde«, erzählt die Ex-Frau des Mössinger Sängers Almklausi.

Maritta Krehl und ihr Sohn Lauri gehen gemeinsam durch dick und dünn. FOTO: PRIVAT
Bevor Krehl mit Lauri schwanger wurde, hatte sie eine reibungslose Schwangerschaft hinter sich. Ihre Tochter, die inzwischen 15 Jahre alt ist, hatte den Geburtstermin in der 41. Schwangerschaftswoche sogar überschritten. Umso mehr kam die darauffolgende Frühgeburt völlig unerwartet.
Nach Lauris Geburt fühlte sich Krehl wie in einem schlechten Film, erzählt sie. Sowohl ihr, als auch dem Baby ging es schlecht. Bis sie selber wieder körperlich fit war, dauerte es. Die heute 39-Jährige verbrachte zwei Wochen in der Klinik und musste kurze Zeit später an der Gebärmutter operiert werden. Das Frühchen lag auf der Intensivstation in einem Inkubator. »Ich konnte noch nicht richtig gehen.« Tagelang durfte sie den Säugling nicht berühren. »Das war eine sehr schwierige Zeit. Andere Mütter mit ihren Neugeborenen zu sehen und das eigene nicht in die Arme schließen zu dürfen, war herzzerreißend«, sagt sie.
Zwei Hirnblutungen erlitten
Maritta Krehl kann sich noch ganz genau an die erste Begegnung mit »dem kleinen Wesen« erinnern. Ein trauriger Anblick: »Das kann man sich gar nicht vorstellen. Lauri war wie ein nacktes Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war.« Das Baby habe eine sehr helle Haut gehabt, manche Körperstellen seien blau angelaufen gewesen. »Er war verkabelt und hatte einen riesigen Schlauch in der Nase.« Der unterstützte seine Lungenentwicklung. Zehn Tage nach der Entbindung noch ein Schock: Der Junge erlitt zwei Hirnblutungen. Trotzdem verlor Krehl nicht ihren Lebensmut. »Lauri wollte überleben. Es war ein gemeinsamer Kampf. Ich verbrachte täglich acht Stunden mit ihm auf der Intensivstation und habe all meine positive Energie in ihn hineingesteckt.« Mit der sogenannten Känguru-Methode schaffte es Krehl, den anfangs fehlenden Körperkontakt mit ihrem Kind nachzuholen. »Das Baby wird dabei auf dem Bauch der Mutter gelegt und spürt ihren Herzschlag«, beschreibt sie die Methode. »Das hat sich sehr ausgezahlt, weil wir jetzt eine sehr innige Bindung haben.«
Als das Frühchen ein Kilo wog, bekam es ein Implantat unter die Kopfhaut eingesetzt. Über einen Katheter wurde Flüssigkeit aus dem Gehirn entnommen. So sollte verhindert werden, dass er einen Wasserkopf bekommt. Trotz der Schicksalsschläge verlor Krehl ihr Lächeln nicht.
Auf Therapien angewiesen
Nach Monaten des Bangens ging ihr Wunsch in Erfüllung. An Weihnachten, drei Monate nach seiner Geburt, durfte Lauri endlich nach Hause. Anfangs hatte er große Schwierigkeiten beim Atmen und Schlucken. Durch die Hirnblutungen erlitt er eine Halbseitenlähmung. Er ist auf regelmäßige Physio- und Ergotherapien angewiesen.»Während des Wachstums kommt es auf der linken Körperseite zu einer Verkürzung der Venen. Deshalb müssen sie dauerhaft massiert und ausgedehnt werden«, erläutert Krehl. Doch Lauri läuft, obwohl es anfangs hieß, er wird es nie schaffen. Schon immer hörte die Mama sehr auf ihr Bauchgefühl und ließ sich von schlimmen Diagnosen nicht runterziehen. »Ich war davon überzeugt, dass er das packt.«
Zur Person
Maritta Krehl tauchte bereits als Kind in die Modewelt ein. Heute ist sie Influencerin, Modell und Werbegesicht. Bis vor drei Jahren war sie noch mit dem Mössinger Partysänger Almklausi verheiratet. Gemeinsam haben sie Sohn Lauri. Als Ehepaar machten sie 2021 bei der RTL-Show »Das Sommerhaus der Stars« mit. (ifi)
Zwar leidet Lauri unter körperlichen Beeinträchtigungen, geistig ist der Junge jedoch sehr fit. »Was er motorisch nicht kann, gleicht er geistig aus. Schon vor der Einschulung konnte er lesen«, schwärmt die Mutter. Heute ist Lauri sieben Jahre alt und ein »fröhlicher, offener, liebesbedürftiger Mensch, der seit Beginn seines Lebens gelernt hat zu kämpfen«. Er besucht eine Inklusionsschule. »Er hätte auch in eine Regelschule kommen können, aber ich habe mich dagegen entschieden.« So habe er weniger Leistungsdruck und mehr Ruhe.
Wie der Alltag der zweifachen Mutter jetzt aussieht? »Unser Leben ist tagtäglich mit Sorgen behaftet«, sagt die seit drei Jahren alleinerziehende Mutter. Beim Schlafen muss Lauri jetzt über einen Monitor überwacht werden, damit bei epileptischen Anfällen schnell gehandelt werden kann. Doch Krehl gibt nicht auf. »Ich möchte ein Vorbild für Frühchenmamas sein und ihnen Mut machen.« Das ist auch ein Grund, weshalb sie das Eisbaden-Event am 9. November auf dem Marktplatz mitorganisiert hat. Durch die Veranstaltung hat sie Spenden für den Reutlinger Frühchen-Verein gesammelt. »Ich wollte dem Verein etwas zurückgeben.«(GEA)

