REUTLINGEN. Das Reutlinger Weindorf: »Das gehört genauso fest in den Terminkalender eines Reutlingers wie Weihnachten oder Ostern«, sagt Andreas Sommer. Er und Regine Vohrer gehören zu den Gründern dieser Reutlinger Tradition, die 1986 zum ersten Mal über die Bühne gegangen ist. »Es war ein Wagnis«, sagen die beiden, »aber es hat gleich eingeschlagen wie eine Rakete.« Im Café Sommer sitzend, blicken die beiden zurück auf die lange Geschichte des Fests und packen Anekdoten aus, erklären, wie das Weindorf rund um die Marienkirche entstanden ist und warum sie auch nach 38 Jahren noch Freude daran haben. Geschichten vom Reutlinger Weinherbst – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Der Ideengeber: Julius Vohrer
Es war Regine Vohrers verstorbener Mann Julius, der auf die Idee kam, in Reutlingen, ähnlich wie in Stuttgart, ein Weindorf auf die Beine zu stellen. Anlässlich der Landesgartenschau 1984 baute er im Volkspark einen Weinbrunnen aus den 50er-Jahren auf, an dem unterschiedliche Genossenschaften ihre Erzeugnisse anboten. Abends tummelten sich die Reutlinger gerne dort – nach dem Ende der Gartenschau habe sich ihr Mann überlegt, wie man den Brunnen und die Verköstigung fortführen könnte, blickt Regine Vohrer zurück. Er ersann erste Ideen für das Weindorf und machte sich auf die Suche nach Mitstreitern.
Die Gründer-Wirte
Fündig wurde der Küfermeister Julius Vohrer schnell bei namhaften Gastronomen aus Reutlingen und der Region. Einer der ersten, die er für sein Vorhaben begeistern konnte, war Andreas Sommer. »Julius und ich waren Jugendfreunde«, blickt der im Gespräch mit dem GEA zurück, zudem »waren wir zu der Zeit jung und wild«, sagt Sommer lachend. Wagemutig stürzten sie sich in das Abenteuer Weindorf. Nach wenigen Treffen stand die Truppe fest. Einige der Gastronomen hörten im Lauf der Jahre auf, neue kamen hinzu, und bei einigen ist bereits die nächste Generation mit im Boot – wie bei Vohrers und Sommers. Die Gründer-Wirte des Weindorfs waren: Ewald Wittlinger (Achalm-Hotel), Hans-Peter Haut (Tübinger Tor), Robert Baur (Post Gammertingen), Peter Schmid (Graf Eberhard Bad Urach), die Brüder Gerhard und Josef Klose (Glemser Stausee-Hotel), Dieter Wetzel (Schwanen Metzingen) und Eugen Frank (Vier Jahreszeiten Bad Urach).
»Natürlich hatten wir Sorge, dass das Ganze ein Windei werden könnte«, erklärt Sommer, vor allem angesichts der Investitionskosten. Ein Schreiner zimmerte eigens die Holzlauben, in denen die Gäste bewirtet wurden und deren Maße an den Platz rund um die Marienkirche angepasst wurden. Eine kostete 10.000 Mark. Auch für Essen und Getränke, Ausstattung und Inventar mussten die Gastronomen gehörig in Vorleistung gehen. Doch es lohnte sich. Die Gäste strömten zu der neuen Veranstaltung, die sich in den vergangenen Dekaden zu einer lieb gewordenen Tradition entwickelt hat. Freilich: Reich wird trotzdem keiner der Wirte mit dem Fest. Je nach Wetterlage muss man mitunter sogar um die schwarze Null bangen. Heute mehr denn je: Gestiegene Personalkosten, die Inflation, explodierende Energiepreis und eine klamme Finanzlage der Stadt, die sich auf die Unterstützung auswirkt, Ausgaben für Wachdienste und mehr lassen die Ausgaben steigen. Das spüren auch die Gäste. »Wobei wir nach wie vor äußerste moderate Preise haben«, betont Regine Vohrer mit Blick auf ähnliche Veranstaltungen in anderen Städten.
Das Konzept
Vom Prinzip her hat sich das Reutlinger Weindorf in den 38 Jahren seines Bestehens nicht groß verändert: Rund um die Marienkirche wird gefeiert, gegessen und getrunken. Die Speisen ändern sich je nach Mode, aber auch hier gibt es Konstanten, wie die sauren Kutteln, die beinahe vom Aussterben bedroht sind und hier noch Abnehmer finden. Auch die Weinauswahl unterliegt Trends. »Heute bevorzugen wieder viele regionale Produkte«, beobachtet Sommer. Musik gehört dazu – und seit 1988 auch das Fassrollen. Die Zeit des Festes wurde verlängert, von anfangs neun Tagen auf nun 18. Allerdings ist Sonntag und Montag Ruhetag.
Das Weindorf auf Ostdeutschland-Tournee
Erfolgreich gestartet und nach kurzer Zeit schon etabliert, ging das Weindorf 1990 erst- und einmalig auf Tournee durch Ostdeutschland. Wie genau es dazu kam, dass die Macher aus Württemberg von der Stadt Chemnitz angefragt wurden, ob sie dort Teile ihres Dorfs aufbauen könnten, weiß heute keiner mehr. Umso lebendiger sind aber bis heute die Erinnerungen an diesen Ausflug kurz nach der Wende. Willi Betz habe Lastwagen mit den Weindorf-Hütten und dem Inventar beladen, darunter sogar einen Ofen von einem befreundeten Bäcker, damit Andreas Sommer frische Brezeln backen konnte. Genächtigt wurde in einer ehemaligen Stasi-Abhörzentrale, »unglaublich«, sagen Vohrer und Sommer. Das Wetter war »affenkalt und nass«. Die Besucher blieben aus, geschäftlich sei es eine Katastrophe gewesen, erinnern sich die beiden Beteiligten, »aber menschlich war es top«. Das Abenteuer schweißte die Weindorf-Wirte noch mehr zusammen, und damit man mit leichterem Gepäck nach Hause kam, verkauften sie in Chemnitz, was nur ging: Nicht nur übrige Maultaschen und Wein, sondern auch der Ofen und so manche Laube blieben im Osten.
Die Bürgermeisterin des Dorfs
Eine der wichtigsten Personen und gleichzeitig das Gesicht des Weindorfs war von Beginn an Margret Grimm. Julius Vohrer konnte die beliebte Lokalpolitikerin und vielseitig engagierte Persönlichkeit davon überzeugen, das Amt der Weindorf-Bürgermeisterin zu übernehmen. Zwei Jahrzehnte, bis 2005, blieb sie dem Amt treu. Sie eröffnete nicht nur jedes Jahr den Reutlinger Herbst, sondern drehte auch jeden Abend zum Zapfenstreich um 23 Uhr mit einer Glocke die Runde, um das letzte Getränk einzuläuten. »Dabei war sie sehr gerecht und hat jeden Abend in einer anderen Laube angefangen«, erzählt Sommer. Als sie aus gesundheitlichen Gründen aufhörte, sei allen sofort klar gewesen, dass das Amt künftig vakant bleibt. »Margret Grimm war einzigartig, sie kann man nicht ersetzen«, betont Regine Vohrer.
Promis in den Lauben
Vor allem die Politiker scheinen sich im Weindorf wohl zu fühlen: Den Auftakt machte bereits 1988 die Lokalprominenz bei einem »unpolitischen Stelldichein«, wie der GEA berichtete. Die Staatssekretäre Anton Pfeifer und Hermann Schaufler waren zu Gast, begleitet vom späteren Wirtschaftsminister Dr. Helmut Haussmann und dem SPD-Abgeordneten Professor Karl Weingärtner. Und wahrscheinlich sprach es sich bis nach Stuttgart herum, wie schön es in Reutlingen ist, denn einige Landesväter beehrten die Lauben ebenfalls regelmäßig mit ihrem Besuch: Lothar Späth, Erwin Teufel oder Günther Oettinger beispielsweise wurden dort gesehen. Auch eine Bundesfamilienministerin beehrte 1994 die Ermstal-Laube, und zwar keine Geringere als Angela Merkel. (GEA)



