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Reutlinger Fair-Netz: Eine Milliarde Euro für Netzausbau

Strom, Fernwärme, Gas, Wasser, Glasfaser: Zum Netzausbau benötigt die Stadtwerke-Gruppe in den kommenden zehn Jahren rund eine Milliarde Euro. Doch woher soll das Geld kommen? Die Stadt Reutlingen hat einen Plan entwickelt.

Das Stromnetz muss in Reutlingen und Region enorm ausgebaut werden. Das kostet viel Geld.
Das Stromnetz muss in Reutlingen und Region enorm ausgebaut werden. Das kostet viel Geld. Foto: Symbolfoto: Christophe Gateau/dpa
Das Stromnetz muss in Reutlingen und Region enorm ausgebaut werden. Das kostet viel Geld.
Foto: Symbolfoto: Christophe Gateau/dpa

REUTLINGEN. Fakt ist: Die Energiewende kostet viel Geld. Der Solarboom und seine Folgen sind das jüngste Beispiel dafür, dass vielerorts die Grenze der Netze erreicht ist. So verkündete die Reutlinger Fair-Netz im Juli in einer Pressemitteilung, dass »in einzelnen Gebieten derzeit keine neue Einspeisung mehr möglich ist, ohne die Netzstabilität zu gefährden«. In den besagten Gebieten betrifft das rund 300 Privatleute, die sich mit Nulleinspeisung zufrieden geben müssen. Die Stadtwerke Reutlingen werden allein in den kommenden Jahren rund eine Milliarde Euro in den Ausbau der Netze vor Ort investieren müssen: 670 Millionen ins Stromnetz, 125 Millionen in die Fernwärme, 85 Millionen in die Gas- und Wasserversorgung, 85 Millionen Euro in die Elektromobilität im Nahverkehr, 55 Millionen in den Glasfaserausbau, 18 Millionen in den Ausbau der Erneuerbaren Energien und 15 Millonen in die Erhaltung der Bäder. Doch woher soll das Geld kommen?

»Wir wollen die Stadtwerke in die Lage versetzen, diese Milliarde zu investieren«, erklärt Reutlingens Finanzbürgermeister Roland Wintzen. »Dafür benötigen sie aber ein gewisses Eigenkapital, um den Rest über Kredite finanzieren zu können.« Staatliche Zuschüsse für diese »immense Aufgabe« gebe es aktuell nicht, kritisiert der Finanzbürgermeister. Also machte man sich im Rathaus auf Lösungssuche. Das Ergebnis wurde dem Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung mitsamt der Haushalts-Streichliste präsentiert.

»Wir wollen die Stadtwerke in die Lage versetzen, diese Milliarde zu investieren«

Die Stadtwerke benötigen rund 280 Millionen zusätzliches Eigenkapital, um den Netzausbau stemmen zu können. Rund 180 Millionen Euro sollen erstmal durch folgende Lösung bereitgestellt werden: Die Stadt stellt den Stadtwerken über einen Zeitraum von zehn Jahren jährlich 18 Millionen Euro Darlehen zweckgebunden für den Netzausbau zur Verfügung. Also insgesamt 180 Millionen Euro. Man hält es bei Stadtverwaltung und Stadtwerken »nach derzeitiger Einschätzung für eher fraglich«, dass der gesamte Netzausbau in den anvisierten zehn Jahren umgesetzt werden kann. Vermutlich steht nicht genügend Personal zur Verfügung, auch der Grundstückserwerb für Umspannwerke, die auch für die Stadtbahn benötigt werden, mache Sorgen. So heißt es in einer Vorlage der Verwaltung. Deshalb verzichtet man zunächst darauf, die vollen 280 Millionen Eigenkapital zur Verfügung zu stellen. Da die jährlichen Kredite an die Stadtwerke aber nicht auf zehn Jahre in Stein gemeißelt sind, sondern mit jedem Haushalt neu beschlossen werden, bestehe die Möglichkeit, »nachzusteuern«.

Die Stadt Reutlingen plant für dieses Vorhaben einen Kommunalkredit aufzunehmen. Was andere Städte, beispielsweise Hannover oder Halle an der Saale, auch schon so zur Stärkung ihrer Stadtwerke praktizieren, so Finanzbürgermeister Wintzen. Stimmt der Gemeinderat dem Vorschlag der Verwaltung im März 2026 zu, wird ein Darlehensvertrag mit den Stadtwerken geschlossen. Die Zinsen für dieses Darlehen wollen die Stadtwerke aus dem laufenden Betrieb begleichen, heißt es in der Vorlage der Stadt. Und weiter: »Eine Tilgung erfolgt, nachdem ein Großteil der Investitionen durchgeführt und im Anlagevermögen abgeschrieben wurde.«

»Man könnte natürlich auch einen privaten Investor reinholen«

Was wäre die Alternative gewesen? »Man könnte natürlich auch einen privaten Investor reinholen«, erläutert Finanzbürgermeister Roland Wintzen. »Aber der macht das nur, wenn er auch Einfluss bekommt.« Stromnetz und Co. zumindest teilweise an einen Privatinvestor verkaufen? »Das wollen wir wirklich nicht«, so Wintzen. Außerdem würde man dann den steuerlichen Querverbund mit den anderen Tochtergesellschaften der Stadtwerke verlieren, durch den beispielsweise Verluste im Busverkehr der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft (RSV) abgemildert werden. Die Stadtwerke Reutlingen GmbH hat mehrere Tochtergesellschaften, unter anderem die FairEnergie, die FairNetz und die RSV. (GEA)