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Reutlinger Fahrbare Druckerei stoppt bei Menschen mit Demenz

Fahrbare Druckerei macht bei Betreuungsgruppen für Demenzpatienten Halt. Erste Station: Orschel-Hagen.

Bringen mit der fahrbaren Druckerei ein wenig Farbe in das Leben von Demenz-Patienten in der Betreuungsgruppe in Orschel-Hagen:
Bringen mit der fahrbaren Druckerei ein wenig Farbe in das Leben von Demenz-Patienten in der Betreuungsgruppe in Orschel-Hagen: (von links) Kerstin Rilling, Annette Schuberth, Julia Handel und Ulrike Drud. FOTO: ECKELT
Bringen mit der fahrbaren Druckerei ein wenig Farbe in das Leben von Demenz-Patienten in der Betreuungsgruppe in Orschel-Hagen: (von links) Kerstin Rilling, Annette Schuberth, Julia Handel und Ulrike Drud. FOTO: ECKELT

REUTLINGEN. Nadja strahlt. Sie hält ihre selbst bedruckte Grußkarte in Händen. Nadja ist 70 Jahre alt und hat Demenz. Heute ist sie mit weiteren Demenzpatienten zu Gast in der Demenz-Betreuungsgruppe, die sich immer donnerstags in der Cafetería im Seniorenzentrum Gertrud Luckner in Orschel-Hagen trifft. Dort gibt es ein ganz besonderes Kunstangebot. »Das ist unser erster Termin für die fahrbare Druckerei in diesem Jahr«, freut sich Annette Schuberth, die Leiterin der DRK-Fachstelle für Demenz. Sie organisiert das Kunstangebot in Kooperation mit dem Reutlinger Kunstmuseum Spendhaus.

Im Laufe des Jahres wird die fahrbare Druckerei noch an weiteren Standorten Halt machen und dort für abwechslungsreiche Stunden sorgen. Heute wird es bunt, denn die Teilnehmerinnen fertigen Grußkarten an und haben dabei die Wahl zwischen verschiedenen Linol-Druckfarben, mit denen sie ihre selbst ausgeschnittenen Vorlagen vervielfältigen können. Nadja hat sich für die Farbe Grün entschieden. »Das ist meine Lieblingsfarbe«, sagt sie. Zuvor hat die Kunstpädagogin Kerstin Rilling den Teilnehmerinnen gezeigt, wie sie aus Moosgummi verschiedene Formen ausschneiden können. Mit einem Bleistift lassen sich leicht Linien und Zacken und damit ein Muster prägen. »Moosgummi ist ein ganz weiches Material, das leicht zu bearbeiten ist«, so die Kunstpädagogin.

»Es geht um das Erleben von glücklichen Gefühlen«

Mit einem Pinsel trägt man die Farbe auf die Moosgummi-Vorlage auf und legt sie in die Druckpresse, die über einen Hebel leicht zu bedienen ist. Ritsch, ratsch und fertig ist die bunte Grußkarte. Stolz stellen die Teilnehmerinnen ihre Karten auf einen Tisch zum Trocknen auf.

Menschen erreichen, die nicht mehr mobil sind

»Mit unserer fahrbaren Druckerei möchten wir gezielt Menschen erreichen, die nicht so leicht zu uns ins Spendhaus kommen können, weil sie nicht mehr mobil sind«, sagt Kerstin Rilling. Das kreative Arbeiten schaffe gerade für Menschen mit Demenz einen wertvollen Impuls. »Das ist oft ein sehr emotionales Erlebnis für sie, hier mit den Händen etwas zu schaffen, daran Freude zu haben und auch einfach an etwas Teil zu haben.«

Dabei ist nicht jeder auf Anhieb vom Kunsthandwerken begeistert. »Wir hatten heute eine Teilnehmerin, die nicht mitmachen wollte«, erzählt Annette Schuberth. »Sie wollte lieber Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen.« Das war überhaupt kein Problem. Es wird improvisiert: Eine der ehrenamtlichen Helferinnen, die immer mit dabei sind, setzt sich mit der Dame an einen anderen Tisch und spielt kurzerhand Mensch-Ärgere-Dich-Nicht.

»Wir möchten auf alle Bedürfnisse eingehen.« Das verlangt von den Betreuerinnen viel Einfühlungsvermögen und auch Geduld. Sie wissen, dass ein an Demenz erkrankter Mensch tagein tagaus vor vielen Hürden steht. Ulrike Drud hat das in ihrer eigenen Familie erlebt. Die 82-Jährige ist heute als Ehrenamtliche mit dabei. »Mein Mann hat zehn Jahre mit Demenz gelebt, bis er vor fünf Jahren gestorben ist«, so die gebürtige Wienerin. »In der Zeit habe ich viel gelernt. Das möchte ich gerne weitergeben. Man muss auf jeden Einzelnen Acht geben.«

Angebot soll eine Entlastung sein

Deshalb soll das Angebot die Teilnehmer nicht überfordern, keine Last, sondern eine Entlastung sein. »Es ist wichtig, dass immer die Möglichkeit besteht, auch einmal kurz rauszugehen, falls es zu viele Reize werden«, sagt Kerstin Rilling.

Manchmal braucht es aber auch einfach ein bisschen Zeit, sich mit einer neuen Idee anzufreunden. Des Öfteren seien es die Herren, die zunächst nicht viel mit dem »Kunst-Drucken« anfangen können. »Wenn sie dann aber die Druckpresse sehen, sind sie von der Mechanik oft begeistert und machen gerne mit«, verrät Julia Handel, die Leiterin der Anlaufstelle für Demenz »Adele«.

»Es ist toll, dass sie einfach mal wieder etwas ganz anderes ausprobieren können und dabei oft auch verloren geglaubte Ressourcen wieder oder ganz neue Talente an sich entdecken. Sie sind dann richtig stolz auf das Ergebnis.« Stolz kann heute auch Nadja sein. Sie freut sich, dass sie ihre selbst gedruckten Karten mit nach Hause nehmen kann und sagt von Herzen »Danke schön«. Wieder und wieder.

Das berührt auch die Organisatorinnen. »Das Erleben von glücklichen Gefühlen, das ist der Grund, warum wir solche Angebote für an Demenz erkrankte Menschen machen«, sagt Annette Schuberth, die mit ihrem Engagement heute Farbe und Freude in die Betreuungsgruppe gebracht hat. (GEA)

FAHRBARE DRUCKEREI

Weitere Termine der Fahrbaren Druckerei in 2025: 28. Mai: Betreuungsgruppe Haus Matizzo Metzingen. 22. September: DRK Tagespflege, DRK Seniorenzentrum Oferdingen. 7. Oktober: Betreuungsgruppe Diakonie Pfullingen.