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Reutlinger EM-Pokal: Wie er entstanden ist und was damit passieren soll

Der riesige EM-Pokal von Marco Borrello hat es während der Fußball-Europameisterschaft zu einer kleinen Berühmtheit in Reutlingen gebracht. Die will der Macher nun für einen guten Zweck einsetzen.

Marco Borrello (vorne) hat den überdimensionierten EM-Pokal aus Styropor gefertigt.
Marco Borrello (vorne) mit seinem EM-Pokal aus Styropor bei der Feier in Reutlingen nach dem Sieg von Italien gegen England. Foto: Markus Niethammer
Marco Borrello (vorne) mit seinem EM-Pokal aus Styropor bei der Feier in Reutlingen nach dem Sieg von Italien gegen England.
Foto: Markus Niethammer

REUTLINGEN. Er war DAS Highlight der rauschenden Party der Italiener in Reutlingen - im wahrsten Sinne des Wortes. Im kollektiven Jubel über den Sieg bei der Fußball-Europameisterschaft ragte ein überlebensgroßer EM-Pokal heraus, der auf einer Sänfte über die Karlstraße und den Marktplatz getragen wurde. Dieser zog viele Blicke auf sich. Ständig richteten mehrere Schaulustige ihre Smartphones auf die Trophäe, machten Bilder und Videos. Jubel brandete auf, wo sich die Sänfte den Weg durch die Massen bahnte. »Die Resonanz war überwältigend«, freute sich Marco Borrello, der Macher der Pokal-Nachbildung. Bis 3 Uhr nachts habe er unzählige Nachrichten bekommen, wurde etliche Male in den sozialen Netzwerken markiert, erzählt der 36 Jahre alte Reutlinger am Tag danach. Während des Turniers hat er es zu einer kleinen Berühmtheit in der Stadt geschafft. »Ich bin mir vorgekommen als sei ich die Queen«, sagt er lachend.

Auf die Pokal-Idee ist Marco Borrello kurz vor Beginn des Turniers sehr spontan gekommen. »Bisher war ich eher der stille Zuschauer. Aber diesmal wollte ich etwas Verrücktes machen.« Einfach sein Auto komplett in Italien-Farben zu bekleben, sei ihm zu langweilig gewesen. Nach einer kurzen Internetrecherche war klar: der Henri-Delaunay-Pokal sollte es werden. Während das Original 42,5 Zentimeter hoch ist, sollte Borrellos Nachbau etwa 1,5 Meter groß werden. Der Konstruktionsmechaniker und Film-Produzent druckte sich mehrere DIN​‐A4‐Blätter mit Ausschnitten des Pokals aus und puzzelte so nach und nach eine Vorlage zusammen. Die Pokal-Skulptur schleifte er dann aus Styropor-Teilen, die in seiner Tüftler-Werkstatt herumlagen. Im Hof wurde der Pokal dann lackiert. Zwei Wochen lang hat er nach der Arbeit und am Wochenende an seinem Projekt gewerkelt. »Meine Familie war zuerst geteilter Meinung«, gibt Borrello zu, »aber als sie gesehen haben, wie gut der Pokal ankommt, waren sie auch begeistert«.

Marco Borrello beim Schleifen des Styropor-Pokals. Foto: Privat
Marco Borrello beim Schleifen des Styropor-Pokals.
Foto: Privat

Erstmals aufgefallen ist Borrello nach dem letzten Vorrundenspiel gegen Österreich (2:1). Damals hatte er den Riesen-Pokal auf sein Auto montiert und ist damit im Korso auf der Karlstraße mitgefahren. Auch der Polizei ist er sofort ins Auge gefallen. »Eine Polizistin hat mich gefilmt«, erzählt Borrello »Ich habe meiner Frau schon gesagt, dass ich mich morgen dann aus dem Gefängnis melde«, sagt er lachend. Und tatsächlich wurde er bei der nächsten Runde über die Karlstraße aus dem Verkehr gezogen. »Die Polizei hat kontrolliert, ob alles fest montiert ist. Darauf habe ich großen Wert gelegt und durfte dann auch weiterfahren.« Seitdem war er nach jedem Spiel eine der Hauptattraktionen der italienischen Feierlichkeiten.

Erstmals kam Marco Borrellos Pokal beim Autokorso nach dem Sieg Italiens gegen Österreich zum Einsatz.
Erstmals kam Marco Borrellos Pokal beim Autokorso nach dem Sieg Italiens gegen Österreich zum Einsatz. Foto: Privat
Erstmals kam Marco Borrellos Pokal beim Autokorso nach dem Sieg Italiens gegen Österreich zum Einsatz.
Foto: Privat

Vor dem Finale kam Borrello die Idee, den Pokal diesmal auf einer Sänfte zu installieren. Auf Sizilien, woher seine Eltern stammen, sei es Tradition, dass heilige Statuen an religiösen Feiertagen auf diese Weise durch die Straßen getragen werden. »Der EM-Pokal ist auf eine gewisse Art auch ein heiliges Relikt«, meint Borrello. Schnell waren nach dem Sieg drei weitere Mitträger gefunden. Und schnell war der Pokal erneut im Blickfeld der Polizei. »Sie haben wieder kontrolliert, ob alles fest ist«, sagt Borrello. War es. »Von vielen Polizisten gab es einen Daumen nach oben«, erzählt er. »Das war echt toll zu sehen.«

Wie geht es nun mit dem Pokal weiter? »Für unser Wohnzimmer und meine Werkstatt ist er leider zu groß«, sagt der Vater eines achtjährigen Jungens. Die Popularität seiner Trophäe will Borrello aber auch viel lieber für einen guten Zweck nutzen. Er bietet ihn seit Montagabend auf der Online-Auktionsplattform Ebay zur Versteigerung an. Der Erlös soll dem Kinder- und Jugendhospizdienst in Reutlingen zugutekommen.

Pläne für die kommende Fußball-Weltmeisterschaft im November 2022 in Katar schmiedet Borrello jetzt schon. »Es gibt eine Überraschung«, kündigt der Reutlinger an. Er gibt nur eine Hinweis: »Es wird ein Revival eines Maskottchens aus den 1990er Jahren geben.« Zusätzlich schließt er eine Nachbau des goldenen WM-Pokals nicht aus. Aber egal, was es am Ende wird: Marco Borrello und sein nächstes Projekt werden wohl wieder ein Blickfang. (GEA)