REUTLINGEN. Noch döst der Freibad-Parkplatz an der Kreuzeiche träge vor sich hin. Denn auch, wenn hier der Christbaumverkauf seit vergangenem Samstag offiziell begonnen hat, sind längst noch nicht alle Händler am Start. Um präzise zu sein: Einzig die Eheleute Hella und Hans Fischer zeigen Flagge und bieten Nordmann-, Nobilis-, Blau- und andere Tannen aus ihren Holzelfinger Plantagen an. Ein wenig verloren wirken die Eltern dreier erwachsener Kinder auf der weitläufigen Asphaltfläche, wie zwei Weihnachtsrufer in der Betonwüste. Hallo?! Wo steckt die Konkurrenz?
Nun, die wird zuverlässig anrücken. Spätestens ab kommenden Freitag, meint Hella Fischer, dürfte es wieder trubelig werden. Im Augenblick freilich gähnt die Leere. Was die 65-Jährige indes nicht anficht. Umso weniger, als einzelne Kunden der ersten Stunden ja doch schon unterwegs sind: Frühkäufer auf der Suche nach ihrem Traumbaum; Frauen und Männer, die’s entspannt mögen und keine Lust aufs Last-Minute-Gedränge kurz vor den Feiertagen haben. So wie Natascha und Günter Niedermaier, die die »angenehme Ruhe« vor dem Ansturm zu schätzen wissen. Und so wie einer von Fischers Stammkunden, der mal eben einen Einkehrschwung macht. Langsam rollt der Mann im Auto heran, bremst, lässt die Seitenscheibe runter und spontane Wiedersehensfreude raus. »Schön, euch zu sehen! Ich komme übermorgen wieder und hole mir einen Baum.«
»Schön, euch zu sehen! Ich komme übermorgen wieder und hole mir einen Baum«
Auch Hella und Hans Fischer freuen sich. Wiewohl sie das Saison-Geschäft an der Kreuzeiche in Jahren wie diesem - also mit sehr frühem Adventsstart - etwas straffen würden. 22 Verkaufstage sind für ihren Geschmack »furchtbar lang«. Für manch’ anderen Beschicker sogar unmöglich. »Wir als Rentner können uns das erlauben, aber viele Kollegen eben nicht. Die müssen ja extra Urlaub nehmen.« Tun sie auch - aber mit Augenmaß, um nicht allzu viel Freizeit dreinzugeben. Denn wer der Deutschen liebstes Weihnachtsaccessoire aus eigenem Anbau anbietet, der muss im Kern ein Idealist sein.
In diesem Punkt gibt es kein Vertun: Der Idealismus verkauft an der Kreuzeiche mit. »Ohne ihn ginge es nicht«, betonen Fischers, die vor dem Ruhestand - sie war Büroangestellte bei der Sparkasse, er Metzger - schließlich selbst etliche »Urlaube« als Saison-Beschicker verbracht haben und zu den Urgesteinen von Reutlingens größtem und traditionsreichstem Christbaummarkt zählen. Seit fünfzig Jahren mischt die Familie hier mit – nachdem Hans Fischers Eltern ihre Landwirtschaft einst um die Kultivierung von Festtagsgrün erweitert hatten.
Damals fand das »Bäumchen-Wechsel-Dich« zwischen regionalen Anbietern und Kunden noch am Saum der Lederstraße statt, später auf den Bösmannsäckern und wieder etwas später in der Pomologie. Und zwar so lange, bis die Landesgartenschau 1984 ihren Tribut forderte und einen neuerlichen Umzug nötig werden ließ: sehr zum Missfallen der Händler, die sich damals von der Stadt achtlos herumgeschubst fühlten. Dabei entpuppt sich die Kreuzeiche rückblickend als idealer Marktplatz mit manierlicher Verkehrsanbindung und hinlänglich Stellfläche für die automobile Kundschaft.
»Wir als Rentner können uns das erlauben, aber viele Kollegen nicht. Die müssen ja extra Urlaub nehmen«
Fünfzig Jahre Christbaumverkauf: Da hat man sicherlich manches erlebt. Was Hella und Hans Fischer bestätigen. Stirnrunzelnd erinnern sie sich beispielsweise an die Sache mit dem Weihnachtsbaum einer Männer-WG. »Die haben oben im Bahnhofsgebäude gewohnt und sich einen sehr großen Baum gekauft.« Ein Mordstrumm, das durchs Treppenhaus ins Wohnzimmer zu bugsieren wohl ein ziemlicher Kraftakt gewesen ist. Weshalb die Wohngemeinschaft ihr grünes Prachtstück nach den Festtagen nicht treppab entsorgte, sondern aus dem Fenster warf - auf ein Glasdach überm Wartebereich bei den Gleisanlagen, das prompt durchschlagen wurde. »Glücklicherweise ist dabei niemand zu Schaden gekommen.«
Bemerkenswert außerdem: Ein Mann, der den Preis für den von ihm favorisierten Christbaum wildentschlossen drücken wollte. Gefeilscht habe er wie auf einem orientalischen Basar - »und letztlich seinen Willen gekriegt«. Allerdings hatte der gute Mann die Rechnung ohne seien Frau gemacht, der das Geschachere des Gatten hochnotpeinlich war. »Sie hat uns deshalb heimlich den Differenzbetrag zugesteckt.« Derweil eine Krankenschwester gezielt nach einem unverkäuflichen, weil besonders schräg gewachsenem Exemplar Ausschau hielt. Die Wahl fiel auf einen Mickerling mit drei Spitzen, den die Frau gratis mitnehmen durfte. Teuer kam sie der Baum trotzdem: weil Nachbarn und Freunde den unkonventionellen Nadelträger unbedingt in Augenschein nehmen wollten - beim Christbaumloben nebst erhöhtem Spirituosen-Konsum, der finanziell mächtig ins Kontor haute. Für Fischers Kundin, so viel steht fest, war's die teuerste Tanne, die sie jemals ihr Eigen nannte.
Verkauf bis 23. Dezember
Handel und Wandel auf dem Freibad-Parkplatz an der Kreuzeiche laufen noch bis Dienstag, 23. Dezember. Wer sich hier einen Weihnachtsbaum kaufen möchte, hat dazu montags bis samstags von etwa 8 Uhr bis Sonnenuntergang Gelegenheit. (GEA)
Apropos unverkäuflich. Was geschieht eigentlich mit jenem Festtagsgrün, das keine Abnehmer findet? Das landet im Falle von Familie Fischer entweder im Heizkraftwerk oder wird »von den Gaisen gefressen«. Ein Pfullinger Ziegenhalter sorgt dafür, dass nichts verkommt. So, wie es weiland die Elefanten des Weihnachtszirkusses taten. Die nämlich waren ganz wild auf frisches Nadelgehölz. (GEA)

