REUTLINGEN. Im Dezember 2016 haben Sema und Tony Zappalà aus dem orangeroten Eckhaus am oberen Weibermarkt ein Restaurant gemacht. Profi-Küche mit Fettscheider eingebaut, behindertengerechte Toiletten und die Gasträume nach ihrem Geschmack gestaltet. »Bellini« nannten sie ihre Ristobar, nach der einstigen Adresse von Tonys Familie im sizilianischen Städtchen Nicolosi, »Via Bellini 31«, und damit nach dem großen Sohn der dortigen Region, Komponist Vincenzo Bellini (1801-1835). An eine von dessen bekannteste Opern angelehnt, heißt ein Klassiker auf der übersichtlichen Karte »Nudeln alla Norma« - mit Tomatensoße, Auberginen und Ricotta.
Mit der Ristobar verwirklichten sich der gelernte Wirt und seine in Tübingen geborene Frau damals einen Traum. Innen dezent in zarten Naturpastelltönen gestrichen, auch das offene Gebälk, dazu schwarz lackierte Retro-Lampen, schlichte italienische Stahlrohrstühle, ein beiges Ledersofa und vier, fünf große Holztische. Die Gäste werden begrüßt wie alte Freunde. Viele seien es nach fast acht Jahren, sagt Tony Zappalà. Den großen Reibach machen wollten sie nicht, vielmehr »einfach etwas kleines Feines zum Überleben«, erklärt die türkischstämmige Sema, die zunächst Jura studiert hatte und heute nicht nur in der Küche »regiert«, wie ihr Mann schmunzelnd anfügt. Das Lokal sei ihr »gemeinsames Baby« und wurde bald zu einem der In-Cafés in der Stadt- deshalb mache es sie jetzt auch so traurig, Reutlingen »Ciao« zu sagen.

Denn Ende des Monats macht das »Bellini« zu. »Wir haben das so schön mit Liebe gemacht, weil wir dachten, die Piazza davor wird auch schön«, sagt der Wirt. Heute meint er, die 3,5 Millionen Euro, welche die Stadt in die Umwandlung der einstigen Parkflächen auf dem Weibermarkt gesteckt habe, wären besser in die Ukraine geschickt worden. Der Platz wurde zwar gepflastert, mit flachen Stufen und Wasserspiel versehen - doch der Brunnen sei ganzjährig abgedeckt, stattdessen parken dort dicke Schlitten und Motorräder, die seinen Gästen im Freien Abgase über Caffè und Risotto blasen. Nachbarn beschwerten sich über Musik, weshalb besondere Events nicht drin sind. Und zweimal im Jahr muss das »Bellini« quasi zwangsweise je einen Monat schließen, da während des Weindorfs und Weihnachtsmarkts Müll und Toiletten vor dem Eingang stehen. Ganz fair finden sie das nicht.
Die Metzgerstraße als Biosphärenstraße wird ihnen schon länger schmackhaft gemacht, erzählt Sema Zappalà. So sehr ihr diese Idee auch gefällt, bedauert sie: »Wir sind jetzt an einem Punkt, wo es nicht mehr geht. Schade, dass es nicht früher möglich war, etwas für kleine Unternehmen zu tun.« Ihr Mann sagt schlicht: »Wir sind müde.«
Von der Innenstadt auf den Golfplatz
Zur Freude der Stammkunden ziehen die Zappalàs und ihr Team nicht weit weg, nur rund 15 Kilometer nach Norden: Am 1. Juni eröffnen sie das bisherige »Clubhouse H« im Golfclub Hammetweil zwischen Pliezhausen und Neckartenzlingen. Wie das mit 130 Plätzen drinnen und 200 Plätzen draußen weit größere Lokal dort heißen wird, sei noch offen. Sema wünscht sich einen Namen, der klarmacht, »dass wir weiterhin für alle da sind«, nicht nur für Mitglieder. Mit Klavier, Holzkamin und »super Aussicht« sei das auch für Wanderer, Radfahrer und Erholungssuchende gut. Mit Parkplätzen am Haus.
»Ich will einfach die Herausforderung jetzt packen und mich nicht von der Angst leiten lassen«, sagt Sema. Deshalb hofft sie, »dass es dort gut läuft«. Die neuen Vermieter klingen jedenfalls optimistisch: »Über zwei Dutzend persönliche Gespräche haben wir geführt, bis wir unseren Wunschkandidaten gefunden haben«, teilt der Golfclub mit. Dank eines Tipps von Mitgliedern. Sema und Tony Zappalà seien erfahrene Gastronomen »mit Herz und italienischer Leidenschaft - aus der Region«. (GEA)

