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Reutlinger Barbetreiber reagieren auf Vorwürfe

Am Kneipeneck Oberamtei-/Kanzleistraße kollidieren Nachtleben und Bedürfnisse der Anwohner. Die Nullsechs-Betreiber wehren sich gegen den Vorwurf, Epizentrum der Probleme zu sein und präsentieren gemeinsam mit anderen Reutlinger Gastronomen eine Selbstverpflichtung.

Verwaltung und Gastronomen setzen auf Dialog: Tobias Schumacher (von links), Onur Sönmez, Roland Wintzen, Peter Hack, Albert Kep
Verwaltung und Gastronomen setzen auf Dialog: Tobias Schumacher (von links), Onur Sönmez, Roland Wintzen, Peter Hack, Albert Keppler, Markus Benz, Franzi Ansari und Stadtmanagerin Yasmin Maier von StaRT. Foto: Frank Pieth
Verwaltung und Gastronomen setzen auf Dialog: Tobias Schumacher (von links), Onur Sönmez, Roland Wintzen, Peter Hack, Albert Keppler, Markus Benz, Franzi Ansari und Stadtmanagerin Yasmin Maier von StaRT.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Der Bereich Oberamtei-/Kanzleistraße hat sich wieder zur Partymeile entwickelt. Epizentrum ist die Kreuzung der beiden Straßen vor der Bar Nullsechs. Laute Musik und Nachtschwärmer, die weit über die Sperrstunde (für draußen hier 23 Uhr) hinaus vor den Gaststätten stehen, Müll, Falschparker, Autoposer: Genervte Anwohner gingen auf die Barrikaden, warfen der Stadt Untätigkeit vor. Kontrollen von Polizei und Ordnungsamt zeitigten nicht die gewünschte Wirkung. Acht Bußgeldbescheide (die Polizei berichtet gar von elf) wegen Sperrzeitverstößen gingen an die Adresse der Nullsechs-Betreiber.

Umfrage (beendet)

Soll bei Verstößen von Gastronomien gegen die Sperrstunde härter vorgegangen werden?

In der Reutlinger Altstadt soll es bereits mehrfach Verstöße gegen die Sperrstunde für Gastrobetriebe gegeben haben. Anwohner klagten über Ruhestörung.

52%
43%
5%

Die Stadt suchte mittels einer umfangreichen Flyer-Aktion in Kontakt mit den Anwohnern zu kommen. Zugleich suchte man das Gespräch mit den örtlichen Gaststättenbetreibern. Letztere präsentieren nun eine freiwillige »Selbstverpflichtung«, die von sechs Gastronomen unterzeichnet ist. Neben der Nullsechs Ristobar stehen die Betreiber des Benz Modecafés, Casa 11, Genusswerkstatt, Kaffeewerk und die Trattoria En Ville auf dem Papier, dass die Gruppe zusammen mit der Stadtverwaltung in einem Pressegespräch im Nullsechs vorgestellt hat.

Strikte Einhaltung der Sperrzeiten in der Außengastronomie, Reduzierung der Musiklautstärke, konsequente tägliche Müllbeseitigung, Entfernung von Inventar aus dem Straßenraum sind darin zentrale Punkte. Die Wirte wollen auch ihr Publikum sensibilisieren, damit es sich im Außenbereich leiser verhält und Falschparker melden. Begannen doch zwischenzeitlich auch Vertreter der Auto-Poser, sich für die muntere Eventlocation in der Altstadt zu interessieren.

»Das ist ein Kiez hier«

Bei der Pressekonferenz waren die Nullsechs-Betreiber Onur Sönmez und Tobias Schumacher bemüht, den Fokus nicht allzu sehr auf ihre vor gut eineinhalb Jahren eröffnete Bar zu lenken, sind doch die Gaststätten der anderen fünf Unterzeichner teils abends gar nicht offen. Doch die Gastronomen sehen sich offensichtlich in einem Boot. »Das ist ein Kiez hier«, erklärte Peter Hack von der Genusswerkstatt. »Im Sommer sind alle betroffen.« Und Markus Benz (Benz Mode Café) weiß aus eigener Erfahrung: »Wenn ein Lokal gut läuft, hat man immer Probleme.«

Epizentrum des Problems sei nicht das Nullsechs, beteuerte auch Onur Sönmez, der die Bar am Eck mit Tobias Schumacher betreibt. Epizentrum sei die ganze Straße. »Die Leute wollen draußen stehen.« Es sei schwierig zu verhindern, dass sich Gäste nach 23 Uhr ihr Getränk mit nach draußen nähmen. Und: Die, die draußen stehen, sind nicht zwingend zuzuordnen. Es gibt laut Schumacher solche, die mit dem Bierkasten kommen und sich vor der Bar postieren. Unterdessen beschäftigen die Nullsechs-Betreiber Security, die das Geschehen auf der gesamten Straße im Blick halten soll. »Aber es dauert lange, 20 laute Menschen ruhig zu kriegen«, sagt Schumacher.

»Wir wurden von der Dynamik überrollt«

Onur Sönmez räumte ein: »Wir wurden von der Dynamik überrollt, haben nicht so schnell geschaltet.« Man habe anfangs eigentlich nur ein Tagescafé aufmachen wollen. Unterdessen hat die Bar bis 2 Uhr nachts offen. Ihr Problem ist per se schon, dass sie sehr klein und entsprechend schnell voll ist. »Mehr Raum für 2026«, versprach Sönmez auf Pressenachfrage, ohne konkreter zu werden. Er appellierte auch an die Kundschaft, Wohlverhalten an den Tag zu legen: »Unsere Gäste müssen mitspielen, zeigen, dass sie hinter der Bar stehen.«

»Mit uns kann man reden«

Er entschuldigte sich bei den Anwohnern, räumte ein, »viele Fehler« gemacht zu haben, man wolle es besser machen jetzt. Die Selbstverpflichtung solle nun die Anwohner »besänftigen«. Die Bußgelder seien im Übrigen teils »strittig« (was Ordnungsamtschef Albert Keppler bestätigte). Tobias Schumacher nannte als Beleg für schon eingetretene Besserung, dass man seit August keine Anzeige bekommen habe. Er kritisierte aber auch, dass kein Anwohner auf die Barbetreiber zugekommen sei. »Mit uns kann man reden.«

Die Stadt hat, wie berichtet, rund 200 Anwohner angeschrieben, um den Dialog mit Betroffenen zu suchen. Dass sich "nur Fünf bis Sechs" rückgemeldet hätten, sieht Schumacher positiv. "Das sind unter 5 Prozent." Er findet auch, dass das Partyeck positiv ausstrahlt: Es gebe wieder mehr Events in der Stadt. Vom wiederbelebten Nachtleben profitiere jeder. Sönmez regte schon mal an, ob die Stadt wohl die in diesem Bereich geltende Sperrstunde von 23 auf 24 Uhr verlegen könne, "wenn das Vertrauen gewachsen ist".

»Wir setzen auf die Macht des Gesprächs«

Roland Wintzen, der Bürgermeister für Wirtschaft und Finanzen, freut sich über die Belebung des Quartiers. »Nachtleben gehört zu einer Großstadt.« Es sei ein Wirtschaftsfaktor, sorge auch für bessere Sicherheit. In den letzten Monaten habe es allerdings »Konflikte« mit den Anwohnern und deren Ruhebedürfnis gegeben. Es gehe nicht um »Friedhofsruhe«, aber es gebe Regeln, die eingehalten werden müssten. Man wolle eine Situation herstellen, »die für alle passt«. Gegenseitige Rücksicht sieht Wintzen als Schlüssel.

Weitere Bußgeldbescheide wolle man vermeiden. Der Dezernent lobte die Selbstverpflichtung, bezeichnete sie als »Zäsur« und Chance, »Vergangenes zu vergessen«. Roland Wintzen ist guten Mutes, dass sich die Gastronomen an ihre selbst erarbeitete Verpflichtung halten. Ordnungsamtschef Keppler beschwor »die Macht des Gesprächs.«

Über schärfere Schwerter der Disziplinierung - die derzeit niemand schwingen will - sprachen die Rathausvertreter auf Nachfrage nur am Rande der Pressekonferenz. In letzter Instanz sorgen ordnungsrechtliche Maßnahmen wie die Gewerbeuntersagung für Ruhe - oder der Entscheid eines Verwaltungsgerichts, das die Stadt nach der Anzeige eines Bürgers zum Handeln zwingen könnte.

Schon einmal hatten sich genervte Bürger auf die Hinterbeine gestellt. Die Bürgerinitiative »Nachtruhe« wehrte sich vor gut zehn Jahren gegen ausuferndes Altstadttreiben. Auch hier standen als Problemzone Kanzlei- und Oberamteistraße im Fokus. Das Pendel schlug in der Folgezeit in die andere Richtung. Die lange währende Reutlinger Nachtlebenflaute wurde ohne weitere Analyse stets der Initiative angekreidet. (GEA)