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Aktuell Interview

Reutlingens Landrat Fiedler: Müssen viel mehr sparen

Dr. Ulrich Fiedler, der Landrat des Kreises Reutlingen, spricht im GEA-Interview über die finanzielle Lage und Einsparmöglichkeiten beim Landkreis, über den Umgang mit der AfD, Mehrheitsmeinungen und Amazon in Hengen.

Landrat Ulrich Fiedler im GEA-Interview: "Super gelaufen ist es im ersten Halbjahr bezüglich des Themas regenerative Energiegewi
Landrat Ulrich Fiedler im GEA-Interview: »Super gelaufen ist es im ersten Halbjahr bezüglich des Themas regenerative Energiegewinnung im Landkreis. Da ist viel passiert und da passiert weiter viel.« Foto: Dieter Reisner
Landrat Ulrich Fiedler im GEA-Interview: »Super gelaufen ist es im ersten Halbjahr bezüglich des Themas regenerative Energiegewinnung im Landkreis. Da ist viel passiert und da passiert weiter viel.«
Foto: Dieter Reisner

KREIS REUTLINGEN. Die Schließung der Notfallpraxis in Münsingen, Kreiskliniken, die weiter in tiefroten Zahlen stecken, ein ebenso besorgniserregender Haushalt: Es sind wahrlich keine einfachen Zeiten, um Landrat zu sein. Dr. Ulrich Fiedler, der ehemalige Metzinger Oberbürgermeister, macht den Job nun seit viereinhalb Jahren. Und hat sich im GEA-Sommerinterview einem bunten Strauß persönlicher und politischer Fragen gestellt.

GEA: Herr Fiedler, man weiß sehr viel und doch sehr wenig über Ihren Beruf: Wie lange ist ein Arbeitstag als Landrat? Wie oft ist man da abends daheim in einer Woche?

Dr. Ulrich Fiedler: Zwischen Pfingsten und Sommer bin ich durchschnittlich an fünf von sieben Abenden in der Woche unterwegs. Wenn es gut läuft, bin ich um 20 oder halb 21 Uhr daheim. Wenn es schlecht läuft, um Mitternacht.

Das ist nicht unbedingt familienfreundlich …

Fiedler: Ja, es gibt bei mir Wochen mit 60 bis 70 Arbeitsstunden. Man braucht schon Idealismus und ein klares Bekenntnis zur Gesellschaft, um so etwas zu machen. Es gibt keine einzige Entscheidung, die ich treffe, die keine Kritik hervorruft. Aber (lacht): Es zwingt mich ja auch keiner.

Streben Sie in dreieinhalb Jahren eine zweite Amtszeit an?

Fiedler: Es wäre unseriös, das heute zu sagen. Dazu wird es von mir zu diesem Zeitpunkt keine Antwort geben.

Auf das letzte halbe Jahre zurückblickend: Was war Ihr absolutes Highlight?

Fiedler: Super gelaufen ist es bezüglich des Themas regenerative Energiegewinnung im Landkreis. Da ist viel passiert und da passiert weiter viel. Die Verfahren sind wesentlich schneller geworden und wir bringen richtig etwas auf die Straße. Sonst … Ist es ein Highlight, wenn man Krisen bewältigt? Wenn ja: Das Gerichtsverfahren gegen unsere Jugendamtsmitarbeiterinnen hat uns sehr belastet. Sie wurden nun in erster Instanz vom Amtsgericht freigesprochen, die Staatsanwaltschaft hat aber Berufung eingelegt. Unsere Kolleginnen und Kollegen im Kreisjugendamt haben eine unglaublich schwierige Arbeit und die machen sie sehr gut. Gefreut hat mich, dass wir den Konflikt über die Sperrung der Kreisstraße in Hohengundelfingen gelöst haben. Das hat uns sehr beschäftigt.

»Dieses Gefühl der Ohnmacht ist wirklich ein Lowlight«

Und was war im letzten halben Jahr ein Lowlight?

Fiedler: Die Schließung der Notfallpraxis in Münsingen. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die Bürgerschaft engagiert sich - und ich mich persönlich auch. Aber du weißt eigentlich von Beginn an - weil du die KV und ihr Handeln kennst -, dass es wahnsinnig schwierig ist, da noch etwas zu erreichen. Dieses Gefühl der Ohnmacht ist wirklich ein Lowlight.

Ist Ihnen ein Stein vom Herz gefallen, als klar war, dass der Kreis keinen Nachtragshaushalt benötigt?

Fiedler: Ja. Aber am Ende ist das Problem nur um ein Jahr verschoben worden. Die finanzielle Lage ist katastrophal. Das werden wir auch beim Doppelhaushalt 2026/27 spüren, den wir gerade ausarbeiten. Wir werden das ohne gravierende Veränderung nicht mehr hinbekommen.

Was bedeutet das?

Fiedler: Wenn sich nichts ändert, werden wir unsere Aufgaben früher oder später nicht mehr erfüllen können. Fallen die notwendigen Zuweisungen von Bund und Land geringer aus, als es die gesetzlichen Aufgaben erfordern, sind wir gezwungen, die Kreisumlage zu erhöhen. Konkret bedeutet dies, dass die Gemeinden mehr an den Kreis abgeben müssen, damit wir unser Defizit ausgleichen können. Mir wäre es lieber, das zu vermeiden.

» Wenn sich nichts ändert, werden wir unsere Aufgaben früher oder später nicht mehr erfüllen können«

Wie viel Prozent stehen da im Raum?

Fiedler: Im Moment liegt die Kreisumlage bei 33 Prozentpunkten. In der mittelfristigen Finanzplanung stehen 37 Prozentpunkte. Ein Prozentpunkt macht bei uns so circa 5,8 Millionen Euro aus. Heißt: Wir müssten den Städten und Gemeinden im Landkreis zusätzliche 23 Millionen in Rechnung stellen.

Und was kann der Landkreis konkret sparen oder streichen?

Fiedler: Beim Landkreis macht der Sozialhaushalt den größten Teil aus. Darin übernehmen wir vor allem Pflichtaufgaben, die uns von Bund und Land gesetzlich vorgegeben sind. Wir haben einen wesentlich geringeren Teil an sogenannten Freiwilligkeitsleistungen, die man streichen könnte. Beispielsweise die finanzielle Unterstützung von Kultureinrichtungen. Die Städte und Gemeinden haben da mehr Optionen, bei ihnen gibt es zahlreiche Freiwilligkeitsleistungen wie die Vereinsförderung oder Frei- und Hallenbäder. Aber das trifft die Bevölkerung natürlich hart.

Wie kann der Landkreis noch sparen? Wenn er kaum Freiwilligkeitsleistungen erbringt?

Fiedler: Wir waren schon immer sparsam. Nun müssen wir darüber hinaus Einsparpotenzial finden - und dabei das Ganze im Blick behalten: Was ist unsere Strategie für den Landkreis? Wie stellen wir uns für die Zukunft auf? Dazu gehört auch, Prozesse effizienter zu gestalten. Wir haben etwa 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und schauen uns an, wo wir in unserer Zusammenarbeit für die Bürgerinnen und Bürger noch besser, wirtschaftlicher und sparsamer werden können.

Haben Sie also vor, Personal abzubauen, um zu sparen?

Fiedler: Zumindest glaube ich, kein weiteres Personal aufbauen zu können.

»Zumindest glaube ich, kein weiteres Personal aufbauen zu können«

Und Abbau?

Fiedler: Dort wo wir in der Lage sind, durch effizientere Prozesse, beispielsweise den Einsatz von Robotic Process Automation (RPA) und KI, Personal freizusetzen, kann ich mir das durchaus auch vorstellen - aber nur, wenn wir nicht ständig neue Aufgaben bekommen, die nicht auskömmlich finanziert und personell hinterlegt sind. Die Wohngeldreform hat bei uns auf die Schnelle zehn neue Stellen erfordert. Diese konnten wir nicht vollständig besetzen und die Mitarbeitenden sind überlastet.

Sie haben 1.500 Mitarbeiter. Was würden Sie sagen: Mit wie vielen würde man es auch hinkriegen?

Fiedler: Das kann ich seriös nicht beantworten, weil wir ja sehr unterschiedliche Disziplinen haben. Aber am Ende ist klar: Dieses finanzielle Dilemma können wir nur durch den Abbau von Standards lösen. Da müssen wir uns ehrlich machen. Die Einnahmesituation, die wir in den 2000er- und 2010er-Jahren hatten, die haben wir nicht mehr. Wir werden Dinge, die unser Sozialstaat bisher geleistet hat, so nicht mehr weiter leisten können. Das müssen wir anerkennen, auch als Gesellschaft.

Können Sie plastisch mal darstellen, wie viel Geld Land und Bund Ihnen schulden?

Fiedler: Es ist schwierig, das konkret zu sagen. Die Sichtweisen darauf, was wer wem schuldet, sind unterschiedlich. Das Land hat sicher zu dem Betrag, den ich Ihnen nun nenne, eine andere Haltung. Wir sprechen vor allem über Kosten, die im Bereich Unterbringung oder Betreuung von Geflüchteten entstehen, aber auch Kosten der Eingliederungshilfe oder schulischen Inklusion. Wenn wir das zusammenrechnen, kommen wir Stand Juli 2025 auf mehr als 20 Millionen.

Wie viel Schulden hat der Landkreis aktuell?

Fielder: Der aktuelle Schuldenstand beläuft sich auf 94 Millionen Euro. Bis Jahresende werden wir voraussichtlich weitere 42 Millionen Euro an Krediten aufnehmen. Damit wird sich die Summe an Schulden bis Jahresende auf 136 Millionen Euro belaufen.

Jetzt haben wir sehr viel über Finanzen gesprochen. Mal zu einem anderen Thema, das ähnlich polarisiert: Was halten Sie eigentlich von der Entscheidung des Tübinger OBs Boris Palmer, mit der AfD auf ein Podium zu gehen? So hat er einen Groß-Demo-Tag in Tübingen und einen eventuellen Zusammenstoß verhindert – sich aber viel Kritik eingeheimst.

Fiedler: Das ist schwierig zu sagen, da ich die genauen Begleitumstände nicht kenne. Wovon ich aber fest überzeugt bin: Jeder Kommunalpolitiker kann seinen Job nur gut machen, wenn er ein gutes Maß an Pragmatismus an den Tag legt. Es ist für mich zumindest nachvollziehbar, wie er sich entschieden hat.

Ist dieser Umgang mit der AfD also richtig aus Ihrer Sicht?

Fiedler: Ich bin der Meinung, wir sollten der AfD inhaltlich begegnen. Sie ist gewählt, und zwar in einem Maß, das wir nicht ignorieren können. Wenn wir es schaffen wollen, dass extreme Parteien in unserem Land nicht noch zusätzlich gewinnen, müssen wir den Menschen inhaltliche Antworten bieten. Ich halte es für falsch, allein auf Verbotsdiskussionen zu setzen.

»Jeder Kommunalpolitiker kann seinen Job nur gut machen, wenn er ein gutes Maß an Pragmatismus an den Tag legt«

Glauben Sie, dass die drohende wirtschaftliche Verschärfung die politischen Extreme stärken wird?

Fiedler: Das kann man nicht ausschließen. Aber deswegen ist es umso wichtiger, die Menschen mit ihren Problemen ernst zu nehmen und das auch in die Politik einfließen zu lassen.

Geschieht das in ausreichendem Maß?

Fiedler: Ich hoffe, dass es in Zukunft mehr geschieht.

»Man muss die Mehrheitsmeinung im Land ernster nehmen«

Welche Probleme und Sorgen müsste man ernster nehmen?

Fiedler: Man muss die Mehrheitsmeinung im Land ernster nehmen. Das ist zum einen nach wie vor das Thema Migration. Da muss man wahrhaben, welche Entwicklungen und welche Haltungen es in der Gesellschaft gibt. So funktioniert aus meiner Sicht Demokratie: Dass man die Mehrheitsmeinungen ernst nimmt und sich mit ihnen auseinandersetzt. Wir profitieren sehr von Zuwanderung, davon bin ich überzeugt. Aber wir müssen deutlich unterscheiden: Wo ist Migration eine Leistung, die wir aus unserer Verfassung heraus erbringen müssen? Und wo sind eben die Grenzen? Zum anderen sorgen sich die Menschen aus meiner Sicht um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Die Bevölkerung würde sich viel mehr Digitalisierung und Innovationsoffenheit wünschen, als bisher da ist. Die meisten Länder Europas sind beim Thema Digitalisierung weiter als wir.

Noch ein Frage zu einem aktuellen Thema: Amazon in Hengen – haben Sie zum Vorgehen dort eine Meinung?

Fiedler: Ich finde es sehr gut, dass sich die Akteure vor Ort auf den Weg eines Bürgerentscheid gemacht haben. Ich halte das für das absolut richtige Vorgehen. Es gibt gute Gründe für und auch gegen die Ansiedlung von Amazon. Und genau in solchen Fällen sollte man die Bevölkerung einbinden. (GEA)