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Reutlingen: Vier Grad mehr bis Ende des Jahrhunderts?

Hitzestress mit Ansage: Stadt hat schon vor fünf Jahren Studie in Auftrag gegeben.

Wasser-Marsch am Weibermarkt am Mittwoch gegen 13 Uhr: Der Asphalt war zu heiß für nackte Füße.
Wasser-Marsch am Weibermarkt am Mittwoch gegen 13 Uhr: Der Asphalt war zu heiß für nackte Füße. Foto: Andrea Glitz
Wasser-Marsch am Weibermarkt am Mittwoch gegen 13 Uhr: Der Asphalt war zu heiß für nackte Füße.
Foto: Andrea Glitz

REUTLINGEN. Im Hitze-Check 2.0 der Deutschen Umwelthilfe hatte sich Reutlingen unlängst noch recht wacker geschlagen unter den 24 baden-württembergischen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern. Der Versiegelungsgrad liegt bei gut 48 Prozent, das Grünvolumen (mit dreidimensionalen Vegetationskörpern wie Bäumen oder Blühstreifen bepflanzte Fläche) bei gut 3 Prozent: mit diesen Werten liegt Reutlingen im Mittelfeld.

Auf Rot stehe die Ampel im Städtevergleich allerdings für die durchschnittliche Oberflächentemperatur der Achalmstadt: Aus Satellitendaten wurden in den Sommermonaten zwischen Juni und August 2019 bis 2024 gut 35 Grad ermittelt.

Bereits im Jahr 2020 hatte die sehr ausführliche Analyse »Hitzestress und menschliche Gesundheit – am Beispiel der Stadt Reutlingen« diese en détail ins Visier genommen. In der von der Stadtverwaltung beauftragten Vulnerabilitätsanalyse des Saarbrücker Büros »agl« lag der Fokus auf sensiblen Bevölkerungsgruppen, insbesondere Senioren.

Hitze-Hotspot Altstadt

Modellierungen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ergaben einen kontinuierlichen Anstieg der Jahresmitteltemperaturen (10,3 Grad) für die Stadt: bis zum Ende des Jahrhunderts um 3 bis 4 Grad. Zugleich sei bis dahin mit einer Verdopplung der Anzahl an Sommertagen, Tropennächten und Hitzeperioden zu rechnen.

Die Wärmelast verteilt sich nach Ermittlung der Gutachter sehr unterschiedlich. Gut die Hälfte der Stadt sei »gering« belastet. Die andere Hälfte »moderat« bis »höchst«. Hitzespot ist die Altstadt. Aber auch die Oststadt zeigt auf einem Diagramm die Höchststufe dunkel-lila. Auch außerhalb der Kernstadt kann es vergleichsweise mehr aufheizen: auf verdichteten Gewerbe- und Industrieflächen und in Stadtbereichen, die weniger von der Kaltluftdynamik profitieren oder tiefer zum Neckartal hin liegen. Pech, wer in einer Immobilie aus dem 70er-Jahren wohnt: Diese Häuser weisen die größte Anzahl an Überhitzungsstunden auf (über 26 Grad Raumtemperatur).

Immerhin: Im Vergleich zu anderen Großstädten sei die »Grünraumversorgung« (untersucht nur öffentliche Flächen) in Reutlingen auch in den verdichteten Quartieren als »gut« zu bezeichnen.

Fazit der Gutachter: Die Stadt müsse sich »mit der zunehmenden Hitzebelastung auseinandersetzen und Strategien zum Thema Hitzestress und menschliche Gesundheit entwickeln.« Als Empfehlungen sind unter anderem aufgeführt: Begrenzung der Baumassen, Verringerung der Versiegelung, Sicherung der Durchlüftung, Erhöhung der Albedo (Reflexionsvermögen von Flächen), verbesserte Verschattung, mehr Grün. Bei der Gebäudeerstellung sei auf Wärmedämmung, Sonnenschutz und Kühlung zu achten. (igl)