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Reutlingen aus Szolnoker Sicht: Künstlerin stellt in der »Pupille« aus

Mit lebendigem Strich und Witz fängt Csenge Barbara Oláh Reutlinger Szenen ein. Ab 27. Juni zeigt sie in einer Ausstellung 32 Monografien, Linoldrucke und Tuschezeichnungen.

Kunststipendiatin Csenge Barbara Oláh mit ihrem Bild »Da wo die Zweige erzählen« - eine von 32 in den vergangenen viereinhalb Mo
Kunststipendiatin Csenge Barbara Oláh mit ihrem Bild »Da wo die Zweige erzählen« - eine von 32 in den vergangenen viereinhalb Monaten während ihres Aufenthalts in Reutlingen entstandenen Grafiken. Foto: Jürgen Meyer
Kunststipendiatin Csenge Barbara Oláh mit ihrem Bild »Da wo die Zweige erzählen« - eine von 32 in den vergangenen viereinhalb Monaten während ihres Aufenthalts in Reutlingen entstandenen Grafiken.
Foto: Jürgen Meyer

REUTLINGEN. »Es lag Schnee, als ich hier ankam!« Csenge Barbara Oláhs offenes Gesicht strahlt, als sie davon erzählt. Bei ihr zu Hause gebe es das nur ganz selten. So war die 24-jährige Ungarin gleich am 13. Februar, als sie ihr Atelier in der Peter-Rosegger-Straße bezogen hat, von Reutlingen hin und weg: »Die Häuser, die ganze Stadt, alles ist so entzückend, sauber und wunderschön«, schwärmt die diesjährige Kunststipendiatin. Ganz anders als in der Partnerstadt Szolnok. Die sei von sozialistischer Architektur geprägt. »Die Gebäude sehen alle aus wie Würfel.«

Wobei sie auch ihre ungarische Heimatstadt liebt: »Die Vibes sind an beiden Orten ähnlich.« In Szolnok ist sie als Tochter einer Kosmetikerin und eines Hubschrauberpiloten der ungarischen Streitkräfte 2001 geboren und aufgewachsen. Statt in der dortigen Künstlerkolonie, der ältesten im heutigen Staatsgebiet, hat sie selbst aber in Nyíregyháza, einer größeren Stadt im Nordosten studiert. Ihr Lehrer und späterer »Meister« Péter Sinka hatte ihr Potenzial erkannt. Und ihre Eltern überzeugt, sie darin zu unterstützen, dass sie ihrer Neigung nachgeht. Gern gezeichnet hatte sie schon als Kind. »Es war mein kleines Hobby.« Das zum Beruf zu machen, war jedoch eine schwere Entscheidung, erzählt die junge Frau im schwarzen praktischen Lara-Croft-Look mit tätowierten Engelsflügeln auf den Schulterblättern. Aber »nach dem Sturm« stand die Familie hinter ihrem Entschluss.

Auszeit von existenziellen Zwängen

»Künstler, das ist echt ein interessantes Wort«, überlegt sie, als sie am Nachmittag des Pressegesprächs mit ihrer Freundin und Kollegin Eszra in der ans Atelier angrenzenden »Pupille«-Galerie Bilder sortiert. Seit 2016 ist sie als Grafikerin tätig, von 2019 bis 2022 studierte sie an der Uni unter anderem Kunst und arbeitet seitdem als Kunst- und Geschichtslehrerin. Wobei sie nebenher gerade noch den Master-Abschluss vorbereitet. Umso herrlicher waren die letzten viereinhalb Monate als Auserwählte des seit 2004 bestehenden Künstleraustauschs beider Partnerstädte: Eine kleine Wohnung, das Atelier und ein Grundstock zum Leben werden im Rahmen des Stipendiums zugebilligt, sodass sie sich während der Freistellung von der Hochschule und ihren normalerweise drei Jobs finanziell keine Sorgen machen muss. Eine Auszeit von existenziellen Zwängen. »Ich hatte viel Raum, ohne allein zu sein. Und Zeit, um zu tun, was ich tun möchte!« Wieder strahlt sie. Und gesteht: In den vergangenen zwei Jahren war ihre eigene Kunst ins Hintertreffen geraten.

Umso produktiver nutzte Csenge Oláh, deren Vorbilder Albrecht Dürer ebenso wie die ungarischen Grafiker István Orosz und Líviusz Gyulai sind, diese Zeit. Zahlreiche Arbeiten auf Papier sind bei ihren Streifzügen durch Reutlingen entstanden. Die meist spontan vor dem Objekt skizzierten Szenen verarbeitete sie - unterstützt durch Fotos und kleine Handyfilme - zu mittel- bis großformatigen Monotypien, Linoldrucken und Tuschemalerei. Dabei sticht ihr lebendiger Strich und Witz hervor. Farblich bleibt Oláh zurückhaltend: zum Schwarz gesellt sich bisweilen ein helles Blau oder etwas Gelb. Eine Serie von kleinformatigen Monotypien hat sie ganz in Grün Zentimeter für Zentimeter mit einem Löffel auf den Malgrund gepresst.

Linien und Schraffuren

Als Motive lassen sich in Linien und Schraffuren Details des Zunftbrunnen erkennen. Beim zentral platzierten »Spiegelung« wird's kniffliger: Es zeigt die Marienkirche, aus der Froschperspektive und fantasievoll verdoppelt. Ein Diptychon mit Mensch und Hund lässt den Ort offen. Sind die grob angerissenen Figuren beim Aufstieg auf die Achalm? »Könnte auch in Metzingen sein ...«, regt sie an. »Ich mag es, wenn die Leute rätseln, was sie sehen. Bei jedem Betrachter ruft ein Kunstwerk andere Gefühle und Assoziationen hervor.«

Die Techniken, für die sich Csenge Oláh während ihrer Zeit in Reutlingen entschied, reichen vom Linolschnitt über die Monotypie
Die Techniken, für die sich Csenge Oláh während ihrer Zeit in Reutlingen entschied, reichen vom Linolschnitt über die Monotypie bis zur Malerei mit Tusche. Foto: Jürgen Meyer
Die Techniken, für die sich Csenge Oláh während ihrer Zeit in Reutlingen entschied, reichen vom Linolschnitt über die Monotypie bis zur Malerei mit Tusche.
Foto: Jürgen Meyer

Bleibt die poetische Interpretation der Rathausrückseite mit »Da wo die Zweige erzählen« gegenständlich abbildend, erscheint eine kleine Serie in aquarellierender Tuschemalerei an der Wand daneben abstrakt. »Viele sehen darin Berge.« Tatsächlich hat sie damit den Gehwegschäden vor ihrer temporären Reutlinger Wohnung ein Denkmal gesetzt. Die Künstlerin grinst. »Ich liebe diese Risse.«

Schicht um Schicht Kontraste verstärken

Am Zeichnen mit Tusche gefällt ihr, dass es keine Mogelei zulässt. »Du setzt eine Linie und damit ist die Entscheidung gefallen.« Nachträglich lässt sich nichts mehr ausbessern. Deshalb trägt sie Schicht um Schicht vorsichtig auf, um die Kontraste zu verstärken. Ist sie »im Flow«, kann sie aber auch sehr schnell arbeiten, erklärt die 24-Jährige. »Dann denke ich an gar nichts.«

Dabei erzähle sie mit ihrer Kunst gern Geschichten. Möchte den Augenblick einfangen. Das ist etwa in »Ein Nachmittag voller Seifenblasen« bewundernswert gelungen. Gleich daneben hängt nun in der Pupille ein Motiv, das Reutlingen mit ihrer Kindheit verbindet: der Langos-Stand in der Wilhelmstraße. Da wird der Blick der lebhaften jungen Frau kurz sehnsüchtig.

Generell ist sie fest entschlossen, noch bis Ende Juli von diesem Aufenthalt so viel wie möglich mitzunehmen. Vom ersten Moment an war das für sie eine wunderbare Erfahrung, sagt Csenge Barbara Oláh. Zu ihrem einstigen Lieblingsgericht Langos gesellen sich nun Maultaschen. Sie benutze dafür das ungarische Wort für »Teigtaschen«, erklärt Eszra, die jüngst als Reutlinger Stipendiatin in Szolnok war, lachend. »I have to learn how to make them at home«, fügt Csenge selbst auf Englisch hinzu.

Deutschkurs und Ausstellung gehören zum Programm

Ihr Deutsch ist trotz Sprachkurs noch nicht fließend. Aber dass sie »den Deutschkurs machen durfte«, gehört wie die Ausstellung gegen Ende des Aufenthalts zum Programm. Nach mehreren Gruppenausstellungen in Ungarn nun in Deutschland eine erste Solo-Schau zu zeigen, machte sie zuletzt noch ganz hibbelig. »Ich kann einfach nicht glauben, dass es wahr ist«, sagt sie, während sie mit der Freundin die ideale Hängung für »Vom Ganzen zum Detail« austüftelt. Bereits am Montag hatte sie im Atelier Johannes Krause-Schenk vom Kunstmuseum Reutlingen besucht. »Der Künstleraustausch mit Szolnok bringt neue Impulse, fördert Begegnungen – und schafft Raum für unvoreingenommene Beobachtung und künstlerische Reflexion«, findet er.

Oláhs Ausstellung ist »ein Ergebnis genau solcher Aufmerksamkeit«. Sie habe Reutlingen mit wachen Augen erkundet – und die Gelegenheit genutzt, um ihr Werk weiterzuentwickeln. Er lobt den »klaren künstlerischen Fokus« und ihre »große Offenheit im Umgang mit Material, Technik und Motiv«. Liege ihr Schwerpunkt auch auf Zeichnung und grafischen Hochdruckverfahren wie dem Linol- und Holzschnitt, habe sich Csenge Barbara Oláh »für den Aufenthalt in Reutlingen bewusst auf neue Erfahrungen eingelassen, Eindrücke gesammelt und diese in grafische Kompositionen übersetzt«. Ihre städtischen Szenen in besonderem Licht und Struktur seien »erfüllt von Melodie und Rhythmus«, lobt der Kurator und stellvertretende Museumsleiter. Dazu komme »die Suche nach Bedeutung im scheinbar Nebensächlichen«. (GEA)

Ausstellungsinfo

Die Ausstellung von Csenge Barbara Oláh in der Produzentengalerie Pupille (Peter-Rosegger-Straße 97) in Reutlingen ist bis zum 27. Juli zu sehen – Freitag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Eröffnet wird »Vom Ganzen zum Detail« am Freitag, 27. Juni, um 19 Uhr mit einer Begrüßung durch Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger und einer Einführung von Johannes Krause-Schenk vom Kunstmuseum Reutlingen. (GEA)