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Reichenecker Nahwärmeprojekt: 70 Prozent müssen mitziehen

Vertreter von Stadt und Fair-Energie informieren über das projektierte Nahwärmenetz für Reicheneck. Wenn 70 Prozent der Immobilienbesitzer mitziehen, können Plänen Taten folgen.

Reges Interesse: Die Reichecker nahmen die Bürger-Info zum projektierten Nahwärmenetz zahlreich  und gerne an. Foto: Pieth
Reges Interesse: Die Reichecker nahmen die Bürger-Info zum projektierten Nahwärmenetz zahlreich und gerne an. Foto: Pieth
Reges Interesse: Die Reichecker nahmen die Bürger-Info zum projektierten Nahwärmenetz zahlreich und gerne an. Foto: Pieth

REUTLINGEN-REICHENECK. Im November dürfte in Reicheneck die Stunde der Wahrheit schlagen. Denn dann haben alle Hauseigentümer im Flecken Gelegenheit, sich von unabhängigen Gutachtern der landkreiseigenen Klimaschutzagentur individuell darüber beraten zu lassen, ob für sie der Anschluss an ein projektiertes Nahwärmenetz sinnvoll ist: Ob er sich für sie tatsächlich rechnet.

So zu hören bei einem Bürgerinformationsabend in der Herzog-Ulrich-Halle, der - wenig überraschend - auf riesiges Interesse gestoßen ist. Wenig überraschend deshalb, weil die Dorfgemeinschaft schon seit langen Monaten darauf wartet, über Zeit- und Kostenrahmen des von der Reutlinger Fair-Energie verantworteten Großprojekts in Kenntnis gesetzt zu werden.

Bürger-Info wurde zweimal verschoben

Nachdem die Bürger-Info zweimal verschoben worden war, hatte sich in der kleinen Bezirksgemeinde die Ungeduld eingenistet. Zumal in Reicheneck überdurchschnittlich viele Immobilien mit Erdöl beheizt werden und in überdurchschnittlich vielen Kellern hoffnungslos veraltete Anlagen stehen, von denen die betagtesten vierzig Jahre oder mehr auf dem Kessel haben, gesetzliche Richtlinien mithin nicht mehr erfüllen.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Nahwärmeversorgung, die komplett auf erneuerbare Energien setzt, verlockend. Was ein Großteil der Dorfbewohner im Zuge zweier Fragebogenaktionen bereits zum Ausdruck gebracht hat. Wiewohl diese Interessensbekundungen keinen verbindlichen Charakter haben: Sie taugen als Stimmungsbarometer - für mehr allerdings nicht.

Die Fair-Energie benötigt jetzt Planungssicherheit

Die Fair-Energie benötigt indes deutlich mehr: nämlich Planungssicherheit. Wiegt das Investitionspaket, das da geschultert werden soll, nach Worten von Fair-Energie-Vertriebsleiter Dominik Völker doch stattliche zehn Millionen Euro. Diese eben mal auf Verdacht in die Hand zu nehmen - für den Reutlinger Energieversorger kommt’s selbstverständlich nicht in Betracht. Er will Verbindlichkeiten, auf deren Basis seriöse Rentabilitätsberechnungen für alle Seiten aufgestellt werden können. Also betont auch für Reichenecks künftige Nahwärme-Abnehmer.

Neben Völker sind es beim Informationsabend dessen Kollege Lukas Vöhringer, Oberbürgermeister Thomas Keck, Ortsvorsteher Ulrich Altmann und der Chef des kommunalen Amts für Stadtentwicklung und Vermessung, Stefan Dvorak, die ihrem vielköpfigen Publikum den - im Übrigen unumgänglichen, weil vom Gesetzgeber abgesteckten Weg - in Richtung Klimaneutralität erläutern. Alle machen sie deutlich, dass das Reichenecker Nahwärme-Projekt mit der Zahl der Pilot-Haushalte, die sich ans Netz anschließen lassen, steht und fällt.

Auf diesem Grün im Norden Reichenecks soll die künftige Energiezentrale fürs Nahwärmenetz zu stehen kommen. Zuvor jedoch muss un
Auf diesem Grün im Norden Reichenecks soll die künftige Energiezentrale fürs Nahwärmenetz zu stehen kommen. Zuvor jedoch muss unter anderem der Bebauungsplan für dieses Vorhaben angepasst werden. Es gibt noch also viel zu tun bis zum Spatenstich.Foto: privat Foto: privat
Auf diesem Grün im Norden Reichenecks soll die künftige Energiezentrale fürs Nahwärmenetz zu stehen kommen. Zuvor jedoch muss unter anderem der Bebauungsplan für dieses Vorhaben angepasst werden. Es gibt noch also viel zu tun bis zum Spatenstich.Foto: privat
Foto: privat

Konkret: Mindestens 70 Prozent aller örtlichen Immobilienbesitzer müssen von Anbeginn am Start sein, wenn aus Plänen Realität werden soll. Zumal es in Reutlingens kleinster Bezirksgemeinde - mangels Industrieansiedlung – keine Großabnehmer gibt. Hier kommt es deshalb fast auf jeden Einzelnen an.

Und es kommt darauf an, dass jetzt zügig der Boden für die Energiezentrale und ihre baulichen Weiterungen bereitet wird. Und zwar verfahrenstechnisch. Um nämlich, so Stadtplaner Dvorak, das fürderhin im Norden der Gemeinde verortete Herz des Nahwärmenetzes überhaupt zum Schlagen bringen zu können, müssen noch einige bürokratische Hürden genommen werden: darunter die Änderung des Flächennutzungsplans und die Ausarbeitung eines Bebauungsplans.

Den Amtsschimmel auf Trab bringen

Ohne sie kann nämlich nichts von dem installiert werden, was nötig ist, um das Dorf regenerativ zu wärmen - weder ein imposantes Holzhackschnitzeldepot noch eine 2.500 Quadratmeter umfassende Sonnenkollektorenfläche, weder Pufferspeicher noch Trafohäusle, Wärmepumpen und Spitzenlastkessel.

Gute Nachricht aus der Verwaltung: Um den Amtsschimmel auf Trab zu bringen, beabsichtigt die Stadt Reutlingen, Flächennutzungs- und Bebauungsplan parallel beackern zu lassen. Nach Worten von Stefan Dvorak werde sich der zeitaufwendige Verfahrensablauf auf diese Weise um die Hälfte verkürzen lassen: Statt vier würde das Prozedere lediglich zwei Jahre dauern.

Und zwar zwei rührige Jahre, wie Vertreter der Fair-Energie versprechen. Laut Lukas Vöhringer wollen die Projektverantwortlichen die Phase behördlicher Überprüfungen plus Bürgerbeteiligung nicht etwa abwartend verbringen, sondern konsequent nutzen, um Entwürfe zu konkretisieren, zusätzliche Fördermittel zu generieren, Vergabeprozesse zum Laufen zu bringen und Ausschreibungen zu tätigen - damit tunlichst bereits Ende 2025/Anfang 2026 die Bagger anrollen können.

Reicheneck als Vorreiter und Pilot-Dorf

Jetzt allerdings gilt es erst einmal die eingangs erwähnten 70 Prozent Andockwilliger verbindlich für eine CO2-neutrale Zukunft zu gewinnen. Weshalb jetzt den Experten der Klimaschutzagentur – sie haben im November eine exklusive Reicheneck-Woche eingeplant – eine tragende Rolle zukommt. Jedenfalls dann, wenn alle interessierten, wiewohl vom Projekt noch nicht restlos überzeugten Immobilienbesitzer das Know-how der unabhängigen Berater in Anspruch nehmen – um sich sodann fundiert für oder gegen einen Anschluss ans Nahwärmenetz entscheiden zu können.

Sollte am Ende gründlicher Abwägungen ein überragendes Mehrheitsbekenntnis pro Nahwärme stehen, dann würde das übrigens auch Oberbürgermeister Thomas Keck freuen: weil er Reicheneck als Vorreiter sieht. In seiner Ansprache bezeichnet er den Teilort als »wichtigen Baustein« für Reutlingens klimaneutrale Zukunft, als »Pilot-Dorf«, das womöglich weitere Bezirksgemeinden zur Nachahmung inspiriert. (GEA)