Logo
Aktuell Nahverkehr

Regional-Stadtbahn: Spannung auf den letzten Metern in Betzingen

Riesenandrang bei Bürger-Info in der Betzinger Kemmlerhalle: Wegen zweiter Trassenvariante ist die Entscheidung wieder offen.

Die Experten des Zweckverbands Regional-Stadtbahn informierten in der Kemmlerhalle ausgiebig über die Betzinger Trassenvarianten
Die Experten des Zweckverbands Regional-Stadtbahn informierten in der Kemmlerhalle ausgiebig über die Betzinger Trassenvarianten. Foto: Ulrike Glage
Die Experten des Zweckverbands Regional-Stadtbahn informierten in der Kemmlerhalle ausgiebig über die Betzinger Trassenvarianten.
Foto: Ulrike Glage

REUTLINGEN-BETZINGEN. Nach der letzten Sitzung des Ortschaftsrates zum Thema Regional-Stadtbahn im März schien die Sache gelaufen: Drei Trassenvarianten auf dem Betzinger Streckenabschnitt der Gomaringer Spange waren untersucht worden, übrig blieb nur die Alte Bahntrasse. Auf Wunsch des Bezirksgemeinderates brachte der Zweckverband Regional-Stadtbahn die zweite heiße Kandidatin – die Variante über die Wildermuth-Siedlung – noch einmal auf den Prüfstand. Mit dem Ergebnis, dass sie doch machbar ist, nämlich mit eingleisiger Streckenführung. »Wir haben jetzt eine echte Entscheidung«, kommentierte Betzingens Bezirksbürgermeister Friedemann Rupp bei der Info-Veranstaltung zum RSB-Planungsstand die neueste Entwicklung. Die Spannung steigt, das Interesse auch: Etwa 150 Betzinger drängten sich am Mittwochabend in der Kemmlerhalle.

Dass das Interesse an der Regional-Stadtbahn groß ist, sei man in Betzingen gewöhnt, meinte Baubürgermeisterin Angela Weiskopf bei der Begrüßung. »Aber so wie die Leute heute geströmt sind, könnte man denken, es gibt etwas umsonst.« Gab es auch, nämlich Informationen satt. Die Betzinger nutzten die Gelegenheit ausgiebig, die Experten des Zweckverbands waren an ihren Info-Ständen von Anfang an regelrecht belagert.

Diskussionsbedarf beim Thema Regional-Stadtbahn: Rund 150 Betzinger kamen in die Kemmlerhalle.
Diskussionsbedarf beim Thema Regional-Stadtbahn: Rund 150 Betzinger kamen in die Kemmlerhalle. Foto: Ulrike Glage
Diskussionsbedarf beim Thema Regional-Stadtbahn: Rund 150 Betzinger kamen in die Kemmlerhalle.
Foto: Ulrike Glage

Neue Bürgerinitiative

Bezirksbürgermeister Friedemann Rupp und Professor Tobias Bernecker, Geschäftsführer des Zweckverbands Regional-Stadtbahn, gingen eingangs auf den aktuellen Planungsstand ein. »Dass wir jetzt über zwei Varianten diskutieren dürfen, hätten wir ohne den Bezirksgemeinderat und die Bürger nicht geschafft«, stellte Rupp fest. Auch Bernecker erinnerte daran, dass die Trassenvariante über die Wildermuth-Siedlung nicht zuletzt wegen der »vielen Stimmen aus der Bürgerschaft« noch einmal aufgegriffen wurde. Die Anlieger gehören sicher nicht dazu. Sie machen in der neu gegründeten Bürgerinitiative »Pro Alte Bahntrasse – Contra Verschwendung von Steuergeldern« gegen die Wildermuth-Variante mobil (siehe Info-Box) und damit der »alten« Bürgerinitiative »Pro Betzingen – Verkehrswende jetzt« Konkurrenz, die die Reaktivierung der Alten Bahntrasse verhindern will.

Die schneidet nach den Voruntersuchungen mit einem Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1,20 immer noch am besten ab. 3,5 Kilometer Streckenlänge, drei Haltestellen, ein Fahrgastpotenzial von 4.600, eine Fahrzeit von 3:40 Minuten und Baukosten in Höhe von 117,4 Millionen Euro sind die Eckdaten, die die RSB-Experten errechnet haben. Käme quasi als Untervariante eine zusätzliche Haltestelle an der Neckar-Alb-Bahn nahe der Wildermuth-Siedlung dazu, könnte die Fahrgastzahl auf 5.600 erhöht werden, der Kosten-Nutzen-Index würde allerdings auf 1,05 sinken.

Längere Fahrzeit, höhere Kosten

Bei der Wildermuth-Variante, die vom Betzinger Bahnhof über den Dammweg via Jettenburger Straße auf dem Wirtschaftsweg entlang der Bahnlinie Richtung Wildermuth-Siedlung und dann in einem Linksschwenk weiter zum Industriegebiet Mark-West führen würde, liegt der Kosten-Nutzen-Index bei 1,03. Die Trasse punktet mit einem Fahrgastpotenzial von 5.200, dafür wäre die Fahrzeit auf der 3,8 Kilometer langen Strecke mit 6:30 Minuten deutlich länger. Deutlich höher auch die Baukosten, die bei 135,8 Millionen Euro liegen würden. Auch beim kommunalen Anteil der jährlichen Betriebskosten landet die Wildermuth-Variante mit 3,3 Millionen Euro klar hinter der Alten Bahntrasse mit 2,2 Millionen Euro.

Neue Bürgerinitiative »Pro Alte Bahntrasse - Contra Verschwendung von Steuergeldern«

Nachdem bekannt wurde, dass die Wildermuth-Variante doch noch weiter verfolgt wird, haben sich Anlieger in der Bürgerinitiative (BI) »Pro Alte Bahntrasse - Contra Verschwendung von Steuergeldern« zusammengeschlossen, um die Trasse zu verhindern. Die Gruppierung hat sich in der Einwohnerfragestunde vor der Gemeinderatssitzung am Dienstag zu Wort gemeldet und 227 Unterschriften überreicht. Aus Sicht der neuen BI sprechen vor allem die höheren Kosten gegen die Wildermuth-Variante, außerdem die längere Umsetzung und die »gravierenden Eigentumseingriffe«. Die Trassengegner führen zudem Beeinträchtigungen durch die Bauarbeiten ins Feld sowie Beeinträchtigungen von Gewerbetreibenden und lokalem Handel. Die Haltepunkte an der Wildermuth-Siedlung hält die BI für überflüssig, weil das Quartier »durch Buslinien bestens erschlossen sei«. (GEA)

»Wir wollten die aus der Bürgerbeteiligung entstandene Trasse nicht verwerfen, bevor sie nicht vollumfänglich geprüft ist«, begründet Friedemann Rupp gegenüber dem GEA, warum der Bezirksgemeinderat die Variante noch einmal untersucht haben wollte. »Charme und Riesenvorteil« der Variante wäre nicht nur die bessere Anbindung, so Rupp, sondern vor allem die Verknüpfung mit dem Mobilitätsschwerpunkt Betzinger Bahnhof. »Wenn da auch die Tram-Trains der Gomaringer Spange halten würden, wäre das perfekt.« Den Nachteil der Wildermuth-Variante sieht Friedemann Rupp neben den höheren Kosten in der längeren Fahrzeit und der Gefahr, dass dadurch die Anschlüsse in Reutlingen und Mössingen nicht mehr klappen. »Es wäre schön, wenn die Wildermuth-Variante funktionieren würde, aber das Gesamtprojekt darf dadurch nicht in Schieflage geraten.«

Mehr Menschen zu erreichen

Ähnlich die Einschätzung von Tobias Bernecker. Mit der Wildermuth-Trasse erreiche man mehr Menschen, auch der Wunsch nach einer Verknüpfung mit dem Mobilitätsschwerpunkt Bahnhof sei berechtigt. So viel zum Pro. Und zum Contra: »Die längere Fahrzeit ist das, was uns als Zweckverband sehr besorgt. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber es wird mit teureren Betriebskosten erkauft.« Und mit einem Verlust der Anschlüsse an die DB-Züge entweder in Reutlingen oder Mössingen, so Bernecker. »Das ist der Grund, warum wir aus regionaler Perspektive Bedenken haben.«

Verwaltung schlägt Alte Bahntrasse vor

Die hat auch die Stadtverwaltung, die sich in ihrer Beschlussvorlage zur Regional-Stadtbahn klar für die Alte Bahntrasse ausspricht. Sie verweist auf das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis und die geringsten Bau- und Folgekosten. Außerdem sei sie am zügigsten und einfachsten umzusetzen. Bei der Wildermuth-Variante hätte die längere Fahrzeit wegen des zusätzlichen Fahrzeugbedarfs 30 Prozent mehr Betriebskosten zur Folge. Anders als bei der Alten Bahntrasse, die weitestgehend auf den alten Gleisen geführt werden soll, bringe sie wegen des erforderlichen Baus einer parallelen Trasse zur Neckar-Alb-Bahn zudem »städtebaulich erhebliche Herausforderungen sowie Eingriffe mit sich«.

Wie sich die Betzinger Ortschaftsräte in ihrer Sitzung am 3. Dezember positionieren, ist offen. Die endgültige Entscheidung über alle Trassenvarianten liegt beim Gemeinderat, der am 16. Dezember tagt. (GEA)