REUTLINGEN. In der November-Rats-Mammutsitzung hatte die Präsentation der Verwaltungsvorschläge zu den Trassenführungen von Innenstadt und Gomaringer Spange keinen ausreichenden Raum gefunden. In einer Sondersitzung hatten die Gemeinderäte nun Gelegenheit, Fragen zum Projekt Regional-Stadtbahn Neckar-Alb zu stellen, bevor sie dann am Dienstag, 16. Dezember, über die Linienführungen entscheiden.
Die Stadtbahn sei ein wichtiges Projekt, um die Stadt »zukunftsorientiert aufzustellen«, beteuerte Oberbürgermeister Thomas Keck einmal mehr. Reutlingen gewinne durch seine zentrale Lage im Netz an Bedeutung. Die Gartenstraße ist aus Sicht der Verwaltung die beste Trasse: Sie biete große Chancen für Reutlingen, werde Einzelhandel, Gastronomie und Ämter optimal anbinden. Auch Baubürgermeisterin Angela Weiskopf hofft auf eine »Stärkung der Innenstadt« durch eine Stadtbahn auf der Gartenstraße.
»Mit Ihrer Argumentation hätte die Stadt Reutlingen ihre Zukunft hinter sich «
In der anschließenden Fragerunde tat sich besonders die AfD-Fraktion hervor: Sie richtete den Blick notorisch auf Kosten und Schwierigkeiten des Projekts und nie auf seinen prognostizierten Nutzen. Matthias Brenner hob auf die Belastungen für den Autoverkehr ab, wenn die Bahn über Garten- oder Lederstraße gebaut wird. Dr. Gunnar Teucher warb für die Streckenführung auf der von der Innenstadt weit entfernten Alten Honauer Bahntrasse, weil sie Wafios, Landratsamt und Berufsschulen anbinde.
Der AfD-Fraktionsvorsitzende Hansjörg Schrade stellte das Projekt gänzlich infrage wegen der Kosten. »Wie wollen Sie die Stadtbahn finanzieren?«, fragte er vor allem in Bezug auf die Folgekosten in die Runde und bezog sich dabei insbesondere auch auf das von der Stadt jüngst vorstellte Worst-Case-Szenario von 14 Millionen Euro per anno für die Folgekosten. »Das ist unverantwortlich«, rief er in die Runde, zumal es sich bei der Stadtbahn ja nicht um eine Pflichtaufgabe handele. »Wir müssen demütiger und realistischer werden.« Schon beim Buskonzept seien die Kosten aus dem Ruder gelaufen.
OB Keck platzte der Kragen ob der Argumentation des AfD-Fraktionsvorsitzenden: »Wenn unsere Vorväter und -mütter so argumentiert hätten, hätten wie keine Bodenseewasserversorgung.« Mit der Denke der AfD habe die Stadt Reutlingen »ihre Zukunft hinter sich.« 93 Prozent Förderung durch Bund und Land für Planungs- und Baukosten seien eine »historische« Chance. Zugleich gehe man in der Stadt mit Mitteln stets verantwortlich um: »Wir haben in Reutlingen nie Geld aus dem Fenster geworfen.«
AfD-Rat Heiko Brucker verteidigte den Fokus seiner Fraktion: »Es ist unsere Aufgabe, nach den Kosten zu schauen. Die 14 Millionen müssen ja finanziert werden.« Der Verwaltung unterstellte er zu viel Parteilichkeit gegen die Alte Honauer Trasse : »Sie wollen auf Teufel komm raus die Innenstadttrasse.«
»Wir haben in Reutlingen nie Geld aus dem Fenster geworfen«
Das Stadtoberhaupt bezeichnete die finanzielle Belastung für die Stadt als »Herausforderung, die wir bewältigen können«. Die Zahlen seien sauber aufbereitet. Neben ihrem Anteil an den Kosten von Planung und Bau der Bahn (23,8 Millionen Euro) sowie Investitionen für städtische Begleitmaßnahmen (24,5 Millionen Euro) müssen die Reutlinger insbesondere auch die jährlichen Folgekosten der Bahn ins Kalkül ziehen, die sich aufwachsend bis ins geplante Startjahr 2038 auf 7,3 Millionen Euro aufsummieren.
Was über die Kreisumlage oben draufkommt, ist unklar. Bis 2038 um die 6,7 Millionen Euro hat Finanzbürgermeister Roland Wintzen als Worst-Case-Szenario errechnet. Im Rathaus hegt man allerdings die Hoffnung, dass der Landkreis seine Stadtbahn-Belastung nicht 1:1 an die Kreismitglieder weitergibt. Auch Wintzen hob auf den Nutzen der Bahn ab: »Wir profitieren am meisten von den Investitionen für die Stadtbahn, weil wir mittendrin sind.« Und: »Das Geld ist weg, aber die Bahn ist da. Da wird ja nichts verpulvert.«
»Sie wollen auf Teufel komm raus die Innenstadtstrecke«
Die übrigen Fraktionen sprangen auf die von der AfD angezettelte Kosten-Diskussion nicht an. »Es wäre gut gewesen, die Zahlen früher zu bekommen«, meinte Grünen-Rat Dr. Karsten Amann lediglich. Gleichwohl handele es sich um gut angelegtes Geld. Und: Zahlen müsse Reutlingen so oder so, auch wenn die Bahn außen herum fahre.
Dabei ist festzuhalten: Echte Sparfüchse wählen die Gartenstraße, die laut Standardisierter Bewertung die Stadt mit knapp 20 Millionen Euro Gesamtbaukosten günstiger kommt als die Honauer Trasse (gut 21 Millionen) oder Lederstraße (26 Millionen). (GEA)

