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Regional-Stadtbahn: Einstimmiges Votum für die Alte Bahntrasse in Betzingen

Der Betzinger Bezirksgemeinderat verabschiedet sich von der Trassenführung über die Wildermuth-Siedlung. Warum ihm die Entscheidung schwergefallen ist.

Die Visualisierung zeigt die Alte Bahntrasse mit dem Haltepunkt Süd beim Haldenäckerweg.
Die Visualisierung zeigt die Alte Bahntrasse mit dem Haltepunkt Süd beim Haldenäckerweg. Foto: Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Als
Die Visualisierung zeigt die Alte Bahntrasse mit dem Haltepunkt Süd beim Haldenäckerweg.
Foto: Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Als

REUTLINGEN-BETZINGEN. Die Alte Bahntrasse galt als Vorzugsvariante der Regional-Stadtbahn für Betzingen als gesetzt, doch auf den letzten Metern kam die eigentlich schon aussortierte Wildermuth-Trasse erneut ins Spiel. Es war also alles offen vor der finalen Entscheidung des Betzinger Bezirksgemeinderates. Der votierte in seiner jüngsten Sitzung zur Überraschung mancher Zuhörer einstimmig pro Alte Bahntrasse und damit gegen die Streckenführung, die aus rein Betzinger Sicht etliche Vorteile gebracht hätte. Vor allem die höheren Kosten, aber auch betriebliche Nachteile waren die Gründe, warum sich das Gremium letztlich von der Wildermuth-Variante »schweren Herzens«, so nicht nur Bezirksbürgermeister Friedemann Rupp, verabschiedete. Sein Fazit: »Nach den Prüfungsergebnissen muss ich leider sagen: Es stecken zu viele Risiken fürs Gesamtprojekt drin.«

In seiner Sitzung im Frühsommer hatte der Betzinger Ortschaftsrat der vom Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb als vorläufige Vorzugsvariante empfohlenen Alten Bahntrasse zugestimmt, alle anderen untersuchten Varianten waren wegen ihrer »deutlichen Nachteile«, so Zweckverbands-Geschäftsführer Professor Tobias Bernecker, durchgefallen (der GEA berichtete). Weil dem Ortschaftsrat aber die bessere Anbindung von Betzingen und die Einbeziehung des Bahnhofs wichtig war, nahm sich der Zweckverband die Wildermuth-Variante noch einmal vor. Das Ergebnis: Sie ist doch machbar, allerdings nur mit einem eingleisigen Abschnitt entlang des Dammwegs.

Günstiger und schneller

Tobias Bernecker ging noch einmal auf die Vor- und Nachteile der beiden Varianten ein. Die Alte Bahntrasse liegt mit einem Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,20, einer Fahrzeit von 3:40 Minuten deutlich vorn, ebenso bei den Kosten, nämlich 117,4 Millionen Euro. Beim Fahrgastpotenzial schneidet sie mit 4.600 schlechter ab als die Wildermuth-Variante mit 5.200 Passagieren. Dafür würde diese mehr kosten, nämlich 135,8 Millionen Euro, und sie schneidet auch bei der Fahrzeit mit 5:30 Minuten wesentlich schlechter ab. Ihr Kosten-Nutzen-Index liegt bei 1,03.

Ein wesentlicher Teil des Kostenunterschieds machen bei der Wildermuth-Variante die Stützbauwerke aus, die wegen der vielen Höhenunterschiede notwendig sind, erklärte der Zweckverbands-Geschäftsführer. Ob bei der Alten Bahntrasse ein Brücken-Neubau erforderlich wird, ist offen. Eine »Sichtprüfung« der Bestandsbrücke über die B 28 habe noch nichts Gravierendes ergeben, doch in der weiteren Planung werde genau untersucht, ob sie saniert oder ersetzt werden muss. Die Kosten für die »denkbare Erneuerung« würden auf etwa 11 Millionen Euro geschätzt, was aber den Nutzen-Kosten-Index nur unwesentlich und das Bewertungsergebnis gar nicht verändern würde.

Knackpunkt Eingleisigkeit

Als Knackpunkt und zusätzlichen Kostentreiber bei der Wildermuth-Variante nannte Tobias Bernecker die eingleisige, etwa 200 Meter lange Strecke »am denkbar ungünstigsten Punkt«, nämlich dort, wo sich zwei Linien begegnen. Missliche Folge: Die Fahrzeit würde sich verlängern, Anschlüsse klappten nicht und ein zusätzlicher Fahrzeugumlauf müsste her, was die Betriebskosten um 30 Prozent erhöhen würde.

Nach Abwägung aller Kriterien empfiehlt der Zweckverband, die Alte Bahntrasse und Richtung Ohmenhausen die Landesstraßen-Variante als Vorzugsvarianten weiterzuverfolgen. Ein Ergebnis, zu dem auch die Stadtverwaltung kommt. Zwar wäre bei der Wildermuth-Variante wegen der Anbindung an den Betzinger Bahnhof und dessen Aufwertung zum Mobilitätsschwerpunkt »Musik drin«, so Stadtplanungsamts-Chef Stefan Dvorak. Letztlich würden aber auch aus städtebaulicher Sicht die Nachteile im Vergleich zur Alten Bahntrasse überwiegen.

Die Stadtbahn sei ein Projekt, von dem die ganze Region profitiere, so Friedemann Rupp. »Uns war es von Anfang an wichtig, dass Betzingen nicht abgehängt wird.« Vieles spreche deshalb für die Trasse, die viele Menschen erreiche und über den Mobilitätspunkt Bahnhof führe, also die Wildermuth-Variante. Funktionierten aber die Anschlüsse in Mössingen oder Reutlingen nicht mehr, falle »dieses große Plus« weg. Und, so Rupp: »Das Gesamtprojekt darf nicht gefährdet werden.« Deshalb habe er sich für die Alte Bahntrasse entschieden, »auch, wenn’s schwerfällt«.

Pro kostengünstigere Variante

Ähnlich der Tenor bei den anderen Ratsmitgliedern. Ziel des Gremiums sei es immer gewesen, eine »wirklich bessere Einbindung des Bahnhofs« zu bekommen, so Dr. Martin Schöfthaler. Dennoch stimme auch er aus Kostengründen und wegen der Anschluss-Problematik gegen die Wildermuth-Variante. Die Alte Bahntrasse verlaufe auf bestehenden Gleisen und sei leichter umzusetzen, deshalb habe er sie von Anfang an befürwortet, so Lothar Richter. Es sei gut gewesen, die Anregungen der Bevölkerung aufzugreifen und mit der Wildermuth-Variante eine zweite Option zu bekommen. Aber bei der derzeitigen Haushaltslage spreche alles für die kostengünstigere Variante. Die schlechte wirtschaftliche Lage nannte auch Dagmar Krause als einen der Gründe, warum sie pro Alte Bahntrasse stimme. Ebenso Michel Ehinger: »Bauwerke werden teurer. Ich will mir nicht den Schuh anziehen, es in Betzinger noch teurer zu machen.«

Einzig Jenny Winter-Stojanovic äußerte sich skeptisch zum Thema Regional-Stadtbahn. »Wollen wir nicht zuwarten, ob es auch andere Möglichkeiten gibt?«, meinte sie mit Bezug auf Reutlingens »Finanzkrise«. Dennoch votierte sie am Ende pro Alte Bahntrasse, die sie als »kleineres Übel« bezeichnete. Bei der gesonderten Abstimmung über die Innenstadtstrecke und weitere Planungsschritte enthielt sie sich ebenso wie Uwe Alle. (GEA)