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Aktuell Zweiter Weltkrieg

Raketenflügel aus der Nazi-Zeit im Hühnerstall

REUTLINGEN-MITTELSTADT. Eigentlich sollte die unscheinbare Metallplatte in Dieter Veits Garten als Teil der Flugbombe »Vergeltungswaffe V 1« im Zweiten Weltkrieg Tod und Vernichtung in europäische Städte bringen – und Adolf Hitler seinen »Endsieg«.

Dieter Veit in seinem Mittelstädter Garten mit dem V1-Tragflügel, der als Rückwand des Hühnerstalls diente.
Dieter Veit in seinem Mittelstädter Garten mit dem V1-Tragflügel, der als Rückwand des Hühnerstalls diente. Foto: Andrea Glitz
Dieter Veit in seinem Mittelstädter Garten mit dem V1-Tragflügel, der als Rückwand des Hühnerstalls diente.
Foto: Andrea Glitz
Letzteres misslang bekanntlich. Und auch der V1-Tragflügel endete als Rückwand eines Hühnerstalls in der Mittelstädter Wieslenstraße.

Dieter Veits Pflegevater, ehemals Mittelstädter Feuerwehrkommandant und 2001 verstorben, war ein Bastler, der kreativ verbaute, was da war: nach dem Zweiten Weltkrieg auch das Flugbomben-Teil, das nach Veits Erinnerung sein Onkel Gottlob angeschleppt hatte.

V1-Teil »made in Reutlingen«

Von außen sieht das Eisenblech zunächst unauffällig aus. Der Rostfraß gibt jedoch das Innenleben frei und zeigt die charakteristischen Querstreben mit den Löchern. Dass die Wand ein Raketenteil »made in Reutlingen« ist, wusste Veit, Konkreteres aber nicht. Er will demnächst aufräumen und seinen rostigen Anteil an der Reutlinger Geschichte aus dem Garten entfernen. Deshalb sucht der 75-Jährige einen Interessenten. »Wenn’s keiner haben will, entsorgen wir’s.«

Doch das wäre zweifellos schade. Recherchen ergeben, dass das Bauteil vermutlich aus der Eisenverarbeitungsfirma Heim stammte. Sie produzierte ab 1943 in der Wannweiler Straße in Betzingen Höhenleitwerke und Tragflächen für V1-Raketen – unter dem unverfänglichen Namen »Wilhelm Heim Eisen- und Holzwerke«.

Die Firma war ursprünglich in Esslingen angesiedelt, sagt Stadtarchivar Roland Brühl auf GEA-Nachfrage. Sie gehörte zu den kriegswichtigen Betrieben, die aus Ballungszentren in Gebiete mit weniger Rüstungsindustrie umgesiedelt wurden. Was Reutlingen laut Brühl einerseits die Aufnahme ins »Führer-Sofortprogramm« bescherte – der Bunkerbau wurde intensiviert – aber auch die drei schweren Bombenangriffe gegen Kriegsende.

Die unbemannte Flugbombe Fieseler 103, wie die V1 offiziell hieß, war 1942/43 unter großem Zeitdruck entwickelt worden. Weil die Männer im Krieg waren, mussten Zwangsarbeiter an der Produktion der Vernichtungswaffe mitarbeiten. In der Firma Heim waren es laut Brühl knapp 600, darunter viele aus dem Osten Europas, die unter schlimmen Bedingungen in diversen Lagern in der Stadt untergebracht waren.

Transport gen KZ

Ab Sommer 1944 wurden die Produkte aus Betzingen, so ist im Katalog zur Ausstellung »Reutlingen 1930 bis 1950 – Nationalsozialismus und Nachkriegszeit« nachzulesen, vermutlich in das berüchtigte Konzentrationslager »Mittelbau-Dora« transportiert, ein Außenlager des KZ Buchenwald. In den unterirdischen Produktionsstätten des Lagers wurde zu dieser Zeit auch die ebenfalls als »Wunderwaffe« gepriesene V2-Rakete gebaut.

Beide Fernwaffen, V1 und V2, sollen in England und Belgien beinahe 15 400 Menschen getötet und mehr als 47 000 verletzt haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die friedliche Nutzung kriegsrelevanter Güter für Hasen- oder Hühnerställe nicht unüblich. Zumal in Reutlingen bei der Firma Heim »riesige Mengen« an Tragflächen lagerten, wie Werner Früh auf einer informativen Internetseite berichtet. Er schreibt auch, dass im Reutlinger Heimatmuseum weitere Exponate stehen.

Und tatsächlich: Im »Luftschutzkeller«, dem kleinen aber sehr anschaulich gestalteten Ausstellungsbereich zum Dritten Reich, stehen ganz unauffällig in der Ecke vier mannshohe Leitwerke und Tragflächen aus Reutlinger Produktion. Vielleicht steht demnächst auch der Mittelstädter Fund dabei. (GEA)

Maschinenfabriken profitieren – Zwangsarbeiter schuften: »Rüstungsboom« in der Textilstadt

Reutlingen, die Stadt der Leder- und Textilbetriebe, war nie ein Zentrum der Rüstungsproduktion, heißt es im Katalog »Reutlingen 1930 bis 1950 – Nationalsozialismus und Nachkriegszeit«. Im Metallsektor kam der »Rüstungsboom« allerdings durchaus an. Die Reutlinger Maschinenfabriken konnten ihren Umsatz bis 1944 enorm steigern. Burkhardt & Weber um das Sechsfache, Wafios beinahe um das Doppelte. Die Firma Gustav Wagner übertraf schon 1941 ihren Umsatz und Gewinn von 1938 um knapp 50 beziehungsweise 70 Prozent (...)

Hauptproblem der Kriegswirtschaft war auch in Reutlingen die Sicherstellung des Arbeitskräftebedarfs. Die Firma Ulrich Gminder beispielsweise verlor bis November 1939 rund 250 Arbeitskräfte, die zur Wehrmacht einberufen wurden; um 1942 waren dort fast alle wehrfähigen Männer – insgesamt etwa 500 – eingezogen. Bemühungen um den verstärkten Einsatz von Frauen in der Industrie konnten die Lücke nicht auffüllen (...)

Ohne die ausländischen Arbeitskräfte hätte die deutsche Kriegswirtschaft spätestens ab Anfang 1942 nicht mehr die notwendige Menge an Rüstungsgütern und Lebensmitteln produzieren können. (...) Der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen gab die Zahl der Zwangsarbeiter in Reutlingen mit 3 950 an.

(Zitiert aus: »Reutlingen 1930 bis 1950 – Nationalsozialismus und Nachkriegszeit«, Katalog zur Ausstellung 1995 im Spitalhof)
Wenn man das rostige Eisenblech auseinanderzieht, kommen die typischen Querverstrebungen zum Vorschein.
Wenn man das rostige Eisenblech auseinanderzieht, kommen die typischen Querverstrebungen zum Vorschein. Foto: Andrea Glitz
Wenn man das rostige Eisenblech auseinanderzieht, kommen die typischen Querverstrebungen zum Vorschein.
Foto: Andrea Glitz
So sahen fertige Marschflugkörper aus: Ab 1945 wurden sie von Häftlingen im berüchtigten Konzentrationslager Mittelbau-Dora zusa
So sahen fertige Marschflugkörper aus: Ab 1945 wurden sie von Häftlingen im berüchtigten Konzentrationslager Mittelbau-Dora zusammengebaut. Zwangsarbeiter mussten auch bei der Reutlinger Firma Heim Teile für die V 1 bauen. FOTO: BUNDESARCHIV
So sahen fertige Marschflugkörper aus: Ab 1945 wurden sie von Häftlingen im berüchtigten Konzentrationslager Mittelbau-Dora zusammengebaut. Zwangsarbeiter mussten auch bei der Reutlinger Firma Heim Teile für die V 1 bauen. FOTO: BUNDESARCHIV