REUTLINGEN. Seit mehr als einem Viertel-Jahrhundert gärt das Projekt Regional-Stadtbahn Neckar-Alb in hiesigen Köpfen. Mit den Trassenentscheiden in Pfullingen und jetzt auch in Reutlingen sind nun Marksteine für die Neubaustrecken Echaztalbahn und Gomaringer Spange gesetzt.
Mit rund 200 Kilometern Streckenlänge (davon 137 Kilometer auf bestehenden Gleisen) soll das Gesamtprojekt den ÖPNV attraktivieren, Klima und Umwelt entlasten, die Region Reutlingen, Tübingen und Zollernalb vernetzen und als anziehenden Lebens- und Wirtschaftsstandort stärken.
Der Tübingen-Schock und die Folgen
Zwei Standardisierte Bewertungen (2011 und 2022) attestierten dem Projekt Wirtschaftlichkeit, die Grundlage für seine Förderfähigkeit. 2019 wurde der Zweckverband Regional-Stadtbahn Neckar-Alb gegründet, sein Aufgabenspektrum in den Bereichen Planung, Bau und Betrieb der Bahn mittels einer Satzungsänderung 2023 massiv erweitert.
Ende 2022 wurde mit der Elektrifizierung und Anpassung der Haltestellen entlang der Ammer- und Ermstalbahn der erste Abschnitt des Gesamtkonzeptes in Betrieb genommen. Der lang versprochene Halbstundentakt auf der Ermstalbahn ist diese Woche, wenn auch holprig, gestartet. Doch es gibt weiterhin Probleme. Die beiden neuen Reutlinger Haltepunkte auf vorhandener Strecke, Bösmannsäcker und RT-unlimited, harren weiter der Inbetriebnahme.
Ein Tiefpunkt der Geschichte: der Tübinger Bürgerentscheid 2021 gegen die Planung einer Innenstadtstrecke durch die Unistadt. Der Tübingen-Schock saß. In Reutlingen versuchte man danach, die Bürger buchstäblich »mitzunehmen«. Abseits der üblichen Infoveranstaltungen lud der Zweckverband 2022 und 2023 zu ausgiebigen Trassenspaziergängen ein. Rund 1.400 Interessierte bekamen Information vor Ort, hörten die Werbung fürs ÖPNV-Großprojekt. Viele Hinweise flossen laut Verwaltung in die Planung ein.
2,5 Milliarden Euro Gesamtkosten
Die Gesamtbaukosten für die Stadtbahn sind unterdessen auf knapp 2,5 Milliarden Euro (Stand 2024) angesetzt. Mit einem Gesamt-Nutzen-Kosten-Index von 1,16 Prozent ist das Projekt förderfähig. Über 90 Prozent der Bau- und Planungskosten tragen Bund und Land. Der Rest, der »regionale Anteil«, wird anteilig auf die Projektpartner verteilt: die Städte Reutlingen und Tübingen, die Landkreise Reutlingen, Tübingen und Zollernalb sowie den Regionalverband Neckar-Alb.
Auf die Stadt Reutlingen entfallen anteilig gut 171 Millionen Euro an Bau- und Planungskosten. Dank opulenter Förderung muss die Stadt davon aber nur 23,8 Millionen Euro selbst aufbringen. Auf eine ähnliche Höhe sind nach aktuellem Stand die Kosten für städtische Begleitmaßnahmen angesetzt.
Aufwachsend bis 2038, wenn auch Echaztalbahn und Gomaringer Spange in Betrieb sind, kämen laut Verwaltung jährliche Kosten von über 7 Millionen Euro für Betrieb, Zinsen, Abschreibung et cetera hinzu und – je nachdem, wie der Kreis mit seinem Stadtbahn-Kostenanteil umgeht, weitere Belastungen in Millionenhöhe für die Kreisumlage.
Auch Nordraum und Reutlinger Süden sollen einst angebunden werden
Nach der nun folgenden Entwurfs- und Genehmigungsplanung soll im Jahr 2028 das Planfeststellungsverfahren für die Reutlinger Neubaustrecken beginnen. Bau und Inbetriebnahme sollen abschnittweise erfolgen. Geplanter Baustart für beide Strecken vom Reutlinger Hauptbahnhof ausgehend ist das Jahr 2029. Die Inbetriebnahme soll dann sukzessive ab 2030 erfolgen.
Bis Mitte des kommenden Jahrzehnts soll die Bahn dann über Echaztal und Gomaringer Spange rollen – rechtzeitig zur Bundesgartenschau 2039. Perspektivisch wird es auch um die Anbindung des Reutlinger Nordraumes gehen und eine Trassenführung gen Hochschule/Hohbuch/Markwasen. Bei der Stadtraumumgestaltung werden auch Veränderungen fürs Bus- und Radnetz mitgedacht. (GEA)

