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Aktuell Kinderbetreuung

Quereinstieg gegen Fachkräftemangel in Reutlinger Kitas

Um den Fachkräftemangel in Kindertagesstätten zu beheben, setzt die Arbeitsagentur Reutlingen auf Quereinsteiger: Der Ausbildungsgang »Direkteinstieg Kita« zeichne sich in der Region bislang als Erfolgsprojekt ab, wie Agentur-Chef Markus Nill betont.

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Mit dem Projekt »Direkteinstieg Kita« wirkt Reutlingen dem Fachkräftemangel entgegen. Foto: Monika Skolimowska
Mit dem Projekt »Direkteinstieg Kita« wirkt Reutlingen dem Fachkräftemangel entgegen.
Foto: Monika Skolimowska

REUTLINGEN. Baden-Württemberg ist Vorreiter und Pilot-Bundesland: Mit dem »Direkteinstieg Kita« konnten landesweit bislang 1.700 Azubis mit Lebens- und Berufserfahrung aus verschiedenen Branchen für eine verkürzte Ausbildung als sozialpädagogische Assistenten in Kitas begeistert werden. Zukünftige Fachkräfte für die Kinderbetreuung, die dringend benötigt werden. Auch die Arbeitsagentur Reutlingen, deren Zuständigkeitsgebiet bis Ergenzingen reicht, ist vor zwei Jahren mit dem Projekt für Quereinsteiger im Landkreis Reutlingen gestartet. Ab September ist nun auch die Mathilde-Weber-Schule in Tübingen-Derendingen mit dabei und deckt für die Ausbildung den Landkreis Tübingen ab, gleichwie die DAA (Deutsche Angestellten-Akademie) für den Kreis Reutlingen. Die duale Ausbildung ist anspruchsvoll und dauert zwei Jahre. Die Teilnehmer sind einen Teil der Woche in der Schule, den zweiten Teil in der Kita. »Das ist keine Konkurrenz zu den bestehenden Ausbildungsgängen zum Erzieher oder in der praxisintegrierten Ausbildung zum Erzieher. Unsere Zielgruppe sind Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und Lebenserfahrung, die sich nochmals umorientieren möchten«, sagt Markus Nill, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Reutlingen.

Eine, die sich nochmals einer beruflichen Herausforderung stellen wollte, ist Diana Pomorin. Die 48-jährige Mutter von vier Kindern hat bereits das erste Jahr beim »Direkteinstieg Kita« hinter sich und arbeitet in einer evangelischen Kindertageseinrichtung in Kusterdingen. Früher hat sie eine Ausbildung in einem Büro absolviert, hat in einer Bäckerei gearbeitet, war bereits Tagesmutter und half auch in der Kinderbetreuung aus, aber eben nur als Hilfskraft. Jetzt nutze sie die Chance für eine Ausbildung. »Ich bin Feuer und Flamme für dieses Projekt«, sagt sie. »Denn eigentlich war das immer ein großer Wunsch von mir, im Kindergarten beruflich Fuß zu fassen.« Eine klassische vierjährige Erzieherinnenausbildung hätte sie familiär aber nicht stemmen können. Das Projekt jedoch sei wie auf sie zugeschnitten, betont sie.

»Es ist gut investiertes Geld«

Die Arbeitsagentur Reutlingen greift für den »Direkteinstieg Kita« richtig tief in die Tasche. Oder, wie Markus Nill es formuliert: »Es ist ein sündhaft teures Projekt für uns.« Rund 2,5 Millionen Euro wurden in den vergangenen zwei Jahren investiert, ab diesem Jahr wird es nochmals mehr, da Tübingen mit einem weiteren Ausbildungsgang hinzukommt. Neben der Arbeitsagentur ist das Baden-Württembergische Kultusministerium Mitfinanzierer. Die Teilnehmer bekommen nämlich von Anfang an einen Arbeitsvertrag, das Gehalt liegt bei durchschnittlich 2.600 Euro brutto. Die Arbeitsagentur übernimmt 75 Prozent der Kosten. »Aber es ist gut investiertes Geld«, ist Nill überzeugt. 2023 ging die erste Ausbildungsklasse mit 26 Teilnehmern an den Start, 2024 meldeten sich sogar 31 Einsteiger für die Ausbildung an. Der Frauenanteil überwiegt bei weitem, lediglich vier Männer sind seit dem Reutlinger Projektbeginn mit dabei. Das Altersspektrum reicht von 30 bis 63 Jahren, das Berufsspektrum ist ebenfalls sehr groß und die Klassenzusammensetzung ist zudem international, wie Diana Pomorin aus ihrer Klasse berichtet.

»Wir haben im Vorfeld enorm für das Projekt geworben«, blickt Nill zurück. Denn immer wieder habe man aus allen Kommunen gehört, wie dringend Fachkräfte für die Kinderbetreuung benötigt werden. »Da haben wir nochmals ganz viel Energie reingesteckt.« Denn das Projekt war damals unbekannt und ist es vielen auch heute noch. Der »Direkteinstieg Kita« ist dabei nicht als Konkurrenz zur klassischen Ausbildung zu sehen, sondern als Ergänzung mit zusätzlichen Fachkräften, die Lebens- und Berufserfahrung mitbringen. Genau das ist es auch, was Nill und seine Mitstreiter begeistert.

»Man muss wissen, worauf man sich einlässt.«

Die Ausbildung ist anspruchsvoll. »Jedem Auszubildenden wird viel abverlangt, das muss jedem klar sein«, sagt Diana Pomorin. »Man muss schon wissen, worauf man sich einlässt.« Nach dem ersten Jahr entscheiden sich die Teilnehmer, ob sie den Abschluss sozialpädagogische Assistenz oder Erzieher anvisieren möchten. Entsprechend anders gestaltet sich dann das zweite Ausbildungsjahr, wie Andrea Schäfer, die Beauftragte für Chancengleichheit der Agentur für Arbeit Reutlingen erläutert. Trotz des hohen praktischen Anteils an der Ausbildung sind dieselben Prüfungen wie bei der klassischen Ausbildung abzulegen.

Sehen den Ausbildungsgang »Direkteinstieg Kita« als großen Erfolg (von links): Martina Mader-Sorg, Diana Pomorin, Markus Nill un
Sehen den Ausbildungsgang »Direkteinstieg Kita« als großen Erfolg (von links): Martina Mader-Sorg, Diana Pomorin, Markus Nill und Andrea Schäfer. Foto: Carola Eissler
Sehen den Ausbildungsgang »Direkteinstieg Kita« als großen Erfolg (von links): Martina Mader-Sorg, Diana Pomorin, Markus Nill und Andrea Schäfer.
Foto: Carola Eissler

Noch wirbt die Arbeitsagentur um Arbeitgeber, sowohl um kommunale als auch um kirchliche Einrichtungen und um freie Träger. Und dies trotz des kreisweiten Personalmangels in der Kinderbetreuung. Allein in Reutlingen sind 10,5 Prozent der Betreuungsstellen in städtischen Kitas nicht besetzt. Was wie ein Widerspruch daherkommt, lässt sich erklären, sagt Nill. »Die Absolventen des Direkteinstiegs Kita sind für Arbeitgeber teurer. Und vielen ist das Projekt einfach noch nicht richtig bekannt.« Das kann auch Martina Mader-Sorg, Geschäftsführerin für die Kindertageseinrichtungen beim Evangelischen Kirchenbezirk Tübingen, bestätigen. »Ja, es kostet mehr für Arbeitgeber, obwohl die Kosten durch die Arbeitsagentur abgefedert werden. Aber es ist ein enormer Gewinn. Wir bekommen Leute mit hoher Motivation, Leute mit Berufserfahrung, oft sind es Frauen, die selbst Kinder haben«, sagt Mader-Sorg. »Auf diesem Weg kommen wir als Arbeitgeber nochmals an ganz andere Beschäftigte ran, die unsere Teams bereichern.«

Die Arbeitsagentur Reutlingen wird den »Direkteinstieg Kita« auf jeden Fall weiterhin anbieten, wie Nill betont. Und er hat sogar die Vision, dass dieses Modellprojekt auf den Berufsbereich Pflege und Gesundheit ausgeweitet werden könnte. »Diese Branche ist neben der Betreuung derzeit die einzige, die massiv Arbeitsplätze aufbaut.« Dort werde aktuell enorm viel Personal benötigt. »Vielleicht könnten wir damit die gleiche Zielgruppe ansprechen. Personen mit Berufserfahrung, die sich einen Umstieg vorstellen können. Wir als Arbeitsagentur wären dabei.« Aber dies ist noch Zukunftsmusik. (GEA)