REUTLINGEN. Kurz vor der Premiere des Reutlinger Weihnachtscircus haben am Freitagnachmittag rund zehn Tierschützer vor dem Zelt gegen Tiernummern im Programm protestiert. »Tiere raus aus der Manege« und »Kein Applaus für Tierquälerei« skandierten Aktivisten der Organisationen Peta und Act for Animals. Nach der Kritik an Elefanten im vergangenen Jahr richtet sich der Protest diesmal gegen Auftritte mit Hunden und Ziegen.
In der Hunde-Show von Josefine und Daniel Igen springen zehn Tibet-Terrier durch Reifen, laufen auf den Hinterbeinen oder rollen sich auf dem Boden. In einer zweiten Nummer zeigen neun afrikanische Zwergziegen Kunststücke: Sie springen auf den Rücken ihres Trainers, balancieren auf einer Rolle und fahren Karussell. Das Premierenpublikum spendete beiden Darbietungen großen Applaus.
Kreisveterinäramt hat nichts zu beanstanden
Konkrete Vorwürfe zu Dressurmethoden, Haltung oder Transport machen die Tierschützer den Igens nicht. Auch vor Ort ergibt sich der Eindruck, dass die Tierlehrer während der Show und auch hinter den Kulissen behutsam mit den Tieren umgehen.
Die grundsätzliche Kritik der Aktivisten bleibt dennoch: »Auch sogenannte Haustiere haben im Zirkus nichts verloren.« In einem fahrenden Betrieb sei artgerechte Haltung nicht möglich, erst recht nicht, wenn Tiere zu festen Zeiten Kunststücke vorführen müssten. »Dabei wird ihr freier Wille gebrochen.«
Tierlehrer Daniel Igen widerspricht. »Zumindest Kleintiere wie unsere lassen sich artgerecht im Zirkus halten – vorausgesetzt, sie haben ausreichend Platz.« Hinter den Kulissen zeigt er dem GEA die Gehege. Rund 60 Quadratmeter Auslauf stünden den Hunden und Ziegen zur Verfügung, dazu jeweils ein eigener Transportwagen als Rückzugsort. »Außerdem gehen wir zweimal täglich außerhalb des Geländes spazieren.« Die Nummern seien an das natürliche Verhalten der Tiere angepasst und kommen ohne spektakuläre Stunts aus. »Die Tricks haben sich die Tiere quasi selbst ausgesucht.« Igen, der mit seiner Ehefrau seit mehr als 20 Jahren auftritt, betont: »Das Wohl der Tiere steht für uns immer an erster Stelle.«
Am Donnerstag führte das Reutlinger Kreisveterinäramt eine unangekündigte Kontrolle beim Weihnachtscircus durch. Geprüft wurden Haltungsbedingungen, Unterbringung und das Verhalten der Tiere gegenüber ihren Haltern, erklärt Amtsleiter Dr. Thomas Buckenmaier. Beanstandungen gab es keine. Die Familie Igen legte zudem alle erforderlichen Genehmigungen nach Paragraf 11 des Tierschutzgesetzes sowie Sachkundenachweise vor. Buckenmaier weist jedoch darauf hin, dass Kontrollen stets »Momentaufnahmen« seien. »Was im stillen Kämmerlein passiert, wissen wir nicht.« Pauschale Aussagen über schlechte Tierhaltung im Zirkus hält er dennoch für unzulässig: »Es kommt immer auf den Einzelfall an.«
Weniger Tiernummern im Reutlinger Weihnachtscircus
Ungeachtet dessen fordern Peta und Act for Animals, der Reutlinger Weihnachtscircus solle dem Beispiel von Circus Roncalli folgen und künftig auf Tiernummern gänzlich verzichten. Roncalli sowie Cirque du Soleil oder Circus Flic Flac setzten seit Jahren erfolgreich auf rein menschliche Akrobatik. Zirkusbetreiber Michael Sperlich aus Gomaringen zeigt sich grundsätzlich offen: »Wir sind nicht abgeneigt, in Zukunft auf Tiere zu verzichten. Zwingen lassen wollen wir uns aber nicht.« Das habe er den Aktivisten auch vor Ort gesagt.
Tatsächlich sei die Zahl der Tiernummern im Vergleich zu früher bereits deutlich reduziert worden, betont Sperlich. Die engagierten Künstler würden sorgfältig geprüft – auch durch das Kreisveterinäramt, das der Zirkus nach eigenen Angaben bereits ein Jahr im Voraus einbezieht. »Das dient auch unserer eigenen Sicherheit.« Auch um Vorfälle wie jüngst in anderen Zirkussen zu vermeiden: Im Stuttgarter Weltweihnachtscircus soll ein Zauberer Tauben gequetscht haben, im Weihnachtscircus des Europa-Parks steht ein Dresseur im Verdacht, Hunde geschlagen zu haben.
Ganz von Kritik bleibt auch der Reutlinger Weihnachtscircus nicht verschont. Von Peta veröffentlichte Videos aus dem Vorjahr zeigen eine Katzen-Nummer, bei der Tiere ruckartig angefasst und teils am Schwanz gedreht wurden. Sperlich räumt ein: »Das mit dem Schwanz war nicht in Ordnung.« Den übrigen Umgang bezeichnet er als harmlos.
Auch im kommenden Jahr sollen wieder Tiernummern Teil des Programms im Reutlinger Weihnachtscircus sein – voraussichtlich mit Papageien und Pferden, kündigt Michael Sperlich an. Schon jetzt sei man dabei, die Künstler genau unter die Lupe zu nehmen. (GEA)

