REUTLINGEN-ROMMELSBACH. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Dieses Bonmot – es wird einem der Gründerväter der Sozialdemokratie, August Bebel, zugeschrieben – hat auch für Reutlingens drittgrößten Teilort Rommelsbach einige Relevanz. Etwa mit Blick auf die Frage, warum ausgerechnet dieser 6 000-Seelen-Flecken infrastrukturell so verflixt gut ausgestattet ist, während die meisten anderen Reutlinger Bezirksgemeinden diesbezüglich doch merklich schwächeln.
Keine rechte Festlaune
Die Antwort liegt – wo auch sonst? – in der Vergangenheit. Wobei niemand wirklich tief zu graben braucht, um sie ans Tageslicht zu befördern. Sind es doch gerade mal 46 Jahre, die den Suchenden der Gegenwart von der Lösung des Rätsels trennen – und ihn mittenmang hineinführen in eine Hochzeitsfeier, bei der keine rechte Festlaune aufkommen wollte. Denn die Braut trug Trauer und nach Vertragsunterzeichnung den Doppelnamen Reutlingen-Rommelsbach.
Wahrlich gute Partie
Zuvor hatte sie sich vehement gesträubt, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Emanzipiert war die Kommune Rommelsbach bislang durchs Leben spaziert, galt als begütert und mithin als wahrlich gute Partie. Doch jedwedes Selbstbewusstsein half ihr am Ende wenig: Mit der Eingemeindungsreform verlor der Flecken – er hatte eigentlich angestrebt, so etwas wie die Kapitale des Nordraums, namentlich für Altenburg, Sickenhausen, Oferdingen und Degerschlacht zu werden – am 1. Juli 1974 seine Eigenständigkeit; zu einem Zeitpunkt, da bis auf Mittelstadt alle heutigen Bezirksgemeinden bereits in Reutlingen integriert waren.
Statt Kapitale nun also Kapitulation. Jedoch keine kampflose. Denn Rommelsbach und sein damaliger Bürgermeister Hans Auer bäumten sich im Vorfeld der Eheschließung noch einmal auf und veranlassten unter anderem im Februar 1974 eine Bürgerabstimmung – nachdem der baden-württembergische Landtag den Flecken per Dekret zur Zwangsehe verdonnert hatte. Bis 1. Januar 1975, so lautete das Ultimatum aus Stuttgart, müssten auch die letzten aufmüpfigen Dörfer unter die Haube gebracht sein. Rommelsbach war eines davon.
Es zählte am Tag der Bürgerabstimmung 2 451 Einwohner. Die Volljährigen unter ihnen waren aufgefordert, ihr Votum pro beziehungsweise kontra Eingemeindung abzugeben. Doch was war das? Lediglich 23 Stimmberechtigte beteiligten sich am Urnengang.
»Als Affront«, kommentierte die Lokalpresse tags drauf, sei diese kollektive Verweigerung nicht zu werten. Gleichwohl roch das Ganze streng nach Boykott. Und Bürgermeister Auer nebst Gemeinderat wagte darob einen allerletzten Vorstoß: Er und eine Handvoll Delegierter sprachen in der Landeshauptstadt vor – und bissen bei Innenminister Karl Schieß auf Granit. »Beschluss ist Beschluss«, soll er der Rommelsbacher Abordnung mit auf den Nachhauseweg gegeben haben.

Fortan ging es in der Nordraumgemeinde also mehr oder minder um Schadensbegrenzung. Da die Eingliederung – mancher sprach frustriert von Einverleibung und Entrechtung – nicht zu verhindern war, sollte wenigstens größtmöglicher Nutzen für den Flecken rausgeschlagen werden. Hans Auer beraumte zu diesem Behufe am 15. März 1974 eine weitere Bürgerversammlung an – um letzte Fragen zu klären.
Im Beisein von Reutlingens Oberbürgermeister Manfred Oechsle ging es dem Schultes, wie im GEA nachzulesen war, vor allem darum, »aus einer Entwicklung, die wir sicher alle nicht wollten, das Beste zu machen«. Konkret: Würde sich Rommelsbach »gezwungenermaßen freiwillig« eingemeinden lassen, könnte es wenigstens den Ehevertrag für sich günstig beeinflussen.
Kümmerliche Resonanz
Ob solcherlei strategische Überlegungen etwas in den Köpfen der Bürger bewegt haben? Nicht wirklich. Denn ein eilends organisierter zweiter Urnengang stieß abermals auf kümmerliche Resonanz. Von 1 800 stimmberechtigten Rommelsbachern gaben nur 411 ihr Votum ab – 305 von ihnen sprachen sich letztlich für eine Zwangsehe aus, die denn auch vollzogen wurde. Pikantes Detail: Nicht Bürgermeister Hans Auer unterzeichnete den Vertrag, sondern sein Vize Alfred Haussmann. Der gelernte Bäcker Auer konnte sich nämlich nicht dazu durchringen, seinen Namen unter die Urkunde zu setzen. Ihm blutete das Herz. Und er zog persönliche Konsequenzen: Hans Auer legte sein, wie er es empfand, stark entwertetes Schultesamt nieder. 1981 wurde er übrigens Bürgermeister von Mössingen.
»Zuckerle« eingetütet
Vor seinem Abtritt hatte er jedoch tatsächlich einige »Zuckerle« für Rommelsbach eintüten können. Etwa den Bau des Bildungszentrums Nord, das 1978 auf Rommelsbacher Markung eingeweiht wurde. Zumal die Gemeinde seit Ende der Fünfziger mit Rasanz gewachsen war und absehbar weiterwachsen würde.
In den Ehevertrag aufgenommen wurde damals außerdem der Bau einer Schwimmhalle. Auf den Namen Schönrainbad hätte sie getauft werden sollen. Jedoch: Dieses Vorhaben verlief trotz intensiv betriebener Planung im Sande. Stattdessen bekam Rommelsbach seine Bibliothek – und seine Wittumhalle. Ein, wie man im Flecken rückblickend findet, hervorragender »Tausch«, der die Bedeutung des Teilorts im Nordraum weiter vergrößerte.
Weniger hervorragend: das Wohnquartier Mähder. An ihm »zahnt« manch’ betagter Einwohner bis heute. Nein, nicht weil der »Satellit« im Südwesten ein Eigenleben führen würde – die Integration Hunderter Neubürger, die seit den 1990ern hier eine Bleibe gefunden haben, ist nach anfänglichen Problemen längst gelungen –, sondern weil etliche Eingemeindungskritiker von damals bis heute Eingemeindungskritiker geblieben sind. Sie knabbern nach wie vor daran, dass die »Mitgift der Braut Rommelsbach« unverhältnismäßig üppig ausgefallen war.
Allein die Ländereien, auf denen »Mähder« aus dem Boden gestampft wurde, seien goldwert gewesen. Hätte Rommelsbach sie weiland an die GWG verkauft, heißt es, wäre genug Kapital vorhanden gewesen, um die örtliche Infrastruktur aus eigener Kraft zukunftsfit zu machen. (GEA)

