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Neuer CSD-Verein in Reutlingen: Welche Werte er vertritt und was er plant

In Reutlingen hat sich ein Christopher-Street-Day-Verein gegründet und wirbt für Toleranz und Vielfalt

Mitglieder der ersten Stunde: In Reutlingen wurde jetzt ein Christopher-Street-Day-Verein gegründet, der nicht nur fürs Foto Reg
Mitglieder der ersten Stunde: In Reutlingen wurde jetzt ein Christopher-Street-Day-Verein gegründet, der nicht nur fürs Foto Regenbogen-Flagge gegen Intoleranz, Hass, Hetze und Gewalt zeigt. FOTO: PRIVAT
Mitglieder der ersten Stunde: In Reutlingen wurde jetzt ein Christopher-Street-Day-Verein gegründet, der nicht nur fürs Foto Regenbogen-Flagge gegen Intoleranz, Hass, Hetze und Gewalt zeigt. FOTO: PRIVAT

REUTLINGEN. Bunt und lebensfroh, zuweilen schrill und im Kern trotzdem tiefernst: Wenn am 23. Juli in Berlin der Christopher-Street-Day (CSD) – sein eigentlicher Stichtag ist am 28. Juni – mit einer gigantischen Parade gefeiert wird und sich die Bundeshauptstadt in Regenbogenfarben hüllt, dann rücken Werte wie Toleranz, Selbstbestimmung und Freiheit in den Fokus, gehen Schwule, Lesben, Transsexuelle und Queere auf die Straße, um Vielfalt zu demonstrieren.

Auch in Stuttgart und anderen Großstädten wird es rund ums Gedenkdatum Veranstaltungen geben – mal in Form von Umzügen nebst Party, mal als gemütliche Hocketsen, aber immer mit der Botschaft zu l(i)eben und l(i)eben zu lassen sowie dem klar definierten Ziel, Zeichen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung zu setzen – und zwar durchweg friedlich und fröhlich. Wiewohl die Anfänge der CSD-Bewegung alles andere als das waren: nämlich gewalttätig und blutig.

Brutale Razzien

»Die Ursprünge«, sagt Maximilian Berg, »reichen ins Jahr 1969 zurück, als es im New Yorker Szenetreff ›Stonewall Inn‹ in der Christopher Street zu Tumulten kam.« Vorausgegangen waren den Ausschreitungen wiederholt brutale Razzien der Polizei, die in den frühen Morgenstunden des 28. Juni einmal mehr gegen Dragqueens und Transsexuelle, Schwule und Lesben vorgehen wollte.

Diesmal freilich stießen die Uniformierten auf erbitterten Widerstand, der sich zur Straßenschlacht ausweitete und etwas später dazu führte, dass sich mit dem »Christopher-Street-Liberation-Day-Committee« eine Interessengemeinschaft gründete, die seither gegen Homophobie und für Gleichberechtigung kämpft; die Flagge zeigt und längst in zahlreichen westlichen Demokratien Nachahmer gefunden hat.

Zehn Gründungsmitglieder

Neuerdings gibt es einen solchen CSD-Ableger auch in Reutlingen. Gegründet wurde der eingetragene Verein von Maximilian Berg und Sarah-Marie Süßmuth. Der Club zählt aktuell zehn Mitglieder und möchte künftig mit Straßenaktionen wie Kundgebungen und Umzügen sowie Info-Abenden auf sich und die Belange schwuler, lesbischer, transgender und queerer Menschen aufmerksam machen.

Denn auch, wenn sich seit 1969 in puncto sexuelle Selbstbestimmung viel zum Positiven gewendet hat, gibt es noch immer Vorbehalte gegen Frauen und Männer wie Süßmuth und Berg, die in ihrem noch jungen Leben – sie ist 24, er 22 Jahre alt – schon allerlei verletzende Seitenhiebe haben wegstecken müssen.

»Gemessen an Ländern, in denen auf Homosexualität die Todesstrafe steht oder in denen – wie in Polen – LGBTQ-freie Zonen (Anmerkung: die Großbuchstaben stehen für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, Queer) abgesteckt werden, geht es uns hier natürlich gut.« Wären da nicht all diese kleinen Nadelstiche, die in der Summe wehtun und deutlich machen, dass die Christopher-Street-Bewegung alles andere als ein alter Zopf ist: Auch 53 Jahre nach den New Yorker Straßenkämpfen, auch in Deutschland, wo es übrigens noch gar nicht allzu lange her ist, dass der mehr als hundert Jahre im Strafgesetzbuch verankerte »Schwulen«-Paragraf 175 abgeschafft wurde. Dieser hatte bis 1994 die staatliche Verfolgung »widerrechtlicher Unzucht« legitimiert und Homosexuelle kriminalisiert.

Was in den Köpfen mancher Zeitgenossen offenbar bis heute nachwirkt, wie die beiden Reutlinger CSD-Vereinsgründer aus persönlicher Betroffenheit wissen. Oft genug wurden und werden sie mit verbalen Geschmacklosigkeiten konfrontiert, die deutlich unter die Gürtellinie zielen, an dieser Stelle jedoch ganz bewusst nicht wiederholt und presseöffentlich breitgetreten sein sollen.

Gegen Hass und Hetze

Gleichwohl waren sie es, die – neben einem beglückenden, impulsgebenden Schlüsselerlebnis – entscheidenden Anteil an der Vereinsgründung hatten. Denn gäbe es keinen Hass und keine Hetze, keine Berührungsängste und keine Diskriminierung, dann gäbe es im Umkehrschluss auch keine Regenbogen-Initiative. Die wäre in diesem Falle schlichtweg überflüssig.

 Und der positive Funke, der für Süßmuth und Berg zur Initialzündung wurde? Der sprang auf die beiden Reutlinger im vergangenen Jahr bei der Berliner Pride-Parade über. »Wir haben Urlaub gemacht und sind zufällig in den Straßenumzug reingeraten. Es war ganz große Klasse!«

Regelrecht überwältigt waren die 24-Jährige und der 22-Jährige von einer der größten und gleichzeitig fröhlichsten Demonstrationen für die Rechte von LGBTIQs und sagten sich: »So etwas, zumindest etwas ähnliches muss es in Reutlingen auch geben.«

Vielleicht sogar schon 2023. Auf einen verbindlichen Termin möchte sich der CSD-Verein heute aber noch nicht festlegen. Bedürfen derlei Veranstaltungen doch einiger organisatorische Kraftanstrengung. »Hinzu kommen außerdem coronabedingte Unwägbarkeiten. Wir lassen das mal auf uns zukommen.«

Ebenso wie die Frage nach einer festen Club-Location. Eine solche gibt es jetzt, kurz nach dem Eintrag ins Vereinsregister noch nicht. »Momentan treffen wir uns nach Absprache an wechselnden öffentlichen Plätzen.« Das Nepomuk, die Alte Bank und der Pappelgarten sind solche Come-Together-Orte.

Deshalb wird, wer Kontakt zum Reutlinger CSD aufnehmen will, gebeten, sich via Instagram, Facebook oder per E-Mail zu melden. Wobei sich die Gruppe ausdrücklich über jede und jeden freut, der ihre Ideale und Ziele teilt. Ob mit oder ohne Behinderung, ob alt oder jung, dick oder dünn, ob hetero oder anders – Sarah-Marie Süßmuth, Maximilian Berg und die übrigen Reutlinger CSD’lern sind »für alle offen, die offen sind«. (GEA)

 

csd-reutlingen@web.de