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Neue Möbel braucht das neue Reutlinger Landratsamt

Die Lieferung und Montage von Hunderten Stühlen und Tischen sowie anderem Inventar für das neue Landratsamt Reutlingen wurde europaweit ausgeschrieben. Worauf es beim Verfahren ankam und wie viel die Möblierung kostet.

Hauptamtsleiterin Silvia Kovacevic und ihr Team beschäftigt die Möblierung des neuen Landratsamtes heftig.
Hauptamtsleiterin Silvia Kovacevic und ihr Team beschäftigt die Möblierung des neuen Landratsamtes heftig. Foto: Stephan Zenke
Hauptamtsleiterin Silvia Kovacevic und ihr Team beschäftigt die Möblierung des neuen Landratsamtes heftig.
Foto: Stephan Zenke

REUTLINGEN. Weder locker vom Hocker noch hektisch über den Ecktisch ist das Verfahren zur Lieferung und Montage von Möbeln für den Neubau des Reutlinger Landratsamtes abgelaufen. Monatelang sind Fachfrauen und Fachmänner zwischen und auf den Stühlen gesessen, haben sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Was der Kreistag jetzt gebilligt hat, ist ein großes Projekt. Nicht nur, weil es um eine Gesamtinvestition von mehr als 2,9 Millionen Euro geht. Sondern: Wie man sitzt, so arbeitet oder wartet man auch.

Hauptamtsleiterin Silvia Kovacevic und ihr Team beschäftigt die Möblierung des neuen Landratsamtes stark.
Hauptamtsleiterin Silvia Kovacevic und ihr Team beschäftigt die Möblierung des neuen Landratsamtes stark. Foto: Stephan Zenke
Hauptamtsleiterin Silvia Kovacevic und ihr Team beschäftigt die Möblierung des neuen Landratsamtes stark.
Foto: Stephan Zenke

In der ersten Reihe des Vergabeverfahrens sitzt mit Silvia Kovacevic die Leiterin des Hauptamtes. »Wir haben eine zweistufige europaweite Ausschreibung gehabt«, beschreibt sie das Vorgehen. Zunächst wurde ein Leistungsverzeichnis erstellt. In etwa so, wie ein Einkaufswunschzettel, aber angesichts der gesetzlichen Vorschriften für Büroarbeitsplätze der öffentlichen Hand erheblich umfangreicher. Nur ein Laie würde beim Thema Stuhl lediglich an eine Sitzfläche mit Lehne und Beinen denken. »Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer«, sagte schon der berühmte Architekt Mies van der Rohe.

»Drehstühle mit Progressiv Motion Modul«

Die amtlichen Anforderungen für Drehstühle passen gerade so auf zwei Seiten Schreibmaschinenpapier. An erster Stelle steht geschrieben, »der Stuhl muss sich für Personengewichte von 45 bis 150 Kilogramm eignen«. Außerdem bedarf es einer Synchronmechanik mit manueller Gewichtseinstellung, die eine Sitzneigung bis 10 Grad nach hinten ermöglicht, während die Rückenlehne um 23 Grad nach hinten neigbar sein muss. Allein der Lehne selbst sind vier Absätze gewidmet. Immer wieder tauchen neue Worte auf: »Die Drehstühle müssen mit einem Progressiv Motion Modul ausgestattet sein, welches eine dreidimensionale Bewegung der Rückenlehne zulässt«.

Im Herbst 2026 soll das neue Landratsamt eingeweiht werden.
Im Herbst 2026 soll das neue Landratsamt eingeweiht werden. Foto: Stephan Zenke
Im Herbst 2026 soll das neue Landratsamt eingeweiht werden.
Foto: Stephan Zenke

Wer bei der für Herbst 2026 geplanten Eröffnung des Landratsamtes von den rund 1.000 Mitarbeitern aus ehemals 27 Standorten dann im neuen Gebäude an den Hebeln der behördlichen Macht, auch Bürgerservice genannt, sitzt - der soll dies auf einem »ergonomisch geformten Sitz mit Sitzmulde und abgerundeter Vorderkante, Sitzschale aus schwarz durchgefärbtem Polyamid, Sitzpolster aus Polyurethan, FCKW-frei geschäumt« tun können. Man kommt aus dem Staunen über die lange Liste von zu erfüllenden DIN-Normen, Qualitätszertifikaten und Nachhaltigkeits-Checks kaum heraus.

Noch beeindruckender sind freilich jene Zahlen, die Hauptamtsleiterin Kovacevic für einen Teil der Möblierung nennt. Es geht um 655 höhenverstellbare Schreibtische, 767 Akustikpaneele als Elemente zwischen Tischen, 749 jeweils »zwei Ordnerhöhen« messende Schränke mit Schiebetüren sowie 1.040 Bürostühle und 1.255 normale Stühle etwa für die Wartebereiche oder Gesprächsecken des Amtes. Wobei dieses Mobiliar nicht nur geliefert, sondern auch gleich nach Plan aufgestellt werden muss. Ganz klar ist das ein Fall für Spezialisten.

Die Ausschreibungsunterlagen veröffentlichte der Landkreis präzise am 26. August dieses Jahres auf der dafür vorgesehenen europäischen Plattform im Internet. Papier ist von gestern, alles läuft voll digital. »Beworben haben sich unterschiedliche Unternehmen. Das sind die großen Player am Markt. Die kommen, liefern und stellen auf«, sagt Kovacevic. Die Angebotsfrist endete am 25. September um 12 Uhr mit zehn Angeboten. In der ersten Stufe der Bewertung ging es neben korrekten Inhalten auch um Preise und Gewährleistung, »der Landkreis verlangt drei Jahre«. Somit blieben sechs Bieter in der zweiten Runde übrig.

»Wir streiten für das bessere Büro«

»Die sechs Bieter wurden aufgefordert, die von ihnen angebotenen Möblierungsgegenstände sowie Musterstücke für die Teststellung einzusenden«, beschreibt die Entscheidungsvorlage für den Kreistag das weitere Vorgehen. Schließlich kam es am 6. November von 14 bis 16 Uhr zu einer streng geheimen Bemusterung im großen Sitzungssaal des alten Landratsamtes.

Zuschlagskriterien waren Preis, Gewährleistungszeitraum und Qualität. Das Rennen machte die Firma Streit Service & Solutions aus Gengenbach, die für sich selbst mit einem Wortspiel wirbt: »Wir streiten für das bessere Büro«. Der Zuschlag wird aufgrund einer Wartefrist von 10 Tagen allerdings frühestens am 7. Januar 2026 erfolgen.

Die Anstrengungen des Verfahrens haben bei Hauptamtsleiterin Kovacevic Spuren hinterlassen, gibt sie lächelnd zu: »Wenn ich irgendwo in ein Gebäude laufe, habe ich einen geschärften Blick aufs Mobiliar. Ich nehme es viel bewusster wahr. Ich habe auch schon mal einen Stuhl umgedreht oder bin unter einen Tisch gekrochen, um den Hersteller herauszufinden«. (GEA)