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Netzwerk Kultur: Reutlingens unfreiwillige »Nomaden« suchen feste Bleibe

Seit das Reutlinger Netzwerk Kultur im Jahr 2007 an den Start ging, verfügt es über keine feste Bleibe. Von einem Provisorium ins nächste ist der Verein nomadengleich umgezogen. Zuletzt hatte er - dank ZIZ-Fördermitteln - Unterschlupf in der Metzgerstraße gefunden. Doch jetzt ist er einmal mehr obdachlos.

In Ermangelung eines Vereinsraums sitzt der Vorsitzende des Netzwerks Kultur, Gerhard Loew, beim Pressegespräch im VHS-Bistro. D
In Ermangelung eines Vereinsraums sitzt der Vorsitzende des Netzwerks Kultur, Gerhard Loew, beim Pressegespräch im VHS-Bistro. Die Hoffnung auf ein eigenes Domizil haben er und die übrigen Vereinsmitglieder indes noch nicht aufgegeben. Foto: Frank Pieth
In Ermangelung eines Vereinsraums sitzt der Vorsitzende des Netzwerks Kultur, Gerhard Loew, beim Pressegespräch im VHS-Bistro. Die Hoffnung auf ein eigenes Domizil haben er und die übrigen Vereinsmitglieder indes noch nicht aufgegeben.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Und schon wieder heißt es fürs Reutlinger Netzwerk Kultur: zurück auf die Straße. Denn nachdem die Fördermittel des ZIZ-Programms kürzlich ausgelaufen sind, steht der Verein einmal mehr obdachlos da und hofft darauf, irgendwo zu kleinem beziehungsweise keinem Mietzins eine dauerhafte Bleibe zu finden; eine feste Adresse, die der 40 Mitglieder starke Zirkel seit seiner Gründung im Jahr 2007 noch niemals hatte. Waren es doch immer bloß Unterkünfte auf Zeit, mit denen sich das Netzwerk bescheiden musste.

Streng genommen ist die Gruppe um ihren Vorsitzenden Gerhard Loew eine kulturbegeisterte Nomaden-Sippe, die mal hier, mal da Unterschlupf findet oder - wie dies aktuell der Fall ist - gänzlich ohne Quartier dasteht. Was die Vereinsarbeit nicht eben einfach macht. »Es wäre hilfreich, wenn wir einen Versammlungsort mit Lagermöglichkeit hätten«, sagt Loew. Riesig müsse ein solches Domizil nicht sein. Aber doch groß genug, um zum Beispiel auch die eine oder andere Ausstellung anbieten zu können. So zu hören beim Runden Tisch Kultur, in dessen Rahmen jüngst über die Zukunft des Netzwerks und seiner Aktivitäten diskutiert wurde.

»Es wäre hilfreich, wenn wir einen Versammlungsort mit Lagermöglichkeit hätten«

Ganz oben auf der Agenda: die unfreiwillige Nichtsesshaftigkeit des Vereins, die sich bis heute wie ein roter Faden durch seine nunmehr 18-jährige Geschichte zieht. Und das, obschon anno 2020 alles geritzt schien. Oberbürgermeister Thomas Keck und Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger hatten dem Netzwerk damals einen Sitz in der alten Paketpost in Aussicht gestellt. Jedoch: Daraus wurde nichts - weil es Probleme mit der Stromversorgung und dem unzureichenden Brandschutz gab. Zwei Knockout-Kriterien, die offenbar keinen Widerspruch duldeten. »Unsere Argumente«, so Loew, »gingen jedenfalls unter.« Der Traum vom eigenen Vereinsraum indes nicht.

Selbst dann nicht, als sich alternative Zwischennutzungspläne im Galeria-Kaufhof-Gebäude zerschlugen und Reutlingens Kultur-Netzwerker erst in der Wilhelmstraße 109, dann in der Metzgerstraße 59 als Pop-up-Mieter Einzug hielten, um dortselbst das Fähnchen der regionalen Kultur hochzuhalten und nach längerer Pause die zehnte Auflage der Kulturnacht vorzubereiten.

»Wir warten mit Spannung auf die Einbringung des nächsten Haushalts«

Diese ging am 27. September als Low-Budget-Event über die Bühne: in abgespeckter Form, aber trotzdem erfolgreich, wie Gerhard Loew findet. Wiewohl ihm im Nachgang zum Veranstaltungs-Potpourri durchaus auch kritische Stimmen zu Ohren kamen, die den Ticketpreis von 18 Euro fürs Gebotene als ziemlich hoch angesetzt monierten. Klagen, die der 75-Jährige indes nur bedingt nachvollziehen kann. Hatte das Netzwerk unter anderem mit Reutlinger Tonne- und Tübinger Improtheater, mit orgelbegleitetem Stummfilm-Vorführungen in der Marienkirche und Krimilesungen im Amtsgericht doch allerhand Hochkarätiges im Angebot.

Vor dem Hintergrund eines geschrumpften Etats, gibt es aus Sicht von Gerhard Loew deshalb eigentlich nichts zu meckern oder zu mäkeln. Umso weniger, als es dem Netzwerk Kultur gelungen ist, dank Ticketverkauf - etwa 2.500 Karten konnten an zahlende Kulturgänger gebracht werden - nebst flankierendem Sponsoring eine Schwarze Null zu erwirtschaften.

Zum Vergleich: Im Jahr 2019 war die Kulturnacht von der Stadt noch mit 38.000 Euro bezuschusst worden, diesmal gab es nur noch 20.000 Euro. Und ob künftig überhaupt noch kommunale Finanzspritzen fürs Großevent drin sind - das steht Stand heute in den Sternen. »Deswegen warten wir mit Spannung auf die Einbringung des nächsten Doppelhaushalts«, sagt Loew. Ist die Etat- fürs Netzwerk Kultur doch eine Schicksalsfrage. Denn gänzlich ohne Moos ist auch auf dem Kultursektor nix los. Selbst dann, wenn Literaten, Künstler, Musiker und Schauspieler für wenig mehr als ein »Vergelt's Gott« auftreten. (GEA)