REUTLINGEN. Sabine Schwaigerer ist ein »Glücksfall«. Darin sind sich Rektor, Kollegium, Schüler- und Elternschaft der Eduard-Spranger-Grund- und Gemeinschaftsschule (ESS) einig. Mehr noch: Auch Vertreter des Reutlinger Gesundheitsamts plichten dem Lob bei. Denn obschon Schwaigerer erst seit einem starken Jahr den Bildungsalltag an der Paul-Pfizer-Straße begleitet, hat sie sich längst unentbehrlich gemacht. »Wir wollen sie nie mehr hergeben«, heißt es unisono - weil die ausgebildete Familien- und Kinderkrankenpflegerin, die sich in der »Spranger« als sogenannte Schulgesundheitsfachkraft engagiert, nicht nur erste Hilfe leistend, sondern auch unterstützend, beratend, organisierend und damit entlastend tätig ist.
Beim Pressegespräch guckt der »Glücksfall« fast schon etwas verschämt in die Runde. Dass an diesem Mittag derart viel Gewese um Sabine Schwaigerers Person gemacht wird, ist ihr offensichtlich eher unangenehm. Im Rampenlicht - so viel wird spürbar - steht die verheiratete Mutter zweier Kinder nicht so gerne. Aber: Was muss, das muss. Umso mehr, als die Frau mit dem gewinnenden Lächeln eine Pionierin ist. Gibt es doch kreisweit keine vergleichbare Gesundheitsexpertin in schulischen Diensten.
Ein Novum für Baden-Württemberg
Mithin ist es ein Versuchsballon, den der Landkreis als Geldgeber an der Eduard-Spranger-Schule steigen lässt. »Ein Sprung ins kalte Wasser«, »Neuland«, wie die beiden Projektbegleiter Frank Havlicek und Claudia Hilberath vom Kreisgesundheitsamt sagen. Denn der Beruf »Schulgesundheitsfachkraft« ist in Baden-Württemberg ein absolutes Novum. Neben der Achalmstadt gibt es lediglich in Stuttgart Bildungsstätten, die sich Gesundheitsexpertise stationär ins Haus holen durften. Mit ihnen, so ist zu hören, steht Schwaigerer in engem Austausch. Fortbildungen inklusive. Weshalb Reutlingen von Praxiserfahrungen aus der Landeshauptstadt profitieren kann, wo Fachkräfte bereits 2021 an den Start gegangen sind. Und zwar mit Erfolg.
Nicht minder erfolgreich: Schwaigerers Einsatz an der aktuell knapp 700 Schüler zählenden ESS. »Sehr gut«, zieht Schulleiter Stefan Hochgreve eine Zwischenbilanz, »werden die Angebote angenommen«. Was insbesondere für die vormittäglichen Akutsprechstunden gilt. Sie wurden binnen der zurückliegenden zwölf Monate von 1.250 Kindern und Jugendlichen beansprucht - überwiegend wegen Bauchschmerzen und Übelkeit, kleinerer Verletzungen, Kopfweh und derlei Malaisen mehr.
Dem Gros der Hilfesuchenden - nämlich 76 Prozent - konnte übrigens sofort geholfen werden: ohne die Eltern alarmieren, die Kränkelnden nach Hause schicken und somit Unterrichtsausfälle in Kauf nehmen zu müssen. Sind es doch meist rasch behebbare Wehwehchen, die die erfahrene Familien- und Kinderkrankenpflegerin versorgt. Etwa, weil Kids und Teens zu wenig getrunken oder gegessen haben. In solchen Fällen - das ist logisch - kann's einem schon mal schwummerig werden.
Ohne Frühstück und Vesper in den Unterricht
Wiewohl solche Fälle längst keine Ausnahmen mehr sind. Viele Schüler, wissen Hochgreve und Schwaigerer, kommen heutzutage »ohne Frühstück und Vesper« in die Schule: weil es morgens husch-husch gehen muss. Hinzu kommt, dass »die Gesundheitskompetenz« von Kindern und Eltern gesunken ist. Manchen ist die Bedeutung regelmäßiger Mahlzeiten und deren Einfluss auf Blutzuckerspiegel und Konzentrationsfähigkeit gar nicht mehr bewusst. Überhaupt werde weniger auf die Signale des eigenen Körpers gehört, und wenn doch, dann hapere es daran, diese korrekt zu deuten.
Deshalb tut Aufklärung not. Und deshalb greift Sabine Schwaigerer an dieser Stelle informierend ein. Nebenbei und zwischendurch organisiert sie Themenabende mit Gesundheitsexperten und führt Einzelgespräche mit Vätern und Müttern. Beispielsweise dann, wenn Schüler an chronischen Erkrankungen leiden, an Adipositas oder Diabetes. Auch Allergien sind Thema. Weshalb im »Gesundheitszimmer« der Fachfrau und in Absprache mit den Erziehungsberechtigten auch individuelle Notfallmedikamente unter Verschluss gehalten werden - in Reichweite, für den Worst Case.
Präventive »Visiten« im Klassenzimmer
Außerdem stehen präventive Klassenzimmerbesuche auf Schwaigerers Programm. Im Rahmen solcher »Visiten« geht es unter anderem um Zahnpflege und generelle Hygiene, um Ernährung und Stressbewältigung. Derweil in Kooperation mit dem Ringelbach-Quartiersprojekt »Hallo Nachbarn« jüngst ein Reanimationstraining angeboten wurde und immer mal wieder kostenlose »gesunde Schulfrühstücke« serviert werden.
Mithin ist es ein weites Feld, das von Sabine Schwaigerer bestellt wird. Indes: Wie lange sie es kultivieren darf, steht in den Sternen. Ist ihr Testlauf doch auf zwei Jahre befristet. So lange nämlich reicht die finanzielle Förderung ihrer 50-Prozent-Stelle durch den Landkreis, der fürs Reutlinger Pilotprojekt rund 45.000 Euro lockergemacht hat. Und danach? Das ist schwer zu sagen. »Wir hoffen sehr, dass es weiter geht«, sagt Frank Havlicek vom Gesundheitsamt. Denn für ihn gibt es diesbezüglich kein Vertun: »Das erste Jahr hat gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.« (GEA)

