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Aktuell Abschied

Mesner-Urgestein der Reutlinger Marienkirche hört auf

22 Jahre lang hat Götz Wellhäuser-Frank Reutlingens Hauptkirche in Schuss gehalten. Dabei war er mehr als nur ein Hausmeister mit liturgischer Funktion, sondern auch Selfmade-Seelsorger. Erinnerungen eines populären Innenstadt-Mesners.

Geht nach 22 Jahren als Mesner der Marienkirche in den Ruhestand: Götz Wellhäuser-Frank.
Geht nach 22 Jahren als Mesner der Marienkirche in den Ruhestand: Götz Wellhäuser-Frank. Foto: Frank Pieth
Geht nach 22 Jahren als Mesner der Marienkirche in den Ruhestand: Götz Wellhäuser-Frank.
Foto: Frank Pieth

REUTLINGEN. Götz Wellhäuser-Frank geht, seine Popularität bleibt. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, für die der gebürtige Reutlinger binnen der zurückliegenden 22 Jahre tätig war: als Mesner im Dienste der Marienkirchengemeinde. Wobei der verheiratete Vater zweier erwachsener Töchter weit mehr geleistet hat, als sein Vertrag vorsah. War er doch nicht »nur« Hausmeister mit liturgischer Funktion, sondern von Anbeginn auch Selfmade-Seelsorger - immer dann, wenn Menschen mit ihren Kümmernissen ins Gotteshaus kamen, weil sie einfach jemanden zum reden brauchten.

Hier konnten sie darauf vertrauen, nicht schnöde abgewiesen zu werden. Zumal mit Wellhäuser-Frank quasi vom ersten Arbeitstag buchstäblich mehr Offenheit denn je in den Sakralbau Einzug gehalten hatte. Er nämlich machte sich für eine buchstäblich aufgeschlossene Kirche stark. Schon allein wegen der Innenstadtlage des gotischen Gemäuers, das in Reutlingen zu den bedeutendsten touristischen Attraktionen zählt.

»Uns allen viel ein Stein vom Herzen, dass es friedlich geblieben ist«

Einzig montags, so die inzwischen bewährte Praxis, bleiben die Portale fürs Publikum geschlossen. An allen anderen Tagen ist zwangloses Kommen und Gehen erwünscht. Was, wie Wellhäuser-Frank betont, vor allem deshalb möglich ist, weil die Gemeinde über einen höchst engagierten Ehrenämtlerpool verfügt. Ob Turm- oder Präsenzdienst, Ticketkontrolle oder Bühnenaufbau bei Konzerten oder, oder, oder - nach helfenden Händen braucht man in der Marienkirche nicht lange zu suchen. Die nämlich sind ganz selbstverständlich da.

Anders als Götz Wellhäuser-Frank, der zunächst alles andere als selbstverständlich da war. Denn dass er einmal seine Brötchen als Mesner verdienen würde, damit hätte er in jüngeren Jahren kaum gerechnet. Qua Neigung und Talent wollte er nach dem Abitur nämlich ein Musikstudium aufnehmen, träumte von einer Karriere als Profi-Geiger. Doch daraus wurde nichts. Erwies sich die Aufnahmeprüfung an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Bildende Kunst doch als ziemlich hohe Hürde. Sie sogleich im ersten Anlauf zu nehmen, gelang dem heute 66-Jährigen nicht. Weshalb ein Plan B her musste: ein Studium im Bereich des Bauwesens mit Schwerpunkt Stadtarchitektur.

Es folgten Examen, Berufseinstieg, Hochzeit, Familiengründung und diverse Städtebau-Projekte - und dann, um die Jahrtausendwende herum: die bundesweite Baukrise mit zahlreichen Insolvenzen und Stellenstreichungen. Unter den Betroffenen: Götz Wellhäuser-Frank, der damals seinen Job verlor. Doch nun, was tun? Antwort: Einen Plan C schmieden.

»Mit offenen Armen bin ich damals empfangen worden«

Während der Reutlinger noch mit dem Gedanken spielte, sich selbstständig zu machen, sprang ihm plötzlich eine Stellenanzeige der Marienkirchengemeinde ins Auge. Gesucht wurde ein Mesner in Vollzeit. Und Wellhäuser-Frank fackelte nicht lange. Obschon Akademiker, erschien dem Familienvater der Posten wie ein Wink des Schicksals. Und am 1. April 2003 trat Wellhäuser-Frank seinen Dienst an.

»Mit offenen Armen«, erinnert er sich, »bin ich empfangen worden«. Nicht zuletzt seitens des Kirchengemeinderats und der ehrenamtlichen Helfer. Das habe ihm den Quereinstieg in eine neue Berufswelt sehr erleichtert. Wiewohl, das merkte der frischgebackene Mesner rasch, seine persönlichen Vorstellungen vom Arbeitsalltag eines Kirchen-Hausmeisters nicht unbedingt mit den realen Bedingungen korrespondierten. Beispiel: Müll.

Was diesen betrifft, war und ist Götz Wellhäuser-Frank bass erstaunt, dass es nicht wenige Menschen sind, die den Respekt vor sakralen Räumen verloren haben. Etliche Touristen, aber auch Gottesdienst- und Konzertgänger pfeifen nämlich auf Ordnung und Sauberkeit. Sie marschieren mit Fast Food und To-go-Getränken durchs Kirchenschiff, kleckern und verläppern, lassen zerknüllte Servietten, Bonbon-Papierchen oder leer gefutterte Verpackungen achtlos fallen und bäbben sogar Kaugummis unter Bänke und Stühle. »Wenn ich das bemerke, schreite ich ein.« Dann gibt es einen verdienten Rüffel.

Obschon mangelnder Benimm das eine, (klein)kriminelle Machenschaften etwas anderes sind. Auch sie kommen vor. So wurden in der Ära Wellhäuser-Frank schon mehrfach Opferstöcke geplündert. Immer mal wieder verschwinden außerdem Handtaschen auf Nimmerwiedersehen, wird im Kircheninnern aggressiv gebettelt, mitunter auch unter Drogen- oder Alkoholeinfluss randaliert. »Wir sind halt eine Innenstadtkirche und kein Idyll auf dem Lande«, kommentiert Wellhäuser-Frank derlei Vorfälle. Sich darob zu verbarrikadieren, wäre seines Erachtens allerdings keine Lösung. Denn das hieße doch all jene mit auszusperren, die sich tadellos benehmen, innere Einkehr halten oder einfach bloß ein wenig zur Ruhe kommen wollen.

»Wenn ich so etwas bemerke, dann schreite ich ein«

Gastfrei, so wünscht sich Götz Wellhäuser-Frank die Marienkirche. Dafür hat er in der Vergangenheit einige Unannehmlichkeiten in Kauf genommen. Überhaupt hat es in mehr als zwei Dekaden Mesner-Dienst ziemlich oft, ziemlich intensiv gemenschelt. Was das betrifft, sind Götz Wellhäuser-Frank - neben zahllosen Kinkerlitzchen - vor allem zwei Kuriositäten lebhaft in Erinnerung geblieben: ein überdurchschnittlich bibelfester Mann und eine Hochzeit.

Ersterer war so etwas wie ein kauziges Original. Von Beruf Diplom-Physiker, setzte sich der Zeitgenosse bei Gottesdiensten konsequent unter die Kanzel. »Von dort kommentierte er dann die Predigten.« Manchmal leise, manchmal laut. Seltener sehr laut. Seine Mission: Mit Pfarrerin oder Pfarrer zu diskutieren. Etwa mit dem ehemaligen Prälaten Dr. Christian Rose, dem er bei seiner Antrittsrede zu verstehen gab, dass »des fei anders in der Bibel steht«. Auch der damalige Dekan Dr. Jürgen Mohr wurde dem belesenen Bruddler zur Zielscheibe. »Einmal hat der Mann ihn beim Abendmahl weggeschubst, den Kelch an sich genommen und auf Ex ausgetrunken.« Tja, das hatte Konsequenzen. Fortan durfte das kauzige Original nur noch in Begleitung an Gottesdiensten teilnehmen. Hausverbot wurde ihm indes niemals erteilt.

Hausverbot gab’s auch keines für die Hells Angels, die im Juni 2012 zu Hunderten in die Marienkirche strömten. Nicht alle hatten das zuvor von Dekan Jürgen Mohr verhängte »Kutten-Verbot« beherzigt, und zwei Höllenengel gaben am Haupteingang die Türsteher. Allerdings nicht lange. Mohr griff ein und rigoros durch. Die tätowierten Muskelprotze zogen ab, die gut durchgeprobte Trauzeremonie konnte beginnen.

»Ich fühle mich noch nicht ausrangiert«

Übrigens ohne weitere Zwischenfälle. Pfarrer Andreas Bihl navigierte den Reutlinger Hells-Angels-Präsidenten und seine Lebensgefährtin in den Hafen der Ehe. »Uns allen fiel ein Stein vom Herzen, dass es friedlich geblieben ist, dass es, wie vom Brautpaar versprochen, zu keinen Konflikten zwischen konkurrierenden Rockervereinigungen gekommen ist«, entsinnt sich Götz Wellhäuser-Frank. »Die Abmachungen wurden erfüllt.«

Dass der Reutlinger Chapter-Boss wenig später in den Knast wanderte - für die Presse war's keine Überraschung. Und dass der in den Marienkirche geschlossene Lebensbund nicht von Dauer war? Auch das verblüffte kaum.

Ebenfalls nicht von Dauer: Die Thomas-Messen »für Zweifler und andere gute Christen«, die von Götz Wellhäuser-Frank sehr geschätzt wurden. Zwar waren sie für ihn als Mesner mit Zusatzaufwand verbunden. Den scheute der Reutlinger, der für eine demokratische Kirche steht, aber ganz und gar nicht. »Das bunte Publikum« war ganz nach seinem Geschmack. »Ökumene«, sagt er, der Kirche im Sinne des griechischen Wortes Ekklesia (Volksversammlung) begreift, »liegt mir am Herzen«. Ebenso wie schöne, anspruchsvolle Konzerte.

Dass solche in der Marienkirche erklangen, war für Götz Wellhäuser-Frank eine angenehme (Gratis-)Dreingabe seiner Mesner-Tätigkeit. Sich selbst hat er musikalisch indes nie eingebracht: weder im Chor, noch in einem Instrumental-Ensemble. »Dazu hätte ich gar nicht die Zeit gehabt.«

Nun, in Bälde hat er sie. Denn zum 31. Dezember - um seinen Nachfolger Marko Mikulec einzuarbeiten, ist Wellhäuser-Frank noch ein bissle in Verlängerung gegangen - beginnt der Ruhestand. Wie’s dann weitergeht?

Auf alle Fälle mit mehr Geigenspiel. Gerne auch mit einem Minijob, um die Rente etwas aufzupeppen und Struktur in den Alltags zu bringen. »Ich fühle mich noch nicht ausrangiert«, bekennt der scheidende Marienkirchen-Mesner. Auf ihn wird - »wenn die Gesundheit mitspielt« - der Lehnsessel noch eine ganze Weile warten müssen. (GEA)