REUTLINGEN-BETZINGEN. Forellen sind Kampfschwimmer. Aber das schafft selbst das sportlichste Exemplar der Gattung nicht: In der Echaz tut sich auf Höhe der Betzinger Kläranlage ein zwei Meter hoher Beton-Wehrrest auf, der als Wasserfall für die Gewässer-Bewohner zur unüberwindbaren Hürde wird. Eine EU-Richtlinie sorgt dafür, dass sie bald freie Bahn auf ihrem Weg zu den Laichgebieten im Echaz-Quellbereich haben: Sie verpflichtet die Stadt, die Echaz bis spätestens 2027 durchgängig für alle Lebewesen zu machen, die sich im Bach tummeln. Der Abbruch der Mauer samt Begleitmaßnahmen, dem der Bezirksgemeinderat Betzingen in seiner jüngsten Sitzung zugestimmt hat, startet im Juni und dauert bis Oktober. Die Fische freut’s, die Nutzer des Radwegs entlang der Bahnlinie nicht unbedingt. Denn der muss gesperrt werden, die Umleitung führt in großem Schlenker über Wannweil Richtung Industriegebiet Mark-West – alles andere als eine Direktverbindung nach Reutlingen.
Pflichtaufgabe für Kommunen
Die EU-Wasserrahmenrichtlinie zielt auf die ökologische Verbesserung der Gewässer ab, zu der neben anderen Vorgaben die Herstellung der »aquatischen und terrestrischen Durchgängigkeit« gehört. Eine Pflichtaufgabe für die Kommunen, die von der Stadt jetzt in Angriff genommen wird. Im Bereich des alten Betzinger Wehrs hätte sie ohnehin aktiv werden müssen, weil am Ufer durch Hochwasser Boden weggespült wurde. Das könnte für den angrenzenden Radweg gefährlich werden und zwingt die Stadt, eine Ufermauer zu bauen.
Beide Maßnahmen sollen jetzt in einem Aufwasch erledigt werden. Die Gelegenheit ist günstig, denn das Projekt »Naturnaher Ausbau Echaz-Stoll-Areal« kommt nicht so schnell voran wie geplant, so dass die dafür im Wirtschaftsplan der Stadtentwässerung Reutlingen (SER) eingestellten Mittel frei sind und für die Betzinger Baustelle verwendet werden können. Die Kosten für den Abbruch der Wehranlage samt Ausweitung der Bachsohle um 200 Meter sowie den Bau von Fischtreppen belaufen sich auf 950.000 Euro, 85 Prozent werden vom Land bezuschusst. Die Fördermittel in Höhe von 695 .000 Euro hat die Stadt beantragt, das wird noch vom Regierungspräsidium Tübingen geprüft. Mit einem Bescheid rechnet die SER im Mai, mit der wasserrechtlichen Genehmigung durch das Landratsamt im Dezember. Geben beide Behörden grünes Licht, kann nach der Fischschonzeit ab Juni mit dem Bau losgelegt werden. Die Ausschreibung ist Voraussetzung, um die Mittel im SER-Haushalt abrufen zu können, deshalb läuft sie bereits.
Radschnellweg fünf Monate gesperrt
Während der Bauzeit von Juni bis Oktober muss der Radschnellweg von Wannweil nach Betzingen entlang der Bahnlinie gesperrt werden. Der Grund: Massige Steinriegel werden verbaut und müssen wie andere Materialien auf dem Weg gelagert werden, außerdem könnte es zu gefährlichen Begegnungen zwischen den schweren Baufahrzeugen und Radlern kommen. Zwei nahe liegende Umleitungsstrecken wurden geprüft – und verworfen: Zum einen der Parallelweg entlang der L 379 zwischen Wannweil und Betzingen, weil er in Breite und Ausbau nicht dem Radschnellweg entspricht, zum anderen der Schotter-beziehungsweise Waldweg auf der anderen Seite der Bahnlinie. Der ist in einem so schlechten Zustand, dass ihn die Stadt für etwa 150.000 Euro instandsetzen müsste. Eine teure Sache also und schwierig noch dazu, denn ein Abschnitt liegt auf Wannweiler Markung. Das Landratsamt als verkehrsrechtlich zuständige Behörde hat deshalb eine Alternativ-Variante untersucht und letztlich als offizielle Umleitungsstrecke festgelegt: die großräumige Umfahrung über Wannweil und die Gustav-Werner-Straße bis in die Carl-Zeiss-Straße und das Industriegebiet Mark-West.
Genehmigungen stehen noch aus
Der Umbau der Wehranlage ist allerdings erst dann umsetzbar, wenn das Landratsamt seine wasserrechtliche Genehmigung gegeben und das Regierungspräsidium die Fördermittel bewilligt hat. Noch stehen die Entscheidungen aus. Sollten sie negativ ausfallen, hätte das unschöne Konsequenzen: Die Stadt müsste die Ausschreibung zurückziehen und würde damit riskieren, dass die Baufirma, die den Zuschlag erhalten hätte, auf entgangenen Gewinn klagt. Würde das Vorhaben tatsächlich gekippt, wäre das außerdem ein Verstoß gegen die EU-Wasserrichtlinie, was »nicht absehbare Sanktionen« zur Folge haben könnte, wie es in der Vorlage heißt. Um die Sicherung des Uferbereichs, die rund 170.000 Euro kostet, käme die Stadt nicht umhin. Torsten Müller, Abteilungsleiter Gewässer und Regenwassermanagement bei der SER, konnte in der Bezirksgemeinderats-Sitzung die Räte beruhigen: Die Maßnahme habe die SER mit den beteiligten Behörden abgesprochen, das Risiko einer Ablehnung sei gering. »Aber wir müssen darauf hinweisen.« (GEA)

