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Aktuell Gastronomie

Massive Umsatzverluste bei Reutlinger Kneipen und Bars wegen Sperrzeit

Gastronomen aus Reutlingen beklagen sich über die Sperrzeit von 22.30 bis 6 Uhr. Vor allem Betreibern von Bierkneipen und Bars brechen Umsätze weg. Etwas besser sieht es in der Speisegastronomie aus.

Uwe Marchl, Betreiber der »Zentrale«, zeigt auf die Einlassbeschränkungen.
Uwe Marchl, Betreiber der »Zentrale«, zeigt auf die Einlassbeschränkungen. Foto: Andreas Dörr
Uwe Marchl, Betreiber der »Zentrale«, zeigt auf die Einlassbeschränkungen.
Foto: Andreas Dörr

REUTLINGEN. Angesichts von Umsatzrückgängen und Corona-Beschränkungen bangen viele Gastronomen um ihre Existenz. Gegenüber dem Vorkrisen-Niveau von Ende 2019 habe es im Dezember 2021 im Schnitt ein Umsatzminus von gut 50 Prozent gegeben, teilte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) mit. Zu schaffen macht manchen Gastronomen vor allem die Sperrstunde. Sie gilt von 22.30 bis 6 Uhr. Betreiber von Bierkneipen und Bars klagen über massiven Umsatzverlust. In der Speisegastronomie sind die Auswirkungen dagegen nicht ganz so gravierend. Das bestätigt eine stichprobenartige Befragung Reutlinger Gastronomen.

Uwe Marchl, Betreiber der »Zentrale« am Burgplatz, macht die Sperrstunde zu schaffen. Der Wirt bestätigt, dass es einen Unterschied macht, ob ein Gastronom eine Bierkneipe oder ein Speiserestaurant bewirtschaftet. Seine Gäste überlegten es sich jedenfalls zweimal, ob sie um 20.30 oder um 21 Uhr in die Kneipe gehen, wenn sie bereits um 22.30 Uhr den Tresen räumen müssen. »Vor allem dann, wenn Spiele der Fußball-Bundesliga übertragen werden, ist 22.30 Uhr knapp. Die Spiele beginnen ja erst um 20.30 Uhr.« Noch gravierender sei es, wenn die Champions League anstehe. »Diese Spiele beginnen in der Regel um 21 Uhr. Wenn es zur Verlängerung kommt, kriegen meine Gäste das Ende nicht mit, wenn ich um 22.30 Uhr schließen muss. Vielleicht hat der Weltfußballverband ein Einsehen und verkürzt die Spiele auf 70 Minuten.«

Mit den strengen Regeln in Sachen Impfstatus könne er notgedrungen leben. Eine Sperrzeit von 22.30 bis 6 Uhr bestrafe allerdings diejenigen, die sich haben impfen lassen. Es gebe unter seinen Gästen mittlerweile Stimmen, die eine Teilnahme an den Coronademonstrationen nicht mehr ausschließen – aus anderen Gründen, wie das die Coronaleugner oder Impfgegner tun. »Aber der Ärger wächst.« Denn wer sich vorbildlich verhalte und sich habe impfen lassen, werde durch die Sperrzeit bestraft.

Umsatzstarke Monate fehlen

Auch Stefan Löwl, Betreiber des »Vis à Vis« in der Wilhelmstraße, ist die Sperrstunde ein Dorn im Auge. »Die Bierkneipen leben hauptsächlich vom Abendpublikum. Bei einer Sperrstunde ab 22.30 Uhr geht derjenige, der vorher Essen oder ins Kino geht, anschließend nichts mehr trinken. Diese Gäste fallen komplett weg.« Vor Weihnachten habe das »Vis à Vis« nur zwei Tage abends offen und sonst nur Tagesbetrieb gehabt. »Es hat sich einfach nicht mehr gelohnt.« Dass gerade die umsatzstarken Monate November und Dezember eingebrochen sind, sei gravierend. »Im Januar und Februar kommt die Saure-Gurken-Zeit. Das waren in den vergangenen Jahrzehnten immer die schwächsten Monate.« Im November und Dezember habe man sich früher ein finanzielles Polster erwirtschaften können, das über diese Durststrecke hinweggerettet habe. Zurzeit gebe es Einbußen von 50 Prozent. »Wir überlegen, ob wir in einen freiwilligen Lockdown gehen«, sagt Stefan Löwl. Erschwerend komme hinzu, dass viele nicht mehr zum Mittagstisch kommen, weil sie im Homeoffice sind. Unterm Strich summierten sich viele kleine Punkte, die als Ganzes den Betrieb kaum noch wirtschaftlich machten.

Beide Seiten der Medaille, hier Speiselokal, dort Bierkneipe, kennen Richard Lottholz und Sebastian Keinath. Sie betreiben mit dem Wanderheim Rossberg einerseits ein Lokal, wo die Speisegastronomie im Mittelpunkt steht. Mit der »Kaiserhalle« in der Kaiserstraße und dem »Kupferäffle« am Weibermarkt haben sie andererseits zwei Gaststätten, die den Kneipen zuzuordnen sind. »Aufgrund der aktuellen Lage haben wir uns Anfang des Jahres entschlossen, die Kaiserhalle temporär zu schließen«, sagt Richard Lottholz. Die Hauptproblematik sei hier die Sperrstunde. »Die umsatzstärksten Stunden sind an den Wochenendtagen ab 22 Uhr.« Weil diese Stunden wegfallen, entfalle auch ein Großteil der wirtschaftlichen Grundlage dieses Szenelokals. Darüber hinaus könnten Veranstaltungen, zum Beispiel der Karaoke-Abend am Mittwoch, nicht mehr stattfinden. »Dies und die allgemeinen Einschränkungen im normalen Barbetrieb haben zu einem deutlichen Rückgang in der Kundennachfrage geführt.«

Die Sperrstunde habe auf den Betrieb der »Kaiserhalle« jedenfalls deutlich weitreichendere wirtschaftliche Auswirkungen als die 2G-plus-Regelung alleine. Aber obwohl die aktuellen Maßnahmen nun bis Februar verlängert wurden, plant das Duo trotz der sperrzeitbedingten Probleme ab nächster Woche den Betrieb der »Kaiserhalle« wieder hochzufahren.

Nachfrage gestiegen

Auch das »Kupferäffle« ist derzeit geschlossen. Auch hier seien alle geplanten Veranstaltungen und Feiern im Dezember und Januar abgesagt worden. »Aufgrund der aktuellen Kontaktbeschränkungen ist auch hier keine Besserung in Sicht. Zum jetzigen Stand werden wir hier erst im Februar wieder öffnen«, sagt Richard Lottholz.

Anders sei die Situation auf dem Roßberg. »Der Restaurantbetrieb wird durch die Gastronomie-Sperrstunde nicht beeinflusst, da er außerhalb der Öffnungszeiten liegt.« Nachdem mit steigenden Infektionszahlen und den ersten Wirren um die Zugangsbeschränkungen im November und Anfang Dezember deutlich weniger Kunden auf den Roßberg gekommen seien, sei die Nachfrage im Laufe des Dezembers wieder gestiegen und bisher nach wie vor konstant. Für viele Kunden seien die ständigen Regeländerungen aber nur noch schwer nachzuvollziehen.

Das bestätigt Uwe Grauer. Der Vorsitzende der Reutlinger Gastroinitiative (RGI) und Betreiber von »Joli«, »Alexandre«, »Mezcalitos«, »Vesper + Bier« und ab März des »Sale e Pane« (ehemals »Da Piero«) weiß, dass viele Gäste wegen des Wirrwarrs an Verordnungen nicht kommen. »Die Verwirrung ist grenzenlos.«

Öffnung bringt nichts

Uwe Grauer bestätigt aber auch, dass die klassische Speisegastronomie es zwar auch schwer habe, aber vor allem Kneipen und Bars der Sperrzeit wegen große Probleme haben. So bleibe die Cocktailbar im »Mezcalitos« derzeit komplett geschlossen. Eine Öffnung bringe nichts. Auch das »Alexandre« verliere sehr viele Gäste, »da wir ja schon eine Stunde früher die letzte Runde ausrufen müssen. Sonst kommen wir mit Produktion, Service und abkassieren nicht dazu, dass der Laden um 22.30 Uhr leer ist«.

Im »Joli« und im »Mezcalitos« biete sich dagegen die Chance, Speiseumsatz zu machen. »Allerdings haben beide normalerweise einen großen Cocktailumsatz an der Bar. Und der findet sonst nach 22 Uhr statt. Dieser Umsatz fällt also auch komplett weg.« (GEA)