KREIS REUTLINGEN. Wirbel um den bekannten Geflügelhof in Sickenhausen: Tierschützer der Organisation Aninova hatten Landwirt Frank Zeeb der Tierquälerei bezichtigt. Zwei Mal waren Aktivisten nachts in seinen Stall eingedrungen und hatten Bild- und Videomaterial angefertigt. Fast alle Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Doch eine generelle Frage bleibt hängen: Wie werden Landwirte, die Tiere halten, eigentlich kontrolliert? Der GEA hat beim Leiter des Kreisveterinäramts, Dr. Thomas Buckenmaier, nachgefragt.
Aufgrund der Strafanzeige von Aninova müssen Sie ein Gutachten über den Geflügelhof von Frank Zeeb erstellen. Wie wird das ausfallen?
Dr. Thomas Buckenmaier: Recht klein. Denn aus unserer Sicht liegt kein Straftatbestand vor. Klar, die Bilder, die Aninova von den weißen Hühnern gemacht hat, waren nicht schön. Aber daraus können wir nicht ableiten, dass Herr Zeeb gegen das Tierschutzgesetz verstoßen hat. Was bei uns angezeigt wurde, war der Stromdraht. Der laut Aninova – aus meiner Sicht eine Fehlinterpretation – verhindern sollte, dass die Tiere nach draußen können. Diese Anzeige war berechtigt, der Betrieb hat das aus freien Stücken sofort abgestellt.
Wie oft zeigen Tierschützer echte oder vermeintliche Missstände bei Ihnen an?
Buckenmaier: Das sind schon jedes Jahr mehrere Fälle, meist werden Privatpersonen angezeigt. Aber so eine Undercover-Recherche, wie jetzt – das habe ich seit meinem Amtsantritt 2013 noch nicht erlebt.
Wie oft ist an diesen Anzeigen was dran, wie oft nicht?
Buckenmaier: Mal so, mal so. Manchmal stecken Nachbarschaftsstreitigkeiten dahinter. Das erkennt man schon an der Art der Anzeige, daran, dass sich die Menschen primär geruchs- oder lärmbelästigt fühlen. Dafür ist aber die Ortspolizeibehörde zuständig, nicht das Veterinäramt.
»Und dann bekommen wir durchaus Sätze zu hören wie: Wir sollen nicht an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen«
Nach Tierskandalen liest man oft, dass die Kreisveterinärämter personell schlecht aufgestellt sind. Haben Sie genügend Personal in Reutlingen?
Buckenmaier: Wenn die Erwartungshaltung ist, dass wir eingehenden Anzeigen nachgehen - das schaffen wir recht zügig. Wenn es aber darum geht, systematische Kontrollen durchzuführen, um präventiv zu wirken – dann könnte man mit mehr Leuten auch mehr tun. Das ist am Ende eine politische Entscheidung. Ich persönlich bin grundsätzlich dankbar für die Arbeit, die die Tierschutzorganisationen leisten. In der Vergangenheit wurden so viele Skandale aufgedeckt, die allein durch die Arbeit der Veterinäramter nicht unbedingt ans Tageslicht gekommen wären.
Was meinen Sie mit politisch gewollt?
Buckenmaier: Naja, auf der einen Seite erwarten die Menschen, vor allem nach Skandalen, dass wir möglichst alles kontrollieren. Auf der anderen Seite sind wir quasi die Behörde, die die Tierhalter ein bisschen gängelt, so wird es manchmal dargestellt. Wir sind in der Zwickmühle. Es gibt Tierhalter, die sich nach Kontrollen bei Politikern beschweren. Und dann bekommen wir durchaus Sätze zu hören wie: Wir sollen nicht an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Denn wenn es keine Landwirte mehr gibt, braucht man auch keine Veterinärämter mehr.
Wer entscheidet über Ihre personelle Besetzung?
Buckenmaier: Das Land, Tierärzte bei den Unteren Verwaltungsbehörden sind Landesbeamte.
Erklären Sie uns mal die verschiedenen Arten der Kontrollen beim Kreisveterinäramt.
Buckenmaier: Wir haben zum einen anlassbezogene Kontrollen, bei denen in der Regel ein Hinweis vorliegt. Dem gehen wir dann nach. Dann gibt es noch anlasslose Kontrollen, die nach einer Risikobewertung ablaufen.
Nach welchen Kriterien?
Buckenmaier: Also im Lebensmittelbereich spielt beispielsweise eine Rolle: Was ist es für ein Betrieb? Ein Getränkehändler oder ein Metzger? Wie hoch ist das Produktrisiko?
Gibt es solche Risikobewertungen auch für die Tierhaltung?
Buckenmaier: Nein. In diesem Bereich haben wir keine systematische Risikobewertung. Da kocht jedes Veterinäramt gewissermaßen sein eigenes Süppchen. Klar, wir werten beispielsweise Datenbanken nach Sterblichkeit aus. Von Schlachtbetrieben bekommen wir auch Rückmeldung, beispielsweise wenn Tiere in einem dementsprechend schlechten Zustand dort ankommen. Aber es gibt kein landes- oder bundeseinheitliches Vorgehen.
»Wenn jemand seine Verantwortung als Tierhalter nicht wahrnimmt, dann hat er viele Möglichkeiten, das lange zu tun, bevor es jemand merkt«
Konkret am Beispiel Zeeb: Was kontrollieren Sie in so einem Betrieb?
Buckenmaier: Wir machen Salmonellenkontrollen, für das Monitoring kommen wir regelmäßig auf den Hof. Wir sind auch bei der Ausstallung dabei, wenn es zur Schlachtung geht. Wir schauen, in welchem Zustand die Tiere sind, überprüfen die Schlachttauglichkeit. Oder wenn ein Hühnerhalter beispielsweise einen neuen Stall hat, kommen wir und messen den aus, schauen, wie viele Tiere er halten darf.
Bei diesen Kontrollen weiß der Landwirt, dass sie kommen.
Buckenmaier: Genau. Also es ist tatsächlich selten, dass wir unangekündigt vor der Türe stehen, das muss man so sagen. Wenn jemand seine Verantwortung als Tierhalter nicht wahrnimmt, dann hat er viele Möglichkeiten, das lange zu tun, bevor es jemand merkt. Allerdings muss ich anmerken, dass auch ein Prozent der Betriebe pro Jahr unangekündigt auf Einhaltung von EU-Recht kontrolliert wird.
Um diese Schwachstelle zu ändern, müsste sich also die Landespolitik regen?
Buckenmaier: Genau, zum Beispiel mit der Einführung einer Risikobewertung von Tierhaltungsbetrieben, wie bei den Lebensmitteln auch. Daraus ergäben sich die Kontrollhäufigkeiten für die Betriebe. Die Kontrollen für den Lebensmittelbereich sind bundeseinheitlich, das funktioniert ganz gut und ist auch vergleichbar.
»Wenn es richtig blöd läuft, bist du permanent am Ausweichen«
Was sind die häufigsten Mängel, die Sie bei Kontrollen in Geflügelbetrieben feststellen?
Buckenmaier: Das Haltungssystem spielt schon eine große Rolle. Wie werden die Tiere gehalten? Wie kommen sie damit zurecht? Manchmal melden uns Schlachthöfe, dass die Hühner Verletzungen wie Ballengeschwüre hatten. Das ist ein Hinweis, dass im Haltungssystem etwas nicht stimmt, dass der Boden nicht in Ordnung ist. Oft haben die Tiere auch Entzündungen, Bauchwassersucht, wenn sie beim Schlachter ankommen. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Tiere einfach »durch« sind.
Was sind Stressfaktoren für Hühner?
Buckenmaier: Das große Haltungssystem löst natürlich per se erstmal Stress bei ihnen aus. Die leben natürlicherweise eher in Kleingruppen und bilden da eine Hackordnung aus. Man hat immer ranghöhere und rangniedere Tiere, und die niederen gehen den höheren aus dem Weg. Das bedeutet in einem großen Betrieb aber nochmal ganz anderen Stress für die Tiere: Wenn du ein rangniederes Tier bist, dann steht du unter dauerhaftem Stress, weil du ranghohen Tieren aus verschiedensten Kleingruppen aus dem Weg gehen musst. Wenn es richtig blöd läuft, bist du permanent am Ausweichen. Bei Freilandhaltung entspannt sich das ein bisschen …
Wenn Sie bei Kontrollen tatsächliche Mängel finden: Was können Sie dann tun?
Buckenmaier: Wir richten uns nach dem Tierschutzgesetz. Darin ist klar formuliert: Man darf den Tieren keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, ohne vernünftigen Grund. Der Tierhalter muss sachkundig sein. Und die Bedürfnisse der Tiere müssen berücksichtigt werden. An diesen Dingen können wir den Halter messen. Wenn wir einen Mangel feststellen, besprechen wir das in der Regel mündlich mit dem Halter, das ist die erste Eskalationsstufe. Wie bei Zeeb mit dem Stromdraht. Wenn das Problem immer wiederkehrt, ordnen wir eine Beseitigung des Problems an, es gibt eine schriftliche Auflage. Im Lebensmittelbereich brauchen wir das seltener, bei der Tierhaltung eher.
Und was ist die letzte Eskalationsstufe?
Buckenmaier: Das Tierhaltungs- und Betreuungsverbot. Das passiert tatsächlich immer häufiger. Seit meinem Beginn als Amtsleiter 2013 hat sich das eigentlich von Jahr zu Jahr gesteigert.
Wen betrifft das?
Buckenmaier: Eher Privatpersonen, oder Hobbyhalter an der Grenze zur Nebenerwerbslandwirtschaft. Manchmal haben wir es mit Tierhaltern zu tun, die ein bisschen eine Sammelleidenschaft haben, die zu viele Tiere halten, die es nicht mehr bewältigen können. Auch der finanzielle Aspekt spielt da eine große Rolle. Der kann manche Halter ebenso überfordern.
»Das Tierhaltungsverbot, das passiert tatsächlich immer häufiger«
Was ist aus Ihrer Sicht der Hauptgrund, weshalb Landwirte Tiere verwahrlosen lassen oder quälen?
Buckenmaier: Die Erfahrung zeigt: Eigentlich ist es immer die private Situation. Der Betrieb läuft nicht mehr so gut, familiäres Drama, Krankheit … Das wächst einem dann über den Kopf. Auch wenn sich Betriebe überdimensional vergrößern, ist das manchmal schwer zu handhaben für die Landwirte.
Wieso passiert das?
Buckenmaier: In Deutschland scheint immer noch zu gelten: Wachse oder weiche. Wobei ich mich da manchmal frage: Wie machen die Landwirte das in Österreich? In den Bergen gibt es dort immer noch Kleinsthaltungen mit 20 Rindern und die bauen trotzdem einen neuen Stall. Das wäre bei uns glaube ich nicht möglich.
Wieso?
Buckenmaier: Ich spreche manchmal mit Landwirten, die sagen: Ich würde gerne was ändern in der Haltungsform. Aber dann muss ich aus meinen 25 Kühen eben 250 Stück machen, damit ich einen dementsprechenden Stall bauen kann. Sonst bekomme ich keine Förderung.
»Private Tierhaltungen kontrollieren wir nur anlassbezogen, also wenn Hinweise eingehen«
Zum Thema Kontrollen: Wie viele Nutztierhaltungen haben wir im Kreis?
Buckenmaier: 3.258. Da sind wirklich alle Nutztierhaltungsbetriebe eingerechnet: Vom Privatmann mit zwei Hennen bis zum Zeeb-Hof mit 13.000 Hennen, von Rindern bis Eseln.
Und wie oft haben sie 2024 im ganzen Kreis kontrolliert?
Buckenmaier: 643 Kontrollen gab es 2024. In dieser Zahl sind alle Arten der Kontrollen enthalten. Davon wurde bei 387 kein Verstoß festgestellt. Bei 256 konnten Verstöße festgestellt werden, leichte Verstöße bis schwerwiegender Art.
Jetzt haben wir über Kontrollen bei Landwirten gesprochen. Aber Tierquälerei passiert ja auch im Privatbereich. Wie kontrollieren Sie Privatpersonen, die Tiere halten?
Buckenmaier: Das ist schwierig, das muss man so sagen. Private Tierhaltungen kontrollieren wir nur anlassbezogen, also wenn Hinweise eingehen. (GEA)



