REUTLINGEN. Wie kann dem Ärztemangel, besonders im ländlichen Raum, entgegengewirkt werden? Auf diese Frage soll das Projekt »Regionen für ärztliche Ausbildung«, welches nun im Landkreis Reutlingen mit einer Auftaktveranstaltung gestartet ist, Antworten liefern.
Studierende begeistern
Durch das Projekt wird die Vernetzung der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen mit den Kreiskliniken Reutlingen, Praxen und Gemeinden im Landkreis Reutlingen vorangebracht. Ziel ist es, die akademische Ausbildung stärker mit der praktischen Gesundheitsversorgung zu verzahnen und Studenten frühzeitig für eine spätere ärztliche Tätigkeit – insbesondere im ländlichen Raum – zu begeistern. Im Rahmen von Blockpraktika und Hospitationen sollen Medizinstudenten die Region Reutlingen kennenlernen und für eine Tätigkeit im Landkreis gewonnen werden. Diese attraktiven Ausbildungsbedingungen sollen dazu beitragen, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum nachhaltig zu stärken, so das Landratsamt.
Um dieses Vorhaben auf den Weg zu bringen, trafen sich die Vertreter der beteiligten Parteien, um sich auszutauschen und ihre Perspektiven zu schildern. Landrat Dr. Ulrich Fiedler sprach von einem »zukunftsweisenden Projekt. Wir stehen an einem entscheidenden Punkt, was die medizinische Versorgung betrifft. Mit vereinten Kräften können wir an einer Lösung arbeiten.« Dr. Günther Fuhrer, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Reutlingen, hob die Vorteile des Landkreises für angehende Ärzte hervor. Man habe hier eine breite medizinische Palette und könne sich aussuchen, städtisch oder aber auf dem Land zu arbeiten. »Da hat man ganz unterschiedliche Patienten und Möglichkeiten«.
Bürger finden keine Hausärzte
Auf bestehende Herausforderungen kam Dominik Nusser, Geschäftsführer der Kreiskliniken, zu sprechen. Viele Bürger finden keine Hausärzte und gehen so schon bei kleineren gesundheitlichen Problemen in die Notaufnahme - und führen dort zur Überlastung. »Sie wissen sich aber einfach nicht anders zu helfen«, sagte Nusser. Die Anschlussversorgung nach dem Klinikaufenthalt sei ebenfalls ein Problem: »Die Patienten finden beispielsweise keine Pflegeeinrichtungen und bleiben deshalb im Krankenhaus.« Auch das Gesundheitsamt wird immer wieder von Bürgern kontaktiert, die verzweifelt nach ärztlicher Versorgung suchen, wie Dr. Kersten Wolfers, Leiterin des Kreisgesundheitsamts, schilderte.
Eine erfreuliche Zahl nannte Professor Dr. Stephan Zipfel von der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen. Die Zahl der Studenten an der Fakultät habe sich im Vergleich zu 2015 um rund 30 Prozent erhöht - auf knapp über 5.000 im Jahr 2024. Es gelte nun, diese angehenden Mediziner für ärztliche Tätigkeiten hier in der Region zu begeistern. »Wir wollen eine Brücke zwischen Aus- und Weiterbildung schlagen«, sagte Hannah Haumann, ebenfalls von der Universität Tübingen.
Reutlingen als vierte Region für ärztliche Ausbildung
Die Medizinische Fakultät der Universität Tübingen sowie das Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung arbeiten dabei eng mit dem Landratsamt Reutlingen zusammen. Das Projekt wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gefördert. Es unterstützt den Austausch zwischen Gesundheitsämtern, kommunalen Gesundheitskonferenzen, Lehrpraxen und Medizinstudenten der baden-württembergischen Fakultäten.
Dabei handelt es sich nicht um ein komplett neues Unterfangen. Die benachbarten Landkreise Calw, Freudenstadt und der Zollernalbkreis haben sich bereits gemeinsam mit der Universität Tübingen auf diesen Weg gemacht. Nun wird Reutlingen als vierter Landkreis in Baden-Württemberg zur »Region für ärztliche Ausbildung«. (GEA)

