REUTLINGEN. »Der inklusive Kunstwettbewerb ist ein neues Format, um neue Wege zu gehen«, erklärt Landrat Thomas Reumann den neuen Wettbewerb des Reutlinger Kreises am Mittwoch im Reutlinger Landratsamt. Gefördert werden Werke von Künstlern mit Behinderung. Denn bisher ist es den gehandicapten Menschen in der Kulturszene der Region nicht vergönnt, auf Augenhöhe mit anderen Künstlern zu arbeiten, sagt Susanne Blum, Leiterin der Inklusionskonferenz. Das fängt damit an, dass sie oft keine barrierefreien Ausstellungsräume finden.
Im Fokus des Wettbewerbs mit dem Thema »Heimat. Land. Kreis« stehen Zeichnungen, Druckgrafiken, Mischtechniken, Skulpturen und Plastiken von Künstlern der Region oder denjenigen, die mit dem Landkreis in enger Verbindung stehen und bereits im Kreis wohnten. Je zwei Werke aus den vergangenen zwei Jahren, die sich mit »Heimat. Land. Kreis« auseinandersetzen, können die Künstler im Juli einreichen, die Anmeldung dafür beginnt ab jetzt.
»Im etablierten Kunstbetrieb ist akademische Vorbildung notwendig«
Die von einer Jury ausgewählten Qualitätswerke werden vom 18. Oktober bis 17. November in der alten Spinnerei in Wannweil ausgestellt. Preisgelder gibt es keine. Zuständig ist die Inklusionskonferenz mit Leiterin Susanne Blum und Marco Birn als Leiter des Kreisarchivs. Die beiden haben den Wettbewerb auch ausgearbeitet, um das Kulturfeld für alle Menschen zu öffnen. Denn das Ziel ist: »Eine gleichberechtigte Teilhabe schaffen,« sagt Reumann. Nicht die Behinderung soll dadurch in den Fokus treten, sondern die Vielfalt sollte in der Gesellschaft selbstverständlich werden.
Bereits 2013 startete der Kreis mit seiner Inklusionskonferenz die Umsetzung der Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention auf kommunaler Ebene. In den Kunstbereich ist das jedoch noch nicht vorgerückt. Erst durch die Kulturkonzeption, die der Gemeinderat beschlossen hat, rückte die Kulturarbeit für beeinträchtigte Menschen in den Vordergrund.
Thomas Reumann sagt daher: »Es ist etwas Besonderes.« Der Landrat spricht gar von einem »Bekenntnis zur Inklusion.« Es sollte selbstverständlich sein, dass alle Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt teilhaben können und Vielfalt als Bereicherung betrachtet wird, erklärt Reumann. Mit dem Konzept sollen diese Künstler Wertschätzung erfahren und Teilhabe am kulturellen Leben ermöglicht werden. Denn: »Künstler haben einen erschwerten Zugang«, sagt Susanne Blum über Menschen mit Behinderungen in die Kunstwelt. Akademien und Workshops stünden diesen Menschen oft nicht offen. »Im etablierten Kunstbetrieb ist akademische Vorbildung aber notwendig.« Der Wettbewerb sei überregional einzigartig und der Kreis damit in einer Vorreiterrolle, betont Blum.
In der Wettbewerbsjury sind Dr. Marco Birn, Leiter des Kreisarchivs und Kunsthistoriker; Professor Henning Eichinger, Professor für künstlerische Konzeption an der Hochschule Reutlingen; Imke Kannegießer, die neue Geschäftsführerin des Kunstvereins Reutlingen; Wilfried Thron, Galerist und Vorsitzender vom Freundeskreis des Städtischen Kunstmuseums Reutlingen und Friedrich Zirm, Künstler und Absolvent der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.
»Wir tragen die Verantwortung für die Qualität unserer Sammlung«
Alle Werke, die in die Ausstellung aufgenommen werden, werden begleitend in einem Bildband verewigt. »Das ist nachhaltig«, sagt Reumann begeistert. Marco Birn sieht sein Kreisarchiv außerdem in der Pflicht: »Wir sind nicht nur das Gedächtnis, sondern eine Kulturinstitution.« Bereits seit 1986 baut das Archiv seine Kunstsammlung auf. Daher behält sich das Archiv vor, die ausgestellten Werke zu kaufen: »Wir tragen die Verantwortung für die Qualität unserer Sammlung.« Der Veranstalter verkauft außerdem während der Ausstellung provisionsfrei die Werke an Kunstliebhaber. Lediglich Bewerbungsunterlagen und Kunstwerke muss der Künstler selbst einreichen.
Der Ausstellungsort, die alte Spinnerei, sei zwar marode, sagt Blum, aber die Räumlichkeiten seien für die verschiedenen Künste ideal. Noch sind die Werke von Behinderten »Outsider-Kunst«, bald beginnt hoffentlich eine andere Zeit. Die Veranstalter sind sich sicher, dass sie dafür einen wichtigen Beitrag leisten, und sind gespannt auf die Arbeiten. (GEA)
KUNSTWETTBEWERB
Einreichung der Exponate am 4. und 5. Juli von 10 bis 18 Uhr in der Reutlinger Sankt-Peter-Straße 5. Die Vernissage ist am 18. Oktober um 19 Uhr im Batteur-Gebäude der alten Spinnerei in Wannweil. (GEA)

