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Kreiskliniken Reutlingen reduzieren OP-Säle vorsichtshalber

Die Zahl der Covid-19-Patienten steigt in den Kreiskliniken Reutlingen deutlich an. Der Ärztliche Direktor Friedrich Pühringer sagt: »Wir sind gerüstet«

Dr. Friedrich Pühringer ist Ärztlicher Direktor der  Kreiskliniken und Facharzt für  Anästhesie und Intensivmedizin.
Dr. Friedrich Pühringer ist Ärztlicher Direktor der Kreiskliniken und Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Foto: Zieker
Dr. Friedrich Pühringer ist Ärztlicher Direktor der Kreiskliniken und Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin.
Foto: Zieker

REUTLINGEN. Kurz schrillten die Alarmglocken in den Kreiskliniken: Vor wenigen Tagen erhöhte sich die Zahl der Covid-19-Intensiv-Patienten innerhalb eines einzigen Tages von drei auf neun Personen. Die Konsequenz der auch im Landkreis rasant steigenden Infektionszahlen? Womöglich der Beginn eines fatalen Trends? Andernorts werden die Intensiv-Betten schon langsam knapp. Dr. Friedrich Pühringer, Ärztlicher Direktor der Kreiskliniken, ist mittlerweile wieder etwas entspannter und froh, dass sich der kurzfristige Anstieg bisher nicht fortgesetzt hat. Allerdings werden inzwischen deutlich mehr Covid-Patienten stationär betreut als noch vor wenigen Wochen: Gestern waren es insgesamt 32 Personen, davon sieben auf der Intensivstation. Fast alle sind mit der britischen Mutation des Virus infiziert.

Mit kurzfristigen Anstiegen bei den Intensiv-Patienten müsse man immer rechnen, sagt Pühringer. Erklärungen dafür gibt es oft nicht. Gut, wenn sich die Zahlen wieder stabilisieren – wenn auch auf weit höherem Niveau als zu Beginn der dritten Pandemie-Welle. Schon jetzt sei die Isolierstation gefüllt, man habe sehr viel zu tun. Aber: »Wir sind gerüstet«, meint der Ärztliche Direktor mit Blick auf künftige, womöglich belastendere Szenarien. Es gibt an den Kreiskliniken einen Stufenplan, der unter anderem die Ausweitung der Kapazitäten vorsieht, sollte es nötig werden. Regulär stehen 22 Intensiv-Betten zur Verfügung, im äußersten Notfall könnten die Kreiskliniken mehr als 50 bereithalten.

Eine Vorsichtsmaßnahme greift aber bereits: Es wird statt in zehn Operationssälen nur noch in acht operiert, um Personal zu sparen, das auf der Intensivstation gebraucht wird. Das bedeutet laut Friedrich Pühringer aber nicht, dass planbare Operationen bereits abgesetzt werden müssten. In den verbliebenen acht Sälen werde eben bei Bedarf länger operiert.

»Für Spekulationen habe gar ich keine Zeit. Wir reagieren nach Bedarf«

In anderen Kliniken kommen zunehmend auch jüngere und zuvor gesunde Menschen mit schweren Covid-19-Verläufen auf die Intensivstation. Das beobachtet man in den Kreiskliniken Reutlingen bislang nicht. »Es sind bei uns immer noch überwiegend Menschen aus der Altersgruppe 70 plus mit Vorerkrankungen«, berichtet Pühringer. Erfreulicherweise habe man auch etliche Patienten schon nach wenigen Tagen wieder aus der Intensivbetreuung entlassen können, was für schwere Covid-19-Verläufe nicht typisch ist. Die Therapie beschränkt sich indes immer noch auf das Mildern der Symptome. Die Suche der Forscher nach einem wirksamen Medikament, das die Ursache angeht, war noch nicht erfolgreich. Bei schweren Verläufen leiden die Patienten »unter extremen Entzündungsreaktionen«, sagt Pühringer. Diese in den Griff zu bekommen, sei oft eine große Herausforderung. Erfreulich: »Wir haben beobachtet, dass jüngere Patienten auf die Therapie gut ansprechen.«

Einen Rat hat Pühringer für Erkrankte: Bei deutlichen Symptomen sollte man früh ärztlichen Rat suchen und nicht warten, bis die Beschwerden unerträglich werden. In diesem Zusammenhang lobt er seine niedergelassenen Ärztekollegen »draußen«, die bei der Betreuung von Covid-19-Patienten einen sehr guten Job machten und so dazu beitrügen, dass die Krankenhäuser nicht zu sehr volllaufen.

Muss man angesichts der stark steigenden Infektionszahlen im Kreis Reutlingen davon ausgehen, dass die Patientenzahlen auch hier in den Kliniken bald noch deutlich höher werden? »Infiziert bedeutet nicht krank«, betont Friedrich Pühringer immer wieder. Entscheidend für die Kliniken sei, wie viele der Infizierten schwere Symptome entwickeln. Modellrechnungen dafür gibt es, dass es zwangsläufig so kommen muss, steht für den Mediziner indes nicht fest: »Für Spekulationen habe ich gar keine Zeit. Wir reagieren nach Bedarf, die Pläne dafür haben wir in der Schublade.«

Die Kreiskliniken Reutlingen bilden zusammen mit anderen Krankenhäusern in der Region ein sogenanntes »Cluster«. Diese Kliniken helfen sich gegenseitig aus, wenn Stationen voll und Betten knapp werden. Im Moment liegen in Reutlingen allerdings keine Patienten aus anderen Landkreisen.

Was sind aus Pühringers Sicht die Maßnahmen, die der dritten Pandemie-Welle am ehesten Einhalt gebieten könnten? Er nennt das Einhalten der Corona-Regeln mit Abstand, Maskentragen und Lüften, das ausgiebige Testen und den Schutz besonders gefährdeter Gruppen. Dass die nächtliche Ausgangssperre viel bewirken wird, glaubt er eher nicht. Bringt die frisch beschlossene bundesweite »Notbremse« einen spürbaren Effekt? Pühringer formuliert es diplomatisch: »Ich bin nicht überzeugt, dass das der Weisheit letzter Schluss ist.« (GEA)