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Kreis Reutlingen ist Modellregion: Was kann Wasserstoff leisten?

Der Landkreis Reutlingen ist Teil der Modellregion Wasserstoff. Auch hier beschäftigen sich seit Jahren kluge Köpfe mit der komplexen Frage, was der Energieträger leisten  kann und was nicht.

Nicht auf der Erde, aber im Universum ist Wasserstoff das am häufigsten vorkommende Element.
Nicht auf der Erde, aber im Universum ist Wasserstoff das am häufigsten vorkommende Element. Foto: Adobe Stock /GEA
Nicht auf der Erde, aber im Universum ist Wasserstoff das am häufigsten vorkommende Element.
Foto: Adobe Stock /GEA

LANDKREIS REUTLINGEN. Nein, Wasserstoff ist nicht der Stoff, aus dem die Träume der Energiewender sind. Er ist aber auch kein überbewerteter Irrweg. Bei der Erforschung des Einsatzspektrums des im Universum am häufigsten vorkommenden Elements ziehen zahlreiche Akteure auf vielen Baustellen an noch mehr Strippen. Auch der Landkreis Reutlingen zieht mit. Er gehört zur »Modellregion H2Wandel«.

Im Pressegespräch mit Julia Bernecker, am Landratsamt Abteilungsleiterin für Nachhaltige Regionalentwicklung, Professor Dr. Thorsten Zenner und Professor Dr. Gernot Schullerus von der Technischen Fakultät der Reutlinger Hochschule und Michael Bächler, dem Geschäftsführer des Vereins »H2Wandel«, wird schnell deutlich: Ohne Wasserstoff wird es nicht gehen bei der großen Transformation, die den Ausstieg aus der fossilen Energiegewinnung zum Ziel hat. Wasserstoff ist, wie Zenner es ausdrückt, ein »Schlüsselelement der Energiewende«.

»Es gibt nichts Billigeres als Öl aus der Erde zu pumpen«

»Seit gut sechs Jahren beschäftigen wir uns damit, den Wasserstoff voranzubringen«, sagt Bernecker. Dazu gehöre auch, das komplexe Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Landkreis mache die Netzwerkarbeit, der Verein »H2 Wandel« die Projektarbeit für die beteiligten Städte und Landkreise.

Der Verein H2 Wandel

Die »Modellregion H2 Wandel« umfasst die Landkreise Reutlingen, Tübingen, Heidenheim, Alb-Donau und Ostalb sowie die Städte Ulm und Schwäbisch Gmünd. Der 2021 gegründete Verein »H2- Wandel-Modellregion grüner Wasserstoff Baden-Württemberg e.V.« bündelt Know- how und Erfahrungen der Partner und koordiniert die Modellregion. Die Geschäftsstelle des Vereins ist in Ulm angesiedelt. In der Modellregion werden erste Elektrolyseure und Infrastrukturen aufgebaut, es wird untersucht, wie eine künftige Wasserstoffwirtschaft aussehen kann und wie der Energieträger etwa in Industrie, Verkehr und Wohnquartieren genutzt werden kann. Insgesamt stehen knapp 33 Millionen Euro Landesfördermittel für die 19 Konsortiumspartner in den beteiligten Städte und Landkreisen zur Verfügung. (GEA)

Elektrolyseur an der Reutlinger Hochschule

An der Reutlinger Hochschule steht seit Jahresbeginn ein Elektrolyseur, der aus Wasser und Strom Wasserstoff generiert – und damit ein wichtiges Speichermedium, das zur Stabilisierung des Stromnetzes eingesetzt werden soll. Batteriespeicher werden laut Thorsten Zenner im Gesamtsystem für den kurzfristigen Tag-/Nacht-Ausgleich sorgen. In Wasserstoffanlagen ist die langfristige Speicherung großer Energiemengen für den Sommer-/Winterausgleich geplant. Wasserstoff- und Batteriespeicherung sind also keine Konkurrenten, sondern komplementär.

Der Elektrolyseur an der Reutlinger Hochschule von außen: Hier könnte genug Energie für einen mittelständischen Betrieb erzeugt
Der Elektrolyseur an der Reutlinger Hochschule von außen: Hier könnte genug Energie für einen mittelständischen Betrieb erzeugt werden. Foto: Steffen Schanz
Der Elektrolyseur an der Reutlinger Hochschule von außen: Hier könnte genug Energie für einen mittelständischen Betrieb erzeugt werden.
Foto: Steffen Schanz

Mit Brimborium wird er demnächst hochrangigen Landesvertretern vorgestellt, »der große Elektrolyseur«, wie er an der Reutlinger Hochschule genannt wird. So riesig ist er eigentlich nicht. Die Anlage passt in eine Containereinheit auf dem Campusgelände. Darin wird in drei grünen Schränken aus entmineralisiertem Trinkwasser plus grünem Strom Wasserstoff produziert. Unten drin steckt noch eine Brennstoffzelle, die aus Wasserstoff wieder Strom und Wasser macht. An der Hochschule wird das Betriebsverhalten der Gesamtanlage untersucht und die Software optimiert, zugleich beschäftigt man sich mit Themen, die auf spätere Nutzer zukommen, etwa der Frage, welche Genehmigungen es für den Echtbetrieb braucht.

Einsatz bei Firmen

Mit 40 Kilowatt Gesamtleistung hätte die Anlage die Power, einen mittelständischen Betrieb zu versorgen, der mit Solaranlage auf dem Firmengelände Energie für den Selbstverbrauch produzieren und gegebenenfalls den Überschuss verkaufen will. Derzeit sind die Investitionskosten für einen Elektrolyseur laut Zenner noch extrem hoch: 2.000 bis 3.000 Euro pro Kilowatt. Der Wissenschaftler glaubt jedoch, dass kleine dezentrale Anlagen unter 1 Megawatt Leistung bis in fünf Jahren auch für kleine Unternehmen erschwingbar werden, sobald die Elektrolyseure in größeren Stückzahlen verkauft würden. Eine solche Anlage wäre auch zur Versorgung eines Wohnquartiers möglich. Derzeit dürfen sie jedoch nur in Industriegebieten errichtet werden.

H2-Micro-Grid

Geforscht wird an der Reutlinger Hochschule auch am Thema Micro-Grid im Zusammenhang mit Elektrolyseuren und damit der Frage, wie das Netz durch intelligente Steuerung stabilisiert werden kann in Zeiten, in denen die Produktion aus Sonne und Wind und der Verbrauch besonders divergieren. Solange der Netzausbau hinterher hinkt, eine zentrale Aufgabe: Zig Terrawattstunden aus Erneuerbaren Energien gehen jährlich verlustig, weil die Strommenge abgeregelt werden muss.

Wasserstoff statt Gas zum Heizen?

Die Energiewende hat mehr ein Heiz- als ein Stromproblem, vor allem in kalten dunklen Wintern, sagt Thorsten Zenner. Dabei sei es aber nicht sinnvoll, Wasserstoff zu verbrennen, sondern ihn zu verstromen und damit Wärmepumpen anzutreiben – er werde also in der Regel nicht zum Heizen ins Gasnetz eingespeist.

Letztes Jahr auf Testfahrt durchs Steinlachtal: Wasserstoffzug der Deutschen Bahn beim Halt im Mössinger Bahnhof.
Letztes Jahr auf Testfahrt durchs Steinlachtal: Wasserstoffzug der Deutschen Bahn beim Halt im Mössinger Bahnhof. Foto: Jürgen Meyer
Letztes Jahr auf Testfahrt durchs Steinlachtal: Wasserstoffzug der Deutschen Bahn beim Halt im Mössinger Bahnhof.
Foto: Jürgen Meyer

Treibstoff für den Verkehr

Schwerlastverkehr, Busse, Flugzeuge und Züge soll Wasserstoff mobil machen. Ob er breiten Einsatz im ÖPNV-Busverkehr findet, ist laut Zenner noch unklar. Einen Testballon in Sachen Fahrzeugeinsatz gab es schon im Reutlinger Stadtgebiet – keine gute Werbung für die Zukunftstechnologie: »Das Müllauto hat nicht so toll funktioniert«, räumt Julia Bernecker ein. Dass es anderswo anders geht, zeigt das Beispiel Freiburg. Dort wurde die Abfallsammelflotte komplett auf Wasserstoffantrieb umgestellt. In der Region wurde 2016 eine Wasserstofftankstelle eingeweiht. Die Säule in der Metzinger Auchtertestraße steht noch, ist aber offensichtlich außer Betrieb. Der Grund war nicht zu erfahren: Das Unternehmen H2Mobility hat abseits einer automatischen Antwort nicht auf die Presseanfragen reagiert.

Untauglicher Prototyp: Das Brennstoffzellen-Müllauto gaben die TBR Reutlingen zurück.
Untauglicher Prototyp: Das Brennstoffzellen-Müllauto gaben die TBR Reutlingen zurück. Foto: Stadt
Untauglicher Prototyp: Das Brennstoffzellen-Müllauto gaben die TBR Reutlingen zurück.
Foto: Stadt

Regionale Selbstversorgung?

Nur ein Teil des grünen Wasserstoffs werde in der Region produziert werden, prognostiziert Michael Bächler. Er werde dort günstig produziert, wo die Sonne brennt oder der Wind kräftig pustet, in Spanien oder Schottland beispielsweise. Also wieder Abhängigkeit vom Ausland? Ja, räumt Bächler ein: »Beim Wasserstoff haben wir aber mehr Chancen, bei Demokraten einzukaufen als bei Öl und Gas.« Neben dem Ausland biete zudem Norddeutschland gute Bedingungen für die Erzeugung von größeren Mengen an grünen Wasserstoff. Über die Gasleitungen soll der Energieträger dann verteilt werden. Das Wasserstoffkernnetz will der Bund bis 2032 ausgebaut haben. In der Region Reutlingen-Tübingen kommt’s erst 2040 an, glauben die Experten.

Arbeitsplätze in der Region

Solange noch nichts fließt, sind in der Region laut Zenner dezentrale Insellösungen gefragt. Es gelte, vor Ort Technologie zu entwickeln, herzustellen und anzuwenden. Als leuchtendes Beispiel nennt Michael Bächler die EKPO Fuel Cell Technology GmbH – ein Joint Venture von Elring Klinger und OPmobility. Mit seinen Brennstoffzellen mache das Unternehmen mit Hauptsitz in Dettingen »Pionierarbeit« – sei »eines der besten in Europa«. Wasserstoff schaffe Arbeitsplätze in der Region. Angesichts der schwächelnden Autoindustrie, die auch die Zulieferer in die Bredouille bringt, müssen neue Ufer gesucht werden, um »Technologieführerschaft herzustellen oder wenigstens zu bewahren«, betont Julia Bernecker. Für die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe in der Region wäre dies eine Chance.

Gernot Schullerus sieht große Bereitschaft zum Mitmachen bei diesen Unternehmen, die »das Rückgrat« der hiesigen Wirtschaft bildeten. So wollten viele gern Photovoltaik-Anlagen installieren. Der Strom werde aber immer öfter wegen Netzüberlastung nicht abgenommen. »Da müssen Speicher her«. Es gelte nun, Elektrolysekapazität zu installieren und für Abnehmer zu sorgen. »Die Nachfrage ist da, aufgrund der Unsicherheit stehen Käufer aber nicht Schlange.« Ermutigend: Ein überregionaler Projektentwickler sieht laut Michael Bächler Potenzial und möchte im Raum Reutlingen/Tübingen eine 5- bis 10-Megawatt-Anlage für die Wasserstofferzeugung aufbauen – mit Landesfördergeldern und unterstützt vom H2-Wandel-Verein.

Wasserstoff bleibt teuer

»Wasserstoff ist gefährlich und teuer: Stimmt«, räumt Thorsten Zenner ein. Aber er generiere CO2-neutrale Energieversorgung. »Es gibt nichts Billigeres als Öl aus der Erde zu pumpen und die Dritte Welt auszubeuten. Wasserstoff ist teurer als Diesel und wird es auch bleiben.« Die Aufgabenstellung laute aber nicht, das Effizienzproblem des Wasserstoffs zu lösen, sondern das CO2-Problem.

Last not least: Nicht ganz nebenbei wird Wasserstoff auch an anderer Stelle benötigt, um Erdöl zu ersetzen, als Industrie-Grundstoff beispielsweise in Kunststoffen, Dünger oder E-Fuels. (GEA)