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Aktuell Kinderbetreuung

Kreative Ideen gegen die Personalnot in Reutlinger Kitas

Fehlende Plätze in Kindergärten und Kitas, Erzieherinnenmangel: Diese Problematik treibt viele Kommunen um. Das Reutlinger Familienforum hat 33 Vorschläge erarbeitet, die die Situation verbessern sollen – und die keineswegs alle teuer sind.

Viele Betreuungseinrichtungen haben derzeit Probleme, alle Kinder aufzunehmen, die einen Platz wollen. Auch in Reutlingen gibt e
Viele Betreuungseinrichtungen haben derzeit Probleme, alle Kinder aufzunehmen, die einen Platz wollen. Auch in Reutlingen gibt es eine Warteliste. Foto: Skolimowska/dpa Foto: Monika Skolimowska/dpa
Viele Betreuungseinrichtungen haben derzeit Probleme, alle Kinder aufzunehmen, die einen Platz wollen. Auch in Reutlingen gibt es eine Warteliste. Foto: Skolimowska/dpa
Foto: Monika Skolimowska/dpa

REUTLINGEN. Die Lage spitzt sich seit Monaten in vielen Kommunen dramatisch zu: Überall fehlt es an erzieherischem Fachpersonal, was wiederum einen Platzmangel in Kindergärten und Kitas nach sich zieht. Zwischen 400 und 600 Kindern sind es, die in Reutlingen auf einer Warteliste stehen. Und dabei steht die Stadt noch relativ gut da, wenn man bedenkt, dass viele Gemeinden im Moment die Betreuungszeiten teils drastisch reduzieren müssen. Oft wird überhaupt keine Ganztagesbetreuung mehr angeboten.

Allerdings besteht auch in Reutlingen akuter Handlungsbedarf, betonen Claus Mellinger und Susanne Stutzmann vom Familienforum, und Bettina Hermes als Vertreterin der kleinen freien Träger in einem Gespräch mit dem GEA. 33 Maßnahmen wurden seit Mitte 2022 erarbeitet, die die Situation kurz-, mittel- und langfristig verbessern könnten. Dazu haben sich viele Akteure in einem Strategieteam zusammengefunden: Von den Fachkräften mitsamt den Trägern über Eltern bis hin zu Unternehmen, der IHK oder der Verwaltung reichte das Spektrum derer, die sich einbrachten. »Das war ein mustergültiger Prozess in Sachen Beteiligung«, lobt Mellinger. Gemeinsam wurden 33 Ideen entwickelt, »von denen wir überzeugt sind, dass sie wirken«, sagt er.

Von der App bis zur Ampel: viele Ideen entwickelt

Und es sind nicht nur teure Maßnahmen, sondern darunter auch recht simple Dinge, wie die Drei erklären. Etwa das Erleichtern der Homeoffice-Regelung insbesondere für Leitungskräfte, damit diese ungestört und effizienter die Verwaltungsarbeit leisten können. Oder das Beschaffen einer Kita-App für einfachere Kommunikation. »Oft werden Stunden dafür verwendet, Briefe zu kopieren, in Umschläge zu stecken und in die Elternfächer zu legen«, berichtete Claus Mellinger. Ähnlich unkompliziert und zeitsparend wäre eine Ampelregelung, die Eltern schon morgens beim Betreten der Einrichtung signalisiert, wie der aktuelle Personalstand ist und was damit angeboten werden kann. Auch eine Gleichbehandlung aller Erzieherinnen, egal von welchem Träger sie angestellt sind, wünschen sie sich - hierbei geht es sowohl um betriebliche Zusatzangebote wie auch gleiche Bezahlung. Auch gewünscht: Supervisionen, Fortbildungen und weitere Boni, um dem Personal Wertschätzung zu zeigen. Denn oft sei es gar nicht mal die Bezahlung allein, die den Ausschlag gibt, in welcher Kommune man arbeitet, erfährt Hermes immer wieder von Erziehern. Vielmehr gehen diese dahin, wo die Arbeitsbedingungen am Besten sind.

Bettina Hermes, Susanne Stutzmann und Claus Mellinger stellen die 33 Maßnahmen vor, die ein breites Bündnis gegen den Personalma
Bettina Hermes, Susanne Stutzmann und Claus Mellinger stellen die 33 Maßnahmen vor, die ein breites Bündnis gegen den Personalmangel in Kitas entwickelt hat. Foto: Anja Weiß
Bettina Hermes, Susanne Stutzmann und Claus Mellinger stellen die 33 Maßnahmen vor, die ein breites Bündnis gegen den Personalmangel in Kitas entwickelt hat.
Foto: Anja Weiß

Neben diesen Punkten, die sich eher schnell und unkompliziert umsetzen lassen, braucht es natürlich zusätzlich langfristige Strategien, um Personal zu finden oder auszubilden. Hier wünscht sich die Initiative neue Wege und ein Mehr an Flexibilität, etwa mit einem einfacheren Zugang für Quereinsteiger oder für Arbeitskräfte aus dem Ausland. Denkbar wären zudem weitere Akteure, etwa Eltern, die sich in Notlagen miteinbringen. Oder Unternehmen, die ebenfalls unterstützen - sei es räumlich oder mit flexibleren Arbeitszeiten. Oft herrschen nämlich bis heute in der Arbeitswelt Strukturen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kaum erlauben, sagt Susanne Stutzmann. »Aber es ist nicht nur ein Thema für Eltern, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe«, stellt Hermes klar. Denn wenn es an Betreuungszeiten fehlt, bekommt dies auch die Wirtschaft zu spüren.

All dies sind gewichtige Gründe, um dem Personal- und Platzmangel auf kreative Weise zu begegnen. Das wichtigste Argument ist für die Verantwortlichen vom Familienforum jedoch das Kindeswohl. Die Kinder leiden darunter, wenn ihnen die frühkindliche Bildung verwehrt wird, weil es an Erzieherinnen fehlt. »Es sind Bildungseinrichtungen und keine Garderoben, an denen man die Kinder nur abgibt«, verdeutlicht Hermes.

Bisher kein Budget bekannt

Dieses »ganze Kaleidoskop an Maßnahmen«, wie Claus Mellinger es nennt, haben die Beteiligten Mitte dieses Jahres nach Prioritäten geordnet und die Liste wurde dem Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss präsentiert. Verbunden mit der Bitte an die Verwaltung, einen Teil der Maßnahmen in den Haushalt einzubringen. Dies sei allerdings nicht geschehen, bedauern Mellinger, Hermes und Stutzmann. »Wir hatten auf ein Budget gehofft«, sagt Stutzmann, doch das gibt es bislang nicht. Natürlich wisse man um die desaströse finanzielle Lage der Stadt, sagen sie, aber zu einfach dürfe es sich der Gemeinderat dennoch nicht machen. Schließlich gehe es um die Kinder, sagt Mellinger, und darum, den gesetzlichen Anspruch auf Betreuung zu erfüllen. Deshalb sind die Verantwortlichen jetzt auf die Fraktionen zugegangen und hoffen, dass so der ein oder andere Vorschlag doch noch einen Weg in den städtischen Haushalt findet. (GEA)