REUTLINGEN. Die Kinderbetreuung in Reutlingen bleibt eine herausfordernde Baustelle. Seit 2016 hat die Stadt sage und schreibe 926 neue Plätze geschaffen, berichtete Sozialamtsleiter Joachim Haas in der jüngsten Gemeinderatssitzung bei der Vorstellung der Bedarfsplanung 2024. »Eine Riesenleistung der beteiligten Ämter und des Gemeinderats«, durfte Haas sich selbst und alle Involvierten widerspruchslos loben. Doch nun fehlt es massiv an Personal.
Die Anzahl der Kinder hat sich seit 2018 auf hohem Niveau eingependelt (zum Stichtag im Juni 2023: 6.611). In Planzeitraum werden auch keine größeren Wohnbauvorhaben fertig, die weiteren Zuzug nach sich ziehen. Das heißt für die Verwaltung : An der Baufront bleibt es zunächst ruhig. Bis 2026 werden Betreuungseinrichtungen in Bronnweiler, Degerschlacht und Rommelsbach vollendet sowie im Storlach - hoffentlich - begonnen, so Haas. Rein rechnerisch beträgt der Bedarfsdeckungsgrad für die Über-Dreijährigen damit annähernd 100 Prozent, unter drei Jahren liegt man bei 41 Prozent.
»Die Situation ist für die jungen Familien sehr schwer«
Nun können aber wegen des Personalmangels nicht alle vorhandenen Plätze belegt werden. Zum Stichtag im Juni 2023 lag die Vakanz bei den städtischen Trägern (64 Standorte) bei 12 Prozent, bei den Freien Trägern (59 Standorte) bei 14 Prozent: Das entspricht umgerechnet 99 unbesetzten Vollzeitstellen. Hinzu kamen noch die Krankheitsfälle.
239 Plätze sind vom »Aufnahmestopp« betroffen. Das heißt zugesagte räumlich vorhandene Plätze konnten nicht belegt werden, weil die vorgeschriebene Anzahl an Fachkäften nicht erreicht wurde. Eine »Keule für die Eltern«, räumte Haas ein. Die Ansage erfolge meist kurzfristig ein bis zwei Wochen vorher: »Die Situation ist für die jungen Familien sehr schwer.«
Haas hatte auch Zahlen im Gepäck, die Meldungen der Einrichtungen zu Schließungen und reduzierten Öffnungszeiten zwischen Januar und Juni 2023 abbilden. Danach meldeten 37 Prozent der Kitas eine Reduzierung der Öffnungszeiten (meist bis zu fünf Tage oder über zehn Tage). 23 Prozent gaben, abweichend von der Betriebserlaubnis und den Verträgen mit den Eltern, eine dauerhafte Reduzierung ihrer Öffnungszeit von mehr als vier Wochen an. 33 Prozent teilten mit, zu einer Teilschließung oder Schließung gezwungen gewesen zu sein (die meisten bis zu fünf Tage). Jeder zweite der 123 Standorte sei betroffen, so die Hochrechnung im Amt.
»Wir nutzen, was geht«
Der Personalmangel im Bereich Kinderbetreuung ist kein Reutlinger Problem. Das Land hat unter anderem durch die Anpassung der Kitaverordnung reagiert. So dürfen mittlerweile auch fachfremde »andere Kräfte« und Zusatzkräfte auf den Personalschlüssel angerechnet werden.
Zwei Kinder mehr pro Gruppe sind unterdessen erlaubt. Was die Lage zumindest in Reutlingen nicht maßgeblich verbessert hat: Sie wirkt nur, wenn Personal vorhanden ist.
Das Amt arbeitet intensiv an der Personalgewinnung, legten die Ausführungen des Leiters nahe. 14 "andere Kräfte" (Mindestanforderung in der Regel Realschulabschluss) in Fortbildung sind "ein sehr guter" Ansatz, befand Haas. Zielführend auch die Option, Quereinsteiger aus anderen Berufen (Anforderung: Berufsausbildung) zuzulassen. Fünf davon konnte die Stadt bisher gewinnen, sodass derzeit in Summe 90 Azubis in Teil- oder Vollzeit allein beim städtischen Träger am Start sind. »Wir nutzen, was geht«, so Haas.
Marketing-Kampagne, Kontaktaufnahme mit Fachschulen, Attraktivierung der Arbeitsbedingungen: Das Amt versucht, Werbung auf allen Kanälen für den so wichtigen Beruf zu machen, der die Startbedingungen der Kleinsten mit prägt und gerade auch im Bereich der Integration und Sprachförderung einen wesentlichen Beitrag leisten soll. (GEA)

