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Keine Trauung für homosexuelle Paare: Das sagen Pfarrer und Menschen in Reutlingen

Mit Gott, aber ohne Urkunde und Glockengeläut: Klassische kirchliche Trauzeremonien bleiben »Homo-Hochzeiten« auch weiterhin verwehrt. Das haben jüngst die württembergischen Synodalen beschlossen. Womit sich abermals das konservative Lager durchgesetzt hat, das der rechtlichen und liturgischen Gleichstellung homosexueller Paare eine Absage erteilt. Was Reutlinger Pfarrer und Passanten vom Votum halten.

Mai 2020: In Stuttgart wurde damals der erste Segnungsgottesdienst eines homosexuellen Paares vollzogen.
Mai 2020: In Stuttgart wurde damals der erste Segnungsgottesdienst eines homosexuellen Paares vollzogen. Foto: Christoph Schmidt
Mai 2020: In Stuttgart wurde damals der erste Segnungsgottesdienst eines homosexuellen Paares vollzogen.
Foto: Christoph Schmidt

REUTLINGEN. Die Synode hat es jüngst entschieden: Gleichgeschlechtliche Paare dürfen in der Evangelischen Landeskirche auch künftig nicht klassisch getraut werden. Eine Zeremonie ohne Wenn und Aber, also eine rechtliche und liturgische Gleichstellung, bleibt Frau-Frau- und Mann-Mann-Beziehungen somit weiterhin verwehrt. Zwar begrüßt ein Großteil der württembergischen Synodalen eine Modernisierung des Trauungsrechts. Letztlich setzte sich bei der Abstimmung aber doch das konservative Lager durch.

Denn die für eine Änderung der Kirchenordnung notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit wurde knapp verfehlt. Von 90 Stimmberechtigten votierten - bei zwei Enthaltungen - 56 Gremiumsmitglieder für und 31 gegen die »Trauung für alle«. Und das, obschon kirchliche »Homo-Hochzeiten« in den meisten anderen evangelischen Landeskirchen längst Praxis sind. Deshalb mal bei Pfarrern und Passanten nachgefragt: Was halten sie vom Ausgang des Votums? Sind sie mit dem Ergebnis der Abstimmung zufrieden oder hat es sie enttäuscht? Vielleicht sogar überrascht?

»Mit dem Votum der Synodalen habe ich gerechnet«

Angeschrieben hat der GEA vier Theologen aus vier Reutlinger Kirchengemeinden. Namentlich sind es Pfarrer Sven Gallas von der Neuen Marienkirchengemeinde in der Kernstadt, sein Kollege Thorsten Eißler von der für ihre Quartiersarbeit (Stiftung Lebenswert) bekannte Verbundkirchengemeinde Reutlingen-Süd, Pfarrerin Silke Bartel von der Jubilate-Gemeinde Orschel-Hagen und Pfarrer Uwe Altenmüller von der Gemeinde Reutlingen West-Betzingen.

Pfarrer Sven Gallas, Neue Marienkirchengemeinde: "Mit dem Votum der Synodalen habe ich gerechnet. Anders als in anderen Landeskirchen hat der Pietismus in der Württembergischen Landeskirche einen starken Einfluss. Dies bildet sich auch in den Mehrheitsverhältnissen in der Landessynode ab, insbesondere bei Themen wie der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare, bei denen unterschiedliche und nicht miteinander zu vereinbarende Bibelverständnisse maßgeblich sind.

»Wir sind vom Ergebnis enttäuscht, aber nicht überrascht«

Die Evangelische Neue Marienkirchengemeinde hat das landeskirchliche Genehmigungsverfahren 2020 durchlaufen und ist seit 2021 eine der württembergischen Gemeinden, die Segnungsgottesdienste anlässlich einer Eheschließung zwischen Personen gleichen Geschlechts durchführen können. Bisher hat in der Neuen Marienkirchengemeinde (Gottesdienstorte Marienkirche und Matthäus-Alber-Haus) mangels Nachfrage kein solcher Segnungsgottesdienst stattgefunden. Einen erhöhten Bedarf bei gleichgeschlechtlichen Paaren hinsichtlich einer kirchlichen Trauung habe ich bislang nicht wahrgenommen."

Pfarrerin Silke Bartel, Jubilate-Gemeinde: "Ich bin sowohl Pfarrerin der Jubilatekirchengemeinde als auch Prälaturbeauftragte Homosexualität und Kirche in Reutlingen. In beiden Funktionen finde ich es sehr schade, dass wir nicht zu einer menschenfreundlicheren Lösung in puncto Trauungsgottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare finden. Als Seelsorgerin besonders im Rahmen meiner Prälaturbeauftragung bin ich immer wieder entsetzt über manches ausgrenzende Verhalten von Menschen, von Kirchengemeinden und von Pfarrer(innen). Gott ist doch größer als das!

In Jubilate werden selbstverständlich sowohl hetero- als auch homosexuelle Paare gesegnet. Dabei muss konstatiert werden, dass kirchliche Segnungen anlässlich einer Eheschließung im Allgemeinen rückläufig sind."

Pfarrer Thorsten Eißler für das Team Kirchengemeinde Reutlingen-Süd: "Wir haben die Diskussion, auch schon in den letzten Jahren, sehr aufmerksam verfolgt. Das Thema liegt uns sehr am Herzen, weil es uns um die Gleichbehandlung aller Menschen geht. Wenn sich zwei Menschen lieben und Verantwortung für sich übernehmen wollen, sollte es keine Rolle spielen, wer welches Geschlecht hat. Deshalb sind wir enttäuscht über das Votum der Synodalen aber auch nicht überrascht. Das hat sich in den Diskussionen davor schon abgezeichnet. Schade, dass es von einem Gesprächskreis keine Bereitschaft gab, sich zu bewegen.

Glaube, Liebe, Hoffnung und gegenseitiger Respekt plus die damit einhergehende Verantwortung füreinander: vier befragte Reutling
Glaube, Liebe, Hoffnung und gegenseitiger Respekt plus die damit einhergehende Verantwortung füreinander: vier befragte Reutlinger Pfarrer sehen derlei Werte von X- und Y-Chromosomen losgelöst. Foto: Daniel Naupold/dpa
Glaube, Liebe, Hoffnung und gegenseitiger Respekt plus die damit einhergehende Verantwortung füreinander: vier befragte Reutlinger Pfarrer sehen derlei Werte von X- und Y-Chromosomen losgelöst.
Foto: Daniel Naupold/dpa

In der Kreuzkirche sind Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare seit 2019 möglich. In der Evangelischen Hohbuchgemeinde ebenfalls. Dementsprechend gilt das auch für die daraus fusionierte Evangelische Kirchengemeinde Reutlingen Süd. Umso mehr, als der Bedarf auf jeden Fall da ist, seitdem es die Möglichkeit gibt. Dass er gestiegen ist, können wir so nicht festmachen. Allerdings bekommen wir immer wieder auch Anfragen von 'außerhalb' unserer Gemeinde. Gleichzeitig wissen wir aus vielen Gesprächen mit gleichgeschlechtlichen Paaren, dass sie aus Prinzip eine 'Hochzeit zweiter Klasse' ablehnen.

»Wir haben einen Kompromiss gefunden. Der sollte reichen«

Die feinen liturgischen Unterschiede zwischen einer Trauung und einer Segnung (keine Glocken, keine Urkunde mit amtlicher Gültigkeit), nimmt in der Praxis zwar kaum jemand wahr. Es fühlt sich aber trotzdem nach zweiter Klasse an. Wozu also diese Abstufung? Zumal die Trauung in der evangelischen Kirche kein Sakrament ist. Gleichwohl gilt es, festzuhalten, dass in der württembergischen Landeskirche Menschen mit unterschiedlicher Frömmigkeit gemeinsam unterwegs sind. Vor allem Antworten auf die Frage 'Was bedeutet für uns das, was in der Bibel steht?' weichen voneinander ab. Da schwingen außerdem immer große Verlustängste mit und die Angst, theologisch etwas falsch zu machen.

Und das wiederum finden wir als Team der Kirchengemeinde Reutlingen-Süd sehr schade, weil manche Menschen damit in Kauf nehmen, dass Menschen verletzt werden, weil sie irrtümlich als 'falsch vor Gott' erklärt werden. Wir indes glauben, dass alle Menschen von Gott so gewollt und geliebt sind, wie sie sind."

Ringtausch in Berlin: Anders als in der württembergischen Landekirche können homosexuelle Paare hier ohne Wennn und Aber getraut
Ringtausch in Berlin: Anders als in der württembergischen Landeskirche können homosexuelle Paare hier ohne Wennn und Aber getraut werden. Foto: Wolfram Kastl/dpa
Ringtausch in Berlin: Anders als in der württembergischen Landeskirche können homosexuelle Paare hier ohne Wennn und Aber getraut werden.
Foto: Wolfram Kastl/dpa

Pfarrer Uwe Altenmüller, Kirchengemeinde West-Betzingen: "Ich bin enttäuscht, dass das nötige Quorum nicht erreicht wurde. Denn ich hielt den Schritt von der seitherigen Regelung zum neuen Gesetzentwurf nicht für so groß. Es ging vor allem um den Begriff 'Trauung' und eine Vereinfachung des Verfahrens für die Kirchengemeinden, die diese Trauung feiern wollten. Enttäuscht bin ich, weil eine 'Trauung für alle' ein öffentliches Zeichen an alle Betroffenen gewesen wäre.

Für Menschen aus unseren Gemeinden, die anlässlich ihrer Eheschließung um einen Gottesdienst bitten, mag es vielleicht nicht entscheidend sein, ob das Etikett 'Trauung' draufklebt. Wichtiger könnten die Verkündigung der Liebe Gottes und der Segen sein.

»Es kann ja schließlich niemand was für seine sexuelle Orientierung«

Ich bin froh, dass sich unsere Kirchengemeinde West-Betzingen vor ein paar Jahren auf den Weg gemacht und nun die Möglichkeit hat, solche Gottesdienste zur Segnung zu feiern. Ob der Bedarf gestiegen ist, kann ich nicht sagen; tatsächlich ist die Häufigkeit solcher Gottesdienste sehr gering. Entscheidend sind für mich aber nicht die Zahlen, sondern dass Paare, die zu unseren Gemeinden gehören, einen solchen Gottesdienst feiern können, wenn sie das möchten. Das Ringen unserer Landessynode um diese Frage kommt in der Präambel zum Gesetzentwurf - aber auch schon im geltenden Gesetz - zum Ausdruck. Dort wird von 'unterschiedlichen Auslegungen der Bibel' gesprochen, die gegenseitig respektiert werden. Mehr ist gegenwärtig bei den unterschiedlichen theologischen Traditionen offenbar nicht möglich."

Stimmen aus der Fußgängerzone: »Mir ist es ehrlich gestanden wurscht, ob sich homosexuelle Paare trauen oder segnen lassen dürfen«, sagt Maximilian Möck. »Wobei ich grundsätzlich niemals etwas dagegen habe, wenn gleiches Recht für alle gilt. Und wenn ich etwas länger drüber nachdenke, empfinde ich die aktuelle Praxis sogar als diskriminierend. Es kann ja schließlich niemand etwas für seine sexuelle Orientierung. Christen, die daran glauben, dass der liebe Gott bloß Heteros erschaffen hat, sollten sich mal hinterfragen und der Naturwissenschaft eine Chance geben«, gibt der 47-Jährige zu Bedenken.

»Kirchliche Hochzeiten sind keine Gender-, sondern reine Glaubenssache«

Derweil für Martha Eberle feststeht, dass eine »gottgewollte Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau geschlossen werden darf. So steht das in der Bibel und so sollte es auch umgesetzt werden.« Wenn der Staat eine Ehe anders definiere, als die Kirche, sei das, so die 81-Jährige, »selbstverständlich sein gutes Recht«, bedeute aber keineswegs, »dass sich die Kirche dem anpassen muss. Wir haben in dieser Angelegenheit doch bereits einen Kompromiss gefunden. Der sollte genügen. Auch, weil sich viele mit ihm jetzt schon sehr schwertun und alles, was darüber hinaus geht, ablehnen.«

Und wie bewertet Pia-Sophie Graff die Entscheidung der Synode? »Die finde ich einfach bloß schade. Sie passt nicht in diese Zeit.« Für die 18-Jährige seien »kirchliche Hochzeiten keine Gender-, sondern reine Glaubenssache. Wer an Gott glaubt, sollte auch kirchlich getraut werden dürfen - egal ob männlich, weiblich, divers oder sonst wie.« Zumal ja zahllose »Hetero-Brautpaare vor den Altar treten, obwohl sie mit Gott gar nichts anfangen können. Die benutzen die Kirche bloß als stilvolle Kulisse für ihr Event. Das finde ich megaheuchlerisch. Aber ausgerechnet daran, scheint sich seltsamerweise niemand wirklich zu stören.« (GEA)

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Was halten Sie von der kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlicher Paare?

Homosexuelle Paare dürfen sich in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg weiter nicht trauen lassen.

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