KREIS REUTLINGEN. Picknickdecken und aufblasbare Sitzkissen, eine Kühlbox mit Eis und erfrischenden Getränken, Snacks, eine kleine Soundbox, ein Handyladekabel – im Nu verwandelt sich ein Teil des Reutlinger Bürgerparks in ein gemütliches Wohnzimmer, wenn die Mitarbeiterinnen der Mobilen Jugendarbeit (MJA) Innenstadt ihren Bollerwagen auspacken. Mit ihrem neuen Projekt »Mobil(e) im Park! – Jugendliche erobern sich den Bürgerpark zurück« wollen die vier Frauen nicht nur Gesicht zeigen und auf das Angebot für junge Menschen aufmerksam machen, sondern in erster Linie genau diesen jungen Menschen das Gefühl geben, dass sie im Bürgerpark und dem angrenzenden Gerberviertel willkommen sind.
Das hat einen konkreten Hintergrund: Im Sommer 2023 war es vermehrt zu Polizeikontrollen gegenüber Jugendlichen ab zwölf Jahren gekommen. Das Gerberviertel ist seit Jahren ein kriminell auffälliges Gebiet in Reutlingen – mit Vandalismus, Vermüllung und Drogenhandel. »Es gab Bewohnerinitiativen, die sich gegen Jugendliche ausgesprochen haben«, er-klärt Sozialarbeiterin Heide Barth. »Befeuert wurde die Sache noch durch Bürger, die sagten, sie hätten nachts Angst, durch den ZOB zu gehen.« Diese Bereiche wurden kurzzeitig als Gefahrengebiete eingestuft, was es der Polizei ermöglichte, verdachtsunabhängige Kontrollen durchzuführen – teils bis zu fünfmal am Tag, erinnert sich Patricia Haberl von der MJA, die damals noch im Jugendcafé gearbeitet hatte. »Die Teenager sind zu uns reingeflüchtet vor der Polizei. Die Kontrollen waren massiv und unverhältnismäßig.« Sie frage sich, wie junge Menschen so Vertrauen in die Polizei haben sollen. »Sie haben nichts gemacht, sie waren einfach nur in der Innenstadt.« Auch lösen starke Polizeikontrollen das eigentliche Problem in Barths Augen nicht: »Wenn man kriminelle Jugendliche vertreibt, lösen sie sich ja nicht in Luft auf. Dann dealen sie halt woanders.«
Der Vorwurf des unverhältnismäßigen Vorgehens ist für Lutz Jaksche, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Reutlingen, nicht nachvollziehbar: »Der polizeiliche Einsatz im Gerberviertel war mit Blick auf die dargelegten Umstände in Art und Umfang erforderlich«.
MOBILE JUGENDARBEIT
Die Mobile Jugendarbeit (MJA) der »Hilfe zur Selbsthilfe gGmbH« versteht sich als niederschwelliges Angebot für junge Menschen, die von herkömmlichen Angeboten der Jugendarbeit und Jugendhilfe nicht oder nur ungenügend erreicht werden. Im Landkreis Reutlingen gibt es die MJA Reutlingen Innenstadt und Ringelbach sowie Metzingen – zudem eine Außenstelle in Tübingen. Offiziell zuständig sind die Streetworker für »Ausgegrenzte oder von Ausgrenzung bedrohte junge Menschen« zwischen 14 und 27 Jahren. Gemeinsam arbeiten sie das eigentliche Problem heraus und wie sie damit umgehen können. Ganz wichtig ist dabei: Alle, die zur Mobilen Jugendarbeit kommen und um Hilfe bitten, kommen freiwillig. Niemand wird vom Jugendamt oder anderen Institutionen geschickt. (jen)
Um den jungen Menschen jedenfalls einen Ort zu geben, wo sie sich gerne aufhalten können, sind die Mitarbeiterinnen der MJA während der Sommerferien mindestens einen Nachmittag oder Abend pro Woche mit ihrem mobilen Wohnzimmer im Bürgerpark präsent – unter anderem mit Spielangeboten wie Frisbee, Federball oder Wikinger Schach.
Grundsätzlich geht es laut Haberl darum: »Wir sind da und sie können zu uns kommen. Oft wollen Jugendliche einfach nur chillen.« Das »Mobile Wohnzimmer« bietet Sitzgelegenheiten, Musik, Sonnenschutz, eine mit Strom betriebene Kühlbox mit erfrischenden Getränken und Snacks, sowie die Möglichkeit, Strom über die solarbetriebene und damit nachhaltige Powerstation zu nutzen, um beispielsweise das Handy zu laden. »Diese Ideen wurden zusammen mit unseren Jugendlichen erarbeitet. Sie zeigen, was sie brauchen, damit der Ort für sie attraktiv ist und sie ihn gerne besuchen«, erklärt Heide Barth.
»Einen massiven Druck üben wir nicht aus«
Gleichzeitig gehört der Bürgerpark (ebenso wie Gerberviertel, ZOB, Müller Galerie, Pomologie und Skatepark) zur Streetwork-Runde der Mobilen Jugendarbeit Innenstadt. Das durch die Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e. V. (kurz LAG Mobil e. V.) geförderte Projekt »Mobil(e) im Park!« soll die Möglichkeit bieten, Kontakte zu knüpfen, gerade zu jüngeren Hilfesuchenden zwischen 14 und 18 Jahren, denn die seien unter den Klientinnen und Klienten nur wenig vertreten. Durch Haberls vierjährige Tätigkeit im Jugendcafé gibt es schon bestehende Kontakte. »Die wollen wir reaktivieren, sodass die Jugendlichen Unterstützung von uns einfordern können, wenn sie uns hier treffen und sehen, dass wir vielleicht hilfreich sein können«, hofft Barth.
Patricia Haberl ist Kultur- und Religionswissenschaftlerin mit der Zusatzausbildung Systemische Pädagogik. Seit Januar ist sie Teil des MJA-Teams Innenstadt. »Ich glaube, keine Jugendarbeit erreicht junge Menschen so gut, wie die Mobile Jugendarbeit – weil das Angebot so niederschwellig ist, weil wir akzeptierend arbeiten und jeden Menschen so nehmen, wie er ist.« Aus dem gleichen Grund macht Diplom-Sozialpädagogin Heide Barth den Job seit nun 28 Jahren – erst viele Jahre im Hohbuch, seit zehn Jahren in der Innenstadt.
»Ich mag es, ohne Druck und Zwang zu arbeiten, weil ich der festen Überzeugung bin: Jeder ändert sich nur aus eigener Motivation heraus und nicht, weil von außen Druck kommt.« Das heißt nicht, dass die Mitarbeiterinnen nicht auch mal etwas thematisieren oder kritisch hinterfragen. »Aber einen massiven Druck, der womöglich zum Beziehungsabbruch führen würde, üben wir nicht aus. Denn das ist unser oberstes Gebot: Beziehung halten, Beziehung anbieten, für die Hilfesuchenden da sein.« Das Team der Mobilen Jugendarbeit Innenstadt besteht aktuell aus vier Frauen im Alter von 31 bis 65 Jahren. Neben Barth und Haberl gehören auch Janina Stupar und Jessy Teufel Lettieri dazu. Bisher hat von den Klienten zwar noch niemand diesen Wunsch geäußert, »grundsätzlich wäre es aber besser, wenn auch wieder ein Mann im Team wäre«, findet Barth. Zu erreichen ist das Team in der Kanzleistraße 22 zu den regulären Kontaktzeiten jeweils montags, dienstags und donnerstags von 14 bis 17 Uhr – mit Termin aber auch zu anderen Zeiten. (GEA)

